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Fazit | Beitrag vom 10.09.2021

Neue Leitungen für Berliner Museen"Eine politische Kuratorenauswahl"

Carsten Probst im Gespräch mit Susanne Burkhardt

Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum in Berlin ist am Abend in der Dämmerung beleuchtet. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Vor kurzem wurde die Sanierung der Neuen Nationalgalerie beendet - ab Januar bekommt sie auch einen neuen Direktor. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Überraschend hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwei Personalien bekanntgegeben: Neue Nationalgalerie und Hamburger Bahnhof bekommen neue Leiter. Für Kunstkritiker Carsten Probst sind diese Entscheidungen so kurz vor der Wahl vor allem politisch motiviert.

Ab Januar 2022 wird Klaus Biesenbach Direktor der Neuen Nationalgalerie und des im Bau befindlichen Museums des 20. Jahrhunderts. Das Kuratorenduo Sam Bardaouil und Till Fellrath übernimmt dann die Leitung des Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart. Das teilte der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kurz vor dem Wochenende überraschend mit.

Protest gegen die Entscheidungen

Die Eile in der Berufung sei durchaus ungewöhnlich, sagt Kunstexperte Carsten Probst. Offenbar sei es Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei den Direktorenposten darum gegangen, noch vor der Bundestagswahl Tatsachen zu schaffen. "Die Dringlichkeit war so groß, dass sogar die mächtigen Freunde der Nationalgalerie, die auch viele Ausstellungen dort finanzieren, protestiert und gesagt haben, sie seien bei der Entscheidung übergangen worden."

Aus rein kuratorischer oder künstlerischer Sicht wären die Entscheidungen womöglich anders ausgefallen, betont Probst.

Bei der Personalie Klaus Biesenbach, derzeit Direktor des Museum of Contemporary Art in Los Angeles, scheideten sich die Geister. Biesenbach sei zwar nach dem Mauerfall einer der ersten gewesen, die die Berliner Kunstszene zusammengeführt und zu ihrer internationalen Ausstrahlung beigetragen hätten. 

"Er hat damals für viele Projekte Bundesfördermittel einwerben können und hat sehr geschickt die damalige US-Obsession für Berlin wecken können, diese Mär von der 'Welthauptstadt der Kunst' in die Seelen hineinversenkt. Er war ein großer Werber für Berlin."

Nach seinem Weggang in die USA habe er allerdings "viel Chichi und Komerz" gemacht und nur selten über den westlichen Kunstkanon hinausgeblickt, sagt Probst, der damit gerechnet hatte, dass Biesenbach in Kalifornien "seine Karriere austrudeln lässt".

Pädagogischer Ansatz der Ausstellungsmacher

Das Kuratoren-Duo Sam Badawi und Till Fellrath, das den Hamburger Bahnhof ab Januar übernimmt, betreibt die Plattform Art Reoriented. Dort böte man Institutionen in aller Welt Ausstellungsprojekte an, bei denen aktuelle kulturpolitische Themen mit Werken der Gegenwartskunst "illustriert" würden, sagt Probst. Zwar durchbrächen sie immer wieder kulturelle Klischees, die in den Debatten zwischen Ost und West auftauchten.

"Das ist aber eine pädagogische Art, Ausstellungen zu machen, die sehr stark themenorientiert ist, bei der die Kunst manchmal unter das Joch der Themen gepfercht wird. Auch hier würde ich von einer politischen Kuratorenauswahl sprechen."

Dass es in Zukunft getrennte Leitungen für die Neue Nationalgalerie und den Hamburger Bahnhof geben wird, die lange von einer Hand geleitet wurden, findet Probst grundsätzlich richtig. "Es ist eine Konsequenz aus der Neustrukturierung der aufgeblähten Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den einzelnen Häusern mehr Entscheidungsspielraum zu geben."

Gute Arbeit der kommissarischen Leiter

Es tue ihm sehr leid für die bisherigen kommissarischen Leiter der Neuen Nationalgalerie, Joachim Jäger, und des Hamburger Bahnhofs, Gabriele Knapstein, dass die Wahl nicht auf sie gefallen sei, sagt Probst. Beide seien gute Kommunikatoren, sehr ansprechbar und verbindlich und nicht abgehoben. 

"Im Endeffekt ist es so: Diese beiden Häuser sind Visitenkarten für die Art und Weise, wie in Deutschland über Kunst gedacht wird. Da sucht man für die Leitung Galionsfiguren mit internationalen Beziehungen, mit internationaler Ausstrahlung. Und die hatten Jäger und Knapstein vielleicht nicht im erforderlichen Maß."

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