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Tonart | Beitrag vom 28.02.2018

Neue Jazz-Alben Keith Jarretts Neustart im Jahr 1998

Von Matthias Wegner

Der Jazz-Pianist Keith Jarrett beim Jazz-Festival von Juan-les-Pins bei Antibes in Frankreich im Juli 2011 (picture alliance / dpa)
Der Jazz-Pianist Keith Jarrett beim Jazz-Festival von Juan-les-Pins bei Antibes in Frankreich im Juli 2011 (picture alliance / dpa)

Nach einem Burnout kehrte der Jazzpianist Keith Jarrett 1998 mit seinem Trio auf die Bühne zurück und zeigte sich in Topform. "After the Fall" heißt passenderweise das nun erschienene Doppelalbum: eine Dokumentation des Konzerts in New Jersey mit Gary Peacock und Jack Dejohnette.

Wenn es um angesagte Piano-Trios geht, reden wir die meiste Zeit über Bands wie The Bad Plus, über Brad Mehldau oder über das Trio von Michael Wollny, vergessen wird aber oft eine Institution in diesem Format, der kaum jemand je das Wasser reichen konnte: das langlebige Trio des mittlerweile 72-jährigen Pianisten Keith Jarrett.

Jarretts enorme Kreativität und dessen Konzept der vollständigen Improvisation - zumindest bei seinen legendären Solo-Konzerten - hatte einen großen Nachteil: Der Pianist ging stets an seine Grenzen und darüber hinaus. Keith Jarrett war in den 90er-Jahren erschöpft und ausgebrannt. Ihm fehlte plötzlich die Kraft, sich ans Klavier zu setzen, geschweige denn Konzerte zu geben. Doch zum Glück: Ende November 1998 kehrte er nach zwei Jahren krankheitsbedingter Abstinenz zurück auf die Bühne und gab sein erstes Konzert im Performing Arts Center in New Jersey. Ein erster Gehversuch. 

Zusammen mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette tastete sich Jarrett bei diesem Auftritt wieder an das Live-Erlebnis heran und orientierte sich an einigen unschlagbaren Standards. Veröffentlicht wurde das Ganze nun als Doppelalbum unter dem Titel "After The Fall" und beim Hören wird deutlich: Die Handbremse mag bei Jarrett zunächst noch ein wenig angezogen gewesen zu sein, aber nach und nach erforschen die drei Musiker wieder ihre persönlichen Spielräume und beschränken sich nicht nur auf Zartheit und Reduktion.

Keith Jarrett, Gary Peacock, Jack DeJohnette: "After The Fall"
Ecm Records (Universal Music)

Bleiben wir beim Piano-Trio, aber blicken wir in unsere Heimat. Es gab eine Zeit, da hatte Jazz aus Frankfurt am Main einen äußerst wichtigen Stellenwert in der deutschen Musiklandschaft. Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren passierte dort im Umfeld von Albert Mangelsdorff und anderen Erstaunliches. Leider rückten wenige nach und alle sind heute in Frankfurt dankbar, dass es immerhin das Contrast Trio gibt. 2016 gewann es den "Hessischen Jazzpreis" und spielte beim legendären Jazzfestival Frankfurt auf der großen Bühne. Nun liegt ein neues Album vor – "Letila Zozulya".

Ganz im Sinne aktueller Piano-Trios bekommt auch hier der Gesamtsound der Band eine stärkere Bedeutung, als die Virtuosität der einzelnen Musiker. Das Contrast Trio funktioniert als Einheit. Zusätzlich zu den Instrumenten verwendet die Band elektronische Effekte, setzt diese aber unaufdringlich ein und kleistert ihre Musik damit nicht unnötig zu. Zum ersten Mal gibt es beim Contrast Trio diesmal eine weitere Komponente: den Gesang.

Einige Stücke des neuen Albums wurden zusätzlich mit einem ukrainischen Chor in Kiew eingespielt – und das verstärkt die oft etwas düstere und melancholische Ästhetik des Contrast Trios auf beeindruckende Art und Weise.

Contrast Trio:  "Letila Zozulya"
Ecm Records (Universal Music)

Hugh Coltman ist eine männliche Gesangskraft, die wir grundsätzlich im Jazz sehr gut gebrauchen können. Noch immer gibt es Bedarf, noch immer sind die Lücken groß, die die jüngst dahingeschiedenen Jon Hendricks, Mark Murphy und Kevin Mahagony hinterlassen haben. Ähnlich, wie sein Kollege Gregory Porter legte Hugh Coltman vor drei Jahren ein ganz charmantes Nat King Cole-Tribut vor, dass ihn zumindest in Frankreich, wo der Brite auch seit ein paar Jahren lebt, sehr bekannt machte. Nun gib es etwas Neues von ihm – er fragt auf seinem neuen Album – ein wenig kokett: "Who’s happy?"

Hugh Coltman geht auf diesem Album noch tiefer in die Jazzgeschichte zurück, als je zuvor und landet schließlich in New Orleans, wo er sein neues Werk mit einer amtlichen Brass Band eingespielt hat. Das Ganze groovt ganz ordentlich vor sich hin, zwischendrin geht dem Album allerdings ein wenig die Luft aus – einige Songs wirken etwas kraftlos - am Ende bekommt Coltman aber doch noch die Kurve - und dabei helfen ihm die vielen erstklassigen New Orleans-Musiker an seiner Seite. Eine Erkenntnis hat der frühere Bluesrocker in den letzten Jahren gewonnen und auch bei dieser Aufnahme wieder bestätigt bekommen: Jazzmusiker verkörpern oft mehr Rock’n’Roll, als die meisten Rockmusiker es je getan haben. Aber das nur nebenbei.

Hugh Coltman: "Who’s happy?"
Okeh (Sony Music)

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