Seit 20:03 Uhr Konzert
Sonntag, 20.06.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.09.2014

"Neue Montagsdemos"Beseelt von kosmischer Energie

Was wurde aus den Demonstrationen von Systemgegnern in Berlin?

Von Verena Kemna

Ein Teilnehmer der Montagsdemo am 12.05.2014 in Berlin hält einen Regenschirm mit der Aufschrift "Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit" hoch. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)
Montagsdemo für "Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit" 2014 in Berlin. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Anfangs von Tausenden Systemgegnern besucht, locken die Montagsdemonstrationen in Berlin aktuell nur noch rund 100 Menschen an. Anhänger von Verschwörungstheorien können sich aber sicher sein, dass sie hier auf Gleichgesinnte treffen.

"Ein ganzes Universum schaut auf diese Erde, hier kommt eine Energie an via Sonne, aber auch aus dem Zentrum der Galaxie, die noch nie da war, die jeden einzelnen Menschen betrifft, jeden einzelnen Menschen reformiert, transformiert. Daher wachen auch so viele auf!"

Doch es sind immer weniger, die aufwachen. Diese etwa 60-jährige Rednerin auf dem Podium ist beseelt von kosmischer Energie. Mit bebender Stimme beschwört sie ihr Publikum. Noch vor etwa einem halben Jahr haben sich bei Montagsdemonstrationen und Mahnwachen etwa eineinhalb Tausend Systemgegner versammelt.

Trotz gutem Wetter stehen an diesem Montag gerade einmal rund einhundert Montagsdemonstranten vor dem Brandenburger Tor. Von rhetorisch geschulten Verschwörungstheoretikern, die anfangs jede Montagsdemo begleitet haben, ist nichts zu hören. Viele Plakate sind geblieben: Für Friede, Freiheit und Gerechtigkeit, heißt es auf einem Schild. Einige Demonstranten halten blaue Luftballons mit weißen Friedenstauben hoch. Die Menschen werfen den Medien Kriegshetze gegen Russland vor. Sie sind gegen die USA, die NATO, das Finanzsystem. Ein etwa 30-Jähriger hat seine braunen Haare zu einem Zopf gebunden. Er trägt eine Holzkette um den Hals, gestikuliert beim Sprechen.

"Die Einsicht, dass Geld die Welt regiert. Da geht es überhaupt nicht, was den Mahnwachen oft angelastet wird, um neuen Judenhass, völlig falsch, auf gar keinen Fall. Das Bankensystem ist nun mal wie eine Pyramide und es gibt nun mal eine Elite, die halt die Zügel in der Hand hält."

Gegen die NATO und die USA

Ständig wiederholt er das Wort "Frieden". Ein paar Meter weiter steht eine ältere Frau vor einem selbstgemalten Plakat mit der Aufschrift Montagsmahnwache, für Frieden und Menschenrechte weltweit und für alle. Sie trägt Schlabberlook, ihre schulterlangen Haare sind zerzaust, in der Hand hält sie ein Megafon.

"Wir wollen die Völkermorde auf der Welt beenden, wir sind gegen die verbrecherische NATO und wir verurteilen die USA, die die Terrorgruppen selber gegründet hat. Die Hamas wurde vom Mossad gegründet. Es ist ein Verbrechen an der Menschheit."

In dieser Menge können sich die Anhänger von Verschwörungstheorien sicher sein, dass sie auf Gleichgesinnte treffen. Sie behaupten: Das Zentralbanksystem der USA, eine Privatbank in der Hand des jüdischen Großkapitals. Der Anschlag vom 11. September, von den USA selber inszeniert. Daran glaubt auch die Rentnerin aus dem Schwarzwald. Sie hebt triumphierend den Kopf und deutet auf ein kleines Schild, das um ihren Hals baumelt. Sie sei Zenmeisterin, eine Abgesandte des Klosters. Dann verschwindet sie in der Menge in Richtung Brandenburger Tor. Inzwischen ist das Podium frei. Frei für Jenny, die extra aus Bremerhaven angereist ist. Sie setzt sich auf dem Podest zurecht, beginnt ihren Vortrag. Neben ihr liegt eine Gitarre, ein Mikrofon in der Hand.

"Unsere friedlichen Demos und Versammlungen hier sind nur insofern präsent in den Medien, als man uns als neu-rechte Spinner und Rassisten hinstellt, ansonsten aber ignoriert, denn wir sind einfach zu friedlich."

Wie immer bei diesen Montagsdemos möchte sich kaum jemand öffentlich äußern. Hinter den Medien, so heißt es, stecken Lobbyistenverbände und Großfinanziers, die das System unterstützen. Auch dieser Fachabiturient traut sich nicht, über seine Motive zu sprechen. Nur so viel, die Bundesrepublik Deutschland existiert gar nicht, wir leben weiter in den Grenzen des Deutschen Reichs von 1937. Ja, und an den Verschwörungstheorien sei schon etwas dran.

"Eines Tages werden wir Millionen sein"

Ein Student steht am Rande und beobachtet die Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 60, die sich vor der Bühne versammelt haben. Mütter tanzen mit ihren Kleinkindern, andere stehen in Gruppen, diskutieren. Der Student will keinen Namen nennen, er sei zufällig hier.  

"Es sind ja humanitäre Ideen, die hier dargestellt werden. Sind ja halt Probleme auf der ganzen Welt und damit sollte man sich auseinander setzen und ja, finde ich halt gut, dass darüber nachgedacht wird, wie das alles funktioniert mit der Weltwirtschaft. Ich finde, so kann es nicht weitergehen."

Angesprochen auf Verschwörungstheorien, meint er zögerlich.

"Ja, an manchen Verschwörungstheorien ist ja auch ein Kern Wahrheit mit dabei, ich kann jetzt nicht genau bestätigen, dass jede Theorie, die da gesagt wird, der Wahrheit entspricht, bestimmte Kernpunkte gibt es da bestimmt, die auch richtig sind."

Ob er nächsten Montag wieder kommt, weiß er noch nicht. Aus einem Megafon dröhnt der Aufruf:

"Berliner lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein. Denn eines Tages werden wir Millionen sein und dann werden wir euch auch befrei´n!"

Mehr zum Thema:

Extremismus - Witzbolde oder Ewiggestrige? (Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 10.06.2014)
Die "Neue Rechte" - "Keine organisierte neue Kraft" (Deutschlandfunk, Interview, 24.04.2014)
Montagsdemos - Ein bisschen Frieden (Deutschlandfunk, Aktuell, 23.04.2014)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

Stimme und IdentitätUnser akustischer Fingerabdruck
Ein Kind schreit in ein Mikrofon hinein. (Unsplash / Jason Rosewell)

Die Stimme wird als Ausdruck der Persönlichkeit wahrgenommen. Von ihr schließen wir auf Alter, Geschlecht und sogar Attraktivität einer Person. Entsprechend bemühen sich viele, die eigene Stimme zu formen, damit sie so klingt, wie wir uns selbst sehen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur