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Tonart | Beitrag vom 14.03.2018

Neue Jazz-PlattenKlanggebirge und hingezupfte Träumereien

Von Jan Tengeler

Der Gitarrist Bill Frisell.  (picture-alliance / dpa / Rafa Alcaide)
Der Gitarrist Bill Frisell. (picture-alliance / dpa / Rafa Alcaide)

Auf seiner neuen Platte "Music is" kommt Gitarren-Altmeister Bill Frisell solo daher – zelebriert seine Kunst der leisen Töne. Deutlich schroffer geht es beim Schweizer Trio "Escape Argot" zu. Und der Saxofonist Timo Vollbrecht verarbeitet auf seiner neuen Platte Reiseerlebnisse.

Escape Argot: "Still Writing Letters"

Wuchtig steht der Klang des Schweizer Trios "Escape Argot" im Raum. Christoph Grab, Saxofon, Florian Favre, Klavier und Moog-Synthesizer agieren mit dem Bandleader und Schlagzeuger Christoph Steiner zwischen Komposition und Improvisation in beständig wechselnden Klanggebirgen. Schroffe Felsen, unwegsames Gelände ziehen am Ohr des Hörers vorbei, dann wieder gibt es etüdenhafte, metrische Experimente. Der Taktgeber ist hier auch der Konstrukteur der Musik. 

Bekannt geworden ist Christoph Steiner als Trommler der Band "Hildegard lernt fliegen". In seinem eigenen Trio "Escape Argot" verzichtet er auf einen Bass, um selber noch mehr Gestaltungsspielraum zu haben. Den nutzt er virtuos, aber auch wie ein Kraftmeier. Der Musik mutet oft etwas männlich Unnachgiebiges an, häufige rhythmische Veränderungen sorgen für das Gefühl, immer auf der Hut sein zu müssen.

Hörgenuss ist nur selten im Angebot. Dabei gibt es ihn: etwa in dem Schlussstück der CD "empty books", in dem sich das Trio von einem kleinen Motiv ausgehend zu einem ungeahnten Höhenflug aufschwingt.

Bill Frisell: "Music is"

Im Gegensatz zum Schweizer Trio wirkt Bill Frisell wie ein älterer, zerbrechlicher und immer noch unschuldiger Herr – das Gegenteil von einem Kraftmeier. Der Musiker aus den USA ist einer der stilbildenden Gitarristen der letzten Jahrzehnte. Die Art, wie er die Klänge seiner weiten Heimat – Blues, Country, Pop und Jazz – in elektrifizierte Miniaturen verwandelt, ist unnachahmlich. 

Bill Frisell ist ein Klangmaler ohne Scheu, pathetisch oder einfach nur schön zu klingen, der dann aber auch mit wunderbar verspielten, gar schrulligen Passagen überrascht. "Music is" heißt sein neues Soloalbum – das erste seit 18 Jahren.

Klar, der Mann hat Zeit, er hat sie schon immer gehabt, davon berichten auch seine Stücke. Hier ein Hall, dort eine zweite Gitarre, die im Hintergrund mit ein paar hingezupften Tönen für eine pastellfarbene Grundierung sorgt, manchmal kommt eine Loopstation zum Einsatz. Frisell setzt technische Hilfsmittel vorsichtig ein, niemals stehen sie der Transparenz seiner Musik im Wege. So erkundet er wieder einmal die Rootsmusik der USA auf bedächtig-verquere, träumerische und doch sehr geerdete Weise. Ein tolles Album des Mannes, der alterslos wie seine Musik wirkt. Lediglich die Haare sind inzwischen schlohweiß.

Fly Magic: "Faces and Places"

2010 ist der Saxofonist Timo Vollbrecht von Berlin nach New York gezogen, um seine Studien bei so renommierten Musikern wir Joe Lovano und anderen fortzusetzen. Inzwischen hat er sich in der "Hauptstadt des Jazz" eingerichtet, insbesondere mit seiner Band "Fly Magic", einem Quintett mit Saxofon, Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug. 

Seit fünf Jahren spielt Vollbrecht mit "Fly Magic": "Faces and Places" ist die zweite CD der Band. Der Saxofonist verarbeitet dabei Begegnungen mit Menschen, die er auf seinen vielen Reisen als Musiker getroffen hat. Kambodscha, Syrien, Malaysia, aber auch Manhattan und Schaumburg bei Hannover: Gesichter und Orte dienen Vollbrecht als Inspiration für seine Jazz- Kompositionen, in denen auch Einflüsse aus Klassik, Postrock und Minimal Music ihre Spuren hinterlassen.

Timo Vollbrecht geht mit dem zweiten Album seiner Band "Fly Magic" weiter seinen Weg. Erstaunlich ist die Ruhe, die viele Stücke des jungen Deutschen ausdrücken. Mit gelassener Selbstverständlichkeit präsentiert er einen abwechslungsreichen Klang, der ganz auf seinen weichen Saxofonton zugeschnitten ist.

Schön sind besonders jene Passagen, in denen sich Vollbrecht auf einen ebenbürtigen Dialog mit seinen Mitmusikern einlässt, davon hätte diese Einspielung noch etwas mehr vertragen können.

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