Seit 15:30 Uhr Tonart

Montag, 17.12.2018
 
Seit 15:30 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.02.2016

Neue Kulturministerin in FrankreichGroßer Beifall für Audrey Azoulay bei Amtsübergabe

Von Jürgen König

Podcast abonnieren
Die französische Kulturministerin Audrey Azoulay (l.) und ihre Vorgängerin Fleur Pellerin bei der Amtsübergabe im Kulturministerium in Paris, aufgenommen am 12. Februar 2016 (picture alliance / dpa / Yoan Valat)
Die französische Kulturministerin Audrey Azoulay (l.) und ihre Vorgängerin Fleur Pellerin bei der Amtsübergabe im Kulturministerium in Paris (picture alliance / dpa / Yoan Valat)

Dass ihr der Posten als französische Kulturministerin entzogen würde, davon hatte Fleur Pellerin wohl nichts geahnt. Die gebürtige Marokkanerin Audrey Azoulay folgt ihr nach. Deren Bekenntnis zur Kultur in Zeiten terroristischer Bedrohung bekam bei der Amtsübergabe großen Beifall.

Als Fleur Pellerin gestern in ihr Büro kam, soll sie nicht die geringste Ahnung davon gehabt haben, dass sie heute nicht mehr Kulturministerin sein könnte. Über den Anruf aus dem Elysée-Palast ist nichts bekannt, in ihrer heutigen Abschiedsrede erwähnte sie Staatspräsident Hollande mit keinem Wort, bei Premierminister Manuel Valls hingegen bedankte sie sich ausdrücklich und wurde, auf ihr eigenes Schicksal anspielend, so persönlich wie nach Meinung vieler Beobachter noch nie in ihren anderthalb Jahren als Kulturministerin.

"Ich glaube, es gibt nicht viele Länder auf der Welt wie dieses, in dem ein Findelkind, das in einem Elendsviertel in einem Entwicklungsland gefunden wurde, von einer Arbeiterfamilie adoptiert wird und schließlich Kulturministerin werden kann. Und ich empfinde eine tiefgehende Dankbarkeit für Premierminister Manuel Valls, dass er meinen Namen dem Präsidenten der Republik im August 2014 vorgeschlagen hat."

Sie habe Kultur immer als "widerständig" empfunden, sagte Fleur Pellerin, ihr Ministerium als einen "Ort des Kampfes" – ein Begriff des Dichters und Kulturministers André Malraux. Welchen Kampf sie dort allerdings führte, davon konnte man sich zuletzt immer weniger ein Bild machen: Fleur Pellerin war engagiert etwa in Fragen des Urheberrechts, hat Gesetzesentwürfe zur Kunstfreiheit vorgelegt, indes hatte sie immer auch etwas Unnahbares, den Kontakt zur Kulturszene, zu den Künstlern wie zu den großen Institutionen schien sie schon seit längerem völlig verloren zu haben. Doch diese Szene ist nun mal überwiegend eine linke Szene, und Präsident Hollande – seine Regierungsumbildung zeigt es: Er will sich ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen als Anwalt der Linken darstellen, und also musste Fleur Pellerin gehen. Alle Kommentare der Pariser Politszene zielen in diese Richtung: So einfach und brutal kann es zugehen in der französischen Politik, von einem Tag auf den anderen und ohne weitere Erläuterungen in der Öffentlichkeit. 

Kultur als zivilisatorische Waffe

Fleur Pellerins Nachfolgerin, Audrey Azoulay, hat – unter anderem – Verwaltungswissenschaften studiert, nach glanzvollem Parcours durch mehrere Elitehochschulen Frankreichs und einem englischen Master of Business Administration arbeitete sie für die EU-Kommission und den französischen Rechnungshof – nicht durch Zufall, sondern aus Leidenschaft fürs Genre kam sie zur Filmwirtschaft und blieb acht Jahre im Centre national du cinéma – als Verwaltungsdirektorin. Von dort holte sie Präsident Hollande als Beraterin für kulturelle Angelegenheiten in den Elysée-Palast. Ihr Bekenntnis zur Kultur in Zeiten terroristischer Bedrohung bekam bei der Amtsübergabe großen und, wie es schien, echten Beifall.

"Dass die Kultur das Leben sei und die Leidenschaft, dass glaube ich von ganzem Herzen. Und gerade weil Frankreich so oft an sich selber zweifelt, zu viel sicherlich, sage ich: Die Kultur eröffnet Horizonte, sie strukturiert ihre Werte, sie bildet unsere zivilisatorische Waffe, ist unser Rückgrat."

Audrey Azoulay, 43 Jahre alt, in Essaouira in Marokko geboren, sie ist die Tochter der Schriftstellerin Katia Brami und des Journalisten und Politikers André Azoulay, der schon den marokkanischen König Hassan II. beraten hatte und nun dessen Sohn berät, Mohammed VI. In intellektuellem Haus aufgewachsen, mit hohen akademischen Graden ausgezeichnet, von energischer und dabei freundlicher Natürlichkeit: Audrey Azoulay sagen manche ein große politische Karriere voraus. 

Mehr zum Thema

Regierungsumbildung in Frankreich - Die neuen Gesichter im Kabinett von Hollande
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 12.02.2016)

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur