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Neue Musik | Beitrag vom 17.11.2020

Neue Musik in der Kultur des SpätkapitalismusPastiche und Konsolidierung

Von Thomas Groetz

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Männerprofile verbunden in abstraktem Netzwerkmuster (imago/Ikon Images / Roy Scott)
Das variantenreiche Rekapitulieren bestimmt die Kulturformen der Gegenwart, also auch die Neue Musik (imago/Ikon Images / Roy Scott)

Was Kultur ist, hat sich in den letzten 30 Jahren stillschweigend gewandelt. An die Stelle vitaler Impulse ist die variantenreiche Fortführung des Bestehenden getreten. Doch von Stillstand oder gar Krise zu sprechen, ist ein Tabu.

Das Aufgreifen und Verlängern bereits existierender kultureller Topoi ist nicht nur im Rahmen der digitalen Unterhaltung, sondern auch im Bereich der etablierten Kunstformen längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Die zunehmende Präsenz kultureller Inhalte und Formen aus der Vergangenheit hat weitreichende Auswirkungen, da die Präsenz des Gewesenen den Platz einnimmt, der zuvor für die Gegenwart und eine vorgestellte Zukunft bestimmt war. Das Gefüge der Zeit ist durcheinandergeraten, wie der britische Kulturwissenschaftler Mark Fisher betont.

Tendenz zur Normierung

Auch in der zeitgenössischen E-Musik scheinen gegenwärtig verschiedenste Strömungen und Stile, die sich in den Nachkriegsjahrzehnten herausgebildet haben, selbstverständlicher verbreitet zu sein, als noch in den 1970er und den 1980er Jahren.

Aus der einst traditionsskeptischen und bilderstürmerischen Moderne beziehungsweise Avantgarde ist eine mehr oder weniger neutrale Überlieferungsform geworden, deren versierte Anwendung es jüngeren Generationen von Komponistinnen und Komponisten ermöglicht, gefördert und aufgeführt zu werden.

Andocken an andere Kunstformen

Obwohl, oder gerade weil schleichende Prozesse der Konventionalisierung in der Neuen Musik zum Tragen kommen, macht sich seit einigen Jahren eine Art Gegenbewegung bemerkbar.

Eine jüngere Generation von 30- bis 40-jährigen Komponistinnen und Komponisten lehnt sich gegen konventionelle Standards auf, etwa indem die herkömmliche Aufführungskultur hinterfragt, modifiziert oder durch neue Präsentationsformen abgelöst wird. Zudem finden vermehrt mediale Erweiterungen durch das Andocken an andere Kunstformen wie Theater, Performance, Video und Multimedia statt, sowie durch eine Öffnung in Richtung Popmusik.

Im Bezug auf diese von außen an die Musik herangetragenen Phänomene stellt sich die Frage, wie es eigentlich um das spezifisch Musikalische der Neuen Musik bestellt ist.

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