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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.10.2017

Neue Megacity in Saudi-ArabienEin Zeichen an den Westen - für 500 Milliarden Dollar

Sebastian Sons im Gespräch mit Dieter Kassel

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Blick aus der 46. Etage des Hotels Four Seasons auf die Innenstadt der etwa 4,6 Millionen Einwohner zählenden saudi-arabischen Hauptstadt Riad. (dpa / Peer Grimm)
Blick über die Hauptstadt Riad: Saudi-Arabien verabschiedet sich vom Öl, bereitet sich auf die Zukunft vor (dpa / Peer Grimm)

Das Projekt sprengt alle gekannten Dimensionen. Saudi-Arabien will eine Megastadt aus dem Boden stampfen, "Neom" soll größer werden als Mecklenburg-Vorpommern. Der Politologe Sebastian Sons spricht von einem neuen Silicon Valley - und einem Zeichen an den Westen.

Reich ist das Land durch Öl geworden, jetzt will es unfassbar viel Geld in die Hand nehmen, um sich auf die Zeit nach dem Ende der fossilen Energien vorzubereiten: Saudi-Arabien hat angekündigt, 500 Milliarden US-Dollar im Sand zu verbauen.

Futuristische Megastadt am Roten Meer

Ergebnis soll eine futuristische Megastadt am Roten Meer sein. "Neom" heißt das Projekt, mit 26.500 Quadratkilometern Fläche ist es den Plänen nach größer als Mecklenburg-Vorpommern. Der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman stellte das Vorhaben jetzt in Riad vor. An seiner Seite: der deutsche Top-Manager und ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld als "Neom"-Geschäftsführer.

Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagte im Deutschlandfunk Kultur, "Neom" sei der Versuch, Saudi-Arabien in Bezug auf Modernität und wirtschaftliche Entwicklung international in die "Pole Position" zu rücken. Ein "neues Silicon Valley" solle da entstehen. Das Ausmaß des Projekts sei gigantisch, so Sons - und für ihn nur "schwer vorstellbar".

Wandel mit Grenzen

Laut Sons erlebt das Land momentan einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Das Land öffne sich im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. "Neom" sei auch ein "Zeichen an den Westen", dass Saudi-Arabien in die Moderne strebe.

Dass der Wandel zu einer pluralistischen Gesellschaft und Demokratie führen wird, glaubt Sons aber nicht. Der Wandel habe Grenzen - und die lägen beim konservativen Klerus. "Saudi-Arabien fußt auf einem sehr konservativen und strikten Islam-Verständnis, und das kann man nicht so ohne Weiteres aushebeln."

"Neom" ist auch ein "PR-Projekt"

"Neom" sei dementsprechend auch ein "PR-Projekt". Die Stadt werde vermutlich eine "Oase" werden, in der Ausländer so leben könnten wie im Westen. Jenseits der Stadtgrenzen wird es aber anders zugehen: "Neom" werde eine Enklave bleiben, prognostizierte Sons.

Das Projekt ist Teil eines Umbaus der Wirtschaft in Saudi-Arabien, der im Land "Vision 2030" heißt. Es will sich damit in Bereichen wie Biotechnologie, Energie, Wasser und Medien neu aufstellen. Die erste Bauphase von "Neom" soll den Plänen zufolge 2025 abgeschlossen sein. Das Projekt hat auch das Ziel, viele Jobs zu schaffen und ausländische Investoren anzulocken. (ahe)



Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: In Riad findet gerade eine Wirtschaftskonferenz statt, die zumindest in Europa erst mal nur in Expertenkreisen wahrgenommen wurde. Das hat sich aber geändert, als dort gerade der Bau von "Neom" angekündigt wurde.

Dahinter verbirgt sich eine neue Stadt, die auf einer Fläche entstehen soll, die ein ganzes Stück größer ist als zum Beispiel das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. 500 Milliarden Dollar sollen für diesen Bau zur Verfügung stehen.

Und mit Neom – das ist übrigens zusammengesetzt aus dem lateinischen Begriff "Neo" für neu und "Mustaqbal", dem arabischen Wort für Zukunft, also der Neuen Zukunft – will sich das Land Saudi-Arabien auf seine Zukunft vorbereiten, auf eine Zukunft, in der die Wirtschaft sich dann nicht mehr auf Einnahmen aus dem Erdölhandel verlassen kann.

Wir wollen besprechen, ob das geht, und ob ein Projekt in dieser Größe selbst für ein so reiches Land überhaupt realistisch ist. Und das wollen wir tun mit Sebastian Sons. Er ist der Saudi-Arabien-Experte der Gesellschaft für Auswärtige Politik und unter anderem auch Autor des Buchs "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien, ein problematischer Verbündeter". Schönen guten Morgen, Herr Sons!

Sebastian Sons: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Hat Sie diese Ankündigung, die Mega-Stadt bauen zu wollen, überrascht?

Das Land will seine Wirtschaft diversifizieren

Sons: Grundsätzlich hat mich das nicht wirklich überrascht, weil Saudi-Arabien insbesondere seit dem letzten Jahr mit der Vision 2030, diesem ambitionierten Reformprojekt, schon versucht, Megaprojekte quasi aus dem Boden zu stampfen, um seine Wirtschaft zu diversifizieren, sie unabhängig zu machen vom Erdöl. Aber natürlich, das Ausmaß dieses Projektes ist gigantisch und auch für mich schwer vorstellbar.

Kassel: Das wäre die Frage. 26.500 Quadratkilometer, um es mal ganz genau zu sagen, das ist wirklich noch mal größer als Mecklenburg-Vorpommern, was immer zum Vergleich jetzt herangezogen wird. Haben Sie irgendeine Vorstellung davon – das ist ja erst mal nur eine Fläche. Aber was soll denn da alles entstehen auf dieser Fläche?

Sons: Eigentlich soll da alles entstehen. Es soll eine Stadt werden, wo Menschen leben können, wo Menschen arbeiten können, quasi ein neues Silicon Valley, auch mit Entertainmentmöglichkeiten. Es ist der Versuch, und das hat ja auch der Kronprinz, Mohammed bin Salman, so beschrieben: Es ist der Versuch, Saudi-Arabien sozusagen an die Topposition zu stellen, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht, was die Modernität angeht. Und genau das ist das grundlegende Ziel von ihm, Saudi-Arabien mit dieser Vision 2030 wirklich in eine Pole Position zu rücken und auch das Image dieses Landes deutlich zu verbessern.

Dazu muss man sagen, dass es ja nicht nur allein von Saudi-Arabien entstehen soll, sondern gemeinsam mit Ägypten und Jordanien, was ich grundsätzlich sehr interessant finde, dass man da sozusagen so ein Dreiländereck aufgebaut hat. Das ist mit Sicherheit sehr neu, und da kann man nur gespannt sein, ob das funktioniert. Aber grundsätzlich bin ich da eher ein bisschen skeptisch, muss ich sagen.

Kassel: Auch wegen der geplanten Zusammenarbeit mit Ägypten und Jordanien, aber auch grundsätzlich, weil es ja um die Stadt der Zukunft gehen soll, frage ich mich: Wenn die wirklich entsteht, würde das auch eine gesellschaftliche Entwicklung in Saudi-Arabien bedeuten und bedeuten müssen? Ich meine, die Gesellschaft dort, der Moralkodex und anderes, das ist ja vielleicht selbst innerhalb der arabischen Welt im Moment nicht gerade das Zukunftsorientierteste.

Auf gesellschaftlicher Ebene bewegt sich viel

Sons: Ja, das stimmt schon, aber man muss schon sagen, dass Saudi-Arabien eigentlich seit Jahren einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel durchläuft. Es ist nicht so, dass dieses Land isoliert ist und dass es in seinen verkrusteten Strukturen hängen geblieben ist, sondern da bewegt sich auf gesellschaftlicher Ebene sehr viel.

Im wirtschaftlichen Bereich sehen wir die Öffnung des Landes, aber auch im kulturellen Bereich teilweise. Und Mohammed bin Salman, dieser junge Kronprinz mit Anfang 30, ist eben auch ein Vertreter dieses gesellschaftlichen Wandels, zumindest präsentiert er sich so.

Und dementsprechend ist eine solche Stadt eigentlich nur eine weitere Fortsetzung dieser gesellschaftlichen Öffnung, die das Land in irgendeiner Art und Weise durchlaufen möchte. Die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen haben wir ja auch in den letzten Wochen diskutiert.

Es gibt also sehr viele Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass das Land sich verändern will und es auch verändern muss, denn die wirtschaftliche Krise ist auch in Saudi-Arabien angekommen. Das Land braucht Arbeitsplätze, und natürlich ist es ein Ziel dieses Projektes, auch Arbeitsplätze zu schaffen.

Ob das dann wirklich in der Form gelingt, bleibt abzuwarten. Aber es ist auch das Ziel, der Welt zu zeigen: Seht her, wir können aus unseren starren Strukturen ausbrechen, wir werden ein neues Rechtssystem in dieser Stadt einrichten, was überhaupt nichts mehr zu tun hat mit diesem Scharia-basierten Rechtssystem, das in Saudi-Arabien herrscht. Und das ist auch ein Zeichen an uns, an den Westen, Saudi-Arabien als etwas darzustellen, als was man es bisher nie wahrgenommen hat, nämlich als ein Land, das in die Moderne strebt.

Kassel: Aber da muss ich jetzt wirklich an die Golfstaaten denken, Herr Sons, wo ich immer höre – ich bin, ehrlich gesagt, noch nie da gewesen, aber ich höre immer über Abu Dhabi zum Beispiel oder Dubai, dass es da natürlich diese modernen Hochhausviertel gibt, wo es Tourismus gibt, wo es Wissenschaft und Forschung gibt, wo viele Menschen aus nichtmuslimischen Ländern leben. Und da gibt es auch Freiheiten. Und dann fährt man nur rüber in einen anderen Stadtteil, und dann ist sofort wieder Schluss. Da gibt es keinen Alkohol, da laufen keine Frauen unverschleiert rum, da gelten ganz andere Regeln. Also könnte nicht diese Megastadt innerhalb Saudi-Arabiens eher so was wie eine gesellschaftliche Sonderzone werden, und der Rest bleibt, wie er ist?

Die Grenzen liegen beim konservativen Klerus

Sons: Ja, das kann sehr gut sein. Ich glaube tatsächlich auch nicht, dass dieser gesellschaftliche Wandel dazu führt, dass wir entweder Demokratisierung oder eine pluralistische Gesellschaft in Saudi-Arabien haben werden. Das hat seine Grenzen, und die Grenzen liegen da, wo quasi der konservative Klerus, die Religionsgelehrten massiv berührt werden, denn Saudi-Arabien fußt auf einem sehr konservativen und strikten Islam-Verständnis, und das kann man nicht so ohne Weiteres aushebeln.

Dementsprechend ist es so, dass es ein PR-Projekt ist, ein PR-Projekt, das auch gewisse Freiheiten mit sich bringen wird, aber es wird eine Enklave bleiben. Es wird auch eine Oase sein, wo Ausländer leben können und dort so leben können wie im Westen, aber sie werden nicht ein komplett neues saudi-arabisches Gesellschaftssystem nur aufgrund dieses Projektes haben. Da darf man nicht die Augen vor verschließen, dass es hier sehr wohl in eine vernünftige Richtung geht, was die wirtschaftliche Öffnung angeht, aber eine gesellschaftliche Öffnung, grundlegende gesellschaftliche Öffnung wird es in Saudi-Arabien nicht geben.

Kassel: Was bedeuten diese Pläne für den Rest der arabischen Welt, also für die Nachbarstaaten? Klar, für Ägypten und Jordanien bedeutet es enge Zusammenarbeit, aber die Golfstaaten, auch Katar – wir haben immer noch diese Katar-Krise im Moment –, kleinere Staaten, die ja schon diese Öffnung probiert haben, wie werden die wohl auf die saudischen Pläne reagieren?

Sons: Sollte das realisiert werden, ist das natürlich eine Kampfansage an die kleineren Golfstaaten, die in den letzten Jahren schon ihre Wirtschaft in eine ähnliche Richtung diversifiziert haben, auch versucht haben, von fossilen Ressourcen unabhängig zu werden.

Das versucht jetzt Saudi-Arabien in gewisser Art und Weise auch. Also das, was wir mit der Vision 2030 sehen, ist eine ähnliche Blaupause wie das, was wir schon vor zehn oder 15 Jahren in den Emiraten oder in Katar gesehen haben, nur natürlich alles in einem viel größeren Umfang, weil Saudi-Arabien das viel größere Land ist.

Herausforderung für die kleineren Golfstaaten

Aber selbstverständlich werden dann auch bestimmte Interessen, wirtschaftliche Interessen der kleineren Golfstaaten herausgefordert, im logistischen Bereich, im Handelsbereich et cetera. Das sind sicherlich auch Dinge, die Saudi-Arabien in Kauf nimmt, und da bleibt es tatsächlich spannend, inwieweit sich dann das golf-arabische Verhältnis mitentwickeln wird. Es ist jetzt so schlecht, vor allen Dingen zu Katar, wie nie zuvor, und es ist tatsächlich auch durch eine solche Entwicklung möglich, dass sich dieses Verhältnis nicht grundlegend verbessern könnte.

Kassel: Sebastian Sons, Saudi-Arabien-Experte bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik, über die Zukunftspläne Saudi-Arabiens, zu denen auch eine neue Megastadt namens Neom gehört. Herr Sons, vielen Dank für das Gespräch!

Sons: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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