Dienstag, 16.10.2018
 

Kompressor | Beitrag vom 01.10.2018

Neue Propagandaserie im russischen Fernsehen"Putin ist ein sehr menschlicher Mensch"

Von Gesine Dornblüth

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Russlands Präsident Wladimir Putin auf dem Weg zu einer Konferenz. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Dieser Mann kann einfach alles: Russlands Präsident Wladimir Putin auf dem Weg zu einer Konferenz. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Die Sendung "Moskau. Kreml. Putin" im russischen Staatssender "Rossija" zeigt den Präsidenten als Superheld im Dauereinsatz und treibt damit den Personenkult um Putin auf die Spitze – jeden Sonntag zur besten Sendezeit.

Was für eine Woche, was für ein Präsident: Wladimir Putin auf dem Gipfel der GUS-Staaten in Tadschikistan, Wladimir Putin beim russisch-aserbaidschanischen Forum in Baku, Wladimir Putin bei der Formel 1 in Sotschi. Den Machern von "Moskau. Kreml. Putin" entgeht nicht das kleinste Detail. Beim Gipfel in Tadschikistan hat Putin einen Band des russischen Dichters Alexander Puschkin bei sich.

Putin und Puschkin

"Wenn der Präsident der Russischen Föderation die ersten Zeilen aus Jewgenij Onegin aufgesagt hätte, hätte jedes Mitglied dieser hohen Versammlung weitermachen können. Das ist, was uns und unsere Völker verbindet: Unsere gemeinsame kulturelle Vergangenheit und Gegenwart. Puschkin ist unser Alles."

Der Präsident – ein Intellektueller? Auch, aber natürlich nicht nur. In Aserbaidschan besuchte Putin ein Judo-Turnier. Anlass genug, um ein 15 Jahre altes Interview mit ihm über Judo und seine Jugend hervorzukramen. Original-Ton Putin:

"Wir haben wenig über Kunst gestritten oder über Literatur, wir haben uns vor allem geprügelt. Recht hatte, wer stärker war. Der genoss die größte Autorität."

"Moskau, Kreml, Putin" erfindet nichts Neues. Jeden Sonntag, zum Wochenausklang, werden den russischen Zuschauern die guten Facetten ihres Präsidenten gezeigt. Mit Bildern der Woche, ergänzt um Archivaufnahmen. Da ist Putin, der Kümmerer, der sich persönlich der Nöte seiner Bürger annimmt.

"Jetzt bitten sie Putin, individuelle Probleme zu klären. Der junge Bergarbeiter Dmitrij ist als Kind verwaist, ihm steht eine Wohnung zu."

Er hat die Wohnung nicht bekommen. Putin:

"Wie heißen Sie? Geben Sie mir Ihre Telefonnummer."

Da ist Putin, der harte Regent, der die Beamten zurechtweist. Den Wirtschaftsminister:

"Maxim Wladislawowitsch, was ist das Problem?"
"Ich bin gerade nicht informiert..."
"Sie sind zu einer Besprechung gekommen, sie müssen informiert sein. Klären Sie das und berichten Sie dann."

Da ist Putin, der Kinderfreund, der den Schulkindern Kladden signiert und sich nach dem Namen der ganz Kleinen erkundigt.

"Kak towarischa zovut?"

Putin ganz intim

Und da ist Putin, der Naturbursche, der mit seinem Kumpel, dem Verteidigungsminister, Beeren und Pilze sammelt.

"Super. Die könnten wir auf dem Markt verkaufen."

Es gibt Putin ganz intim, wie er mit dem Verteidigungsminister Steinböcke beobachtet.

Putin mit Wanderstock und Fernglas in Outdoor-Bekleidung. Im Hintergrund öffnet sich der Blick von oben in eine Tagebene hinein. (imago / Alexei Nikolsky)Putin streift durch das Sajano-Schuschensker Naturreservat in Sibirien. (imago / Alexei Nikolsky)

Putin fährt hinunter in eine Grube bei Norilsk – eine Archivaufnahme:

"Sie sind das erste Staatsoberhaupt seit Peter dem Großen, das 1000 Meter in die Tiefe gefahren ist."

Putin kann schießen. Die Kamera zoomt auf seinen zuckenden Nasenflügel. Getroffen? Der Reporter und ein Uniformierter schauen nach. Überraschung:

"Wir sind an der 600-Meter-Marke. Drei Treffer. Ein ausgezeichnetes Ergebnis."

Und Putin wird von Frauen bejubelt. Bei einem Frauensymposium drängen sie sich nach vorn, um Selfies mit ihm zu machen. 

"Ladies, please take your seats!"

Als wäre das alles noch nicht dick genug aufgetragen, kommen Studiogäste in die Sendung, die zusammenfassen, weshalb Russlands Präsident so fantastisch ist. Da ist der Reporter, der Putin die Woche über quer durch Russland begleitet.

"Ich halte mich zwar noch auf den Beinen, aber es ist schwer, und ich habe keine Ahnung, wie man so einen Marathon durchhalten kann."

"Er ist geschieden, aber verheiratet mit Russland"

Putins Sprecher Peskow war zwei Mal in der Sendung.

"Putin mag nicht nur Kinder, er mag die Menschen. Er ist ein sehr menschlicher Mensch."

Es kommt die Chefin des Propagandasenders RT.

"Er ist geschieden, aber verheiratet mit Russland."

"Ein echtes Geschenk für alle Putin-Fans", befand das Internetportal Meduza nach der ersten Folge von "Moskau. Kreml. Putin". Radio Liberty sprach von "Personenkult". Putins Fans wissen jetzt, wieviel Sport er treibt:

"Er schwimmt täglich einen Kilometer. Für einen normalen Menschen jeden Tag einen Kilometer, das ist ... Das kann ich nur gehend auf dem Boden..."

Nach einem Monat allerdings scheint die Serie von Kultstatus weit entfernt. Einige Ausgaben schrumpften von 60 auf 30 Minuten.

Daran schließt sich übrigens noch eine Talkshow mit demselben Moderator an. Wer sich diesen Fernsehsonntag antut, kann am Montag beruhigt in die Woche starten, denn er weiß: Putin kümmert sich um alles, und Russland ist bei ihm in guten Händen.

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