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Interview | Beitrag vom 07.11.2019

Neue Erkenntnisse zum aufrechten GangAls der Menschenaffe laufen lernte

Madeleine Böhme im Gespräch mit Dieter Kassel

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Das Foto zeigt die Schädelknochen vom Danuvius guggenmosi: Neuer Blick auf die Evolution des Menschen. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)
Schädelknochen vom Danuvius guggenmosi: Neuer Blick auf die Evolution des Menschen. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)

Neue Fossilienfunde aus Süddeutschland stellen die bisherige Sicht auf die Evolution des Menschen grundlegend in Frage. Demnach könnte sich der aufrechte Gang schon vor mehr als zwölf Millionen Jahren entwickelt haben - eine wissenschaftliche Sensation.

Dieter Kassel: 7:10 Uhr ist es jetzt, das heißt, es ist genau zwölf Stunden und zehn Minuten her, da ist mir mein Mobiltelefon ziemlich auf den Wecker gegangen. Da hat es nämlich ständig auf sich aufmerksam gemacht, weil es mir Überschriften vieler großer Nachrichtenorganisationen von der BBC und CNN bis zur "Tagesschau" lieferte.

Überschriften, weil um 19 Uhr gestern eine Sperrfrist abgelaufen ist, ab der eine Veröffentlichung bekannt werden durfte, die sich in der Fachzeitschrift "Nature" findet. In dieser Veröffentlichung geht es um die neuen Erkenntnisse eines internationalen Forscherteams, Erkenntnisse nämlich, die Knochenfunde im heutigen Allgäu betreffen.

Erkenntnisse, die zeigen, dass sich der aufrechte Gang bereits vor 11,6 Millionen Jahren eben dort entwickelt hat. Es geht um ein Forscherteam rund um Madelaine Böhme, Professorin für Paläontologie an der Universität Tübingen.

Die heftigste Überschrift, die ich gestern plötzlich auf dem Handy sah, lautete: "Die Geschichte der Evolution muss neu geschrieben werden." Muss sie das?

Böhme: Vielleicht die Geschichte der frühen menschlichen Evolution. Wissen Sie, wenn diese Überschrift fällt, dann sind das meistens Hinweise oder Ergebnisse, die ein kleines Mosaiksteinchen zu einer bisher bestehenden Theorie beitragen. In meinem Fall allerdings widersprechen die Befunde dem Paradigma der frühen menschlichen Evolution, und in so einem Fall halte ich es schon für gerechtfertigt zu sagen, hier sind gewisse Gedankengänge umzuschreiben und neu zu denken.

Einziges Merkmal: der aufrechte Gang

Kassel: Dieses Lebewesen, das damals begann, aufrecht zu gehen, war ein Menschenaffe. Es war kein Mensch. Habe ich das nur falsch aus dem Biologieunterricht in Erinnerung oder ist es nicht tatsächlich so gewesen, dass man annahm, das sei einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Menschenaffe und Mensch, der aufrechte Gang?

Böhme: Genau so ist es. Das macht auch ein bisschen das Dilemma aus, in dem dieses Fachgebiet ist. Das heißt, der aufrecht Gang war und verblieb als fast einziges Merkmal, was die menschliche Linie definierte. Unsere Daten könnten nun darauf hinweisen, dass dieses bereits beim Menschenaffen, also viel älter, also nicht nur älter in der Zeit, sondern älter im Stammbaum, passierte, und das gehört natürlich mit zu diesen Dingen, die zum Umschreiben jetzt quasi geeignet sind.

Allerdings, ich will nicht ausschließen, dass der Danuvius guggenmosi, so wie wir das Tier nennen, dass das bereits ein früher Mensch ist. Das will ich damit nicht ausgeschlossen haben, aber vorab gehen wir erst mal davon aus, es ist ein Menschenaffe, weil sein Schädel und seine Zahnmerkmale durchaus mit afrikanischen Menschenaffen gut vergleichbar sind.

Das Foto zeigt die Paläontologin Madeleine Böhme bei der Vorstellung der Knochen des Menschenaffen Danuvius guggenmosi. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)Umfangreiches Datenmaterial: Madeleine Böhme bei der Vorstellung der Knochen vom Danuvius guggenmosi. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)

Kassel: Können Sie kurz erklären, weil man fragt sich als Laie natürlich immer, die finden ein paar Knochen, untersuchen die drei Jahre, die Knochen selbst, und dann haben sie ein Jahr diese Ergebnisse analysiert, das ist sogar relativ schnell für die Arbeitsweise in Ihrem Fach, aber ein Laie fragt sich ja, wie kann man denn daraus jetzt schließen, dass dieser Menschenaffe aufrecht gehen konnte?

Böhme: Nun, wir haben ja ziemlich viele Funde für so eine sensationelle Sache. Wir haben 37 Knochen und Zähne, und vor allen Dingen, diese 37 Knochen verteilen sich auf dem gesamten Körper. Wir können Aussagen machen über das Handgelenk, über den Ellbogen, über die Hüfte, über das Kniegelenk und über das Fußgelenk. In den Gelenken und in unserem gesamten Skelett außerhalb das Schädels, unterhalb des Schädels, da stecken ja die Merkmale drin, die uns tatsächlich von Menschenaffen unterscheiden. Deswegen ist das außerordentlich umfangreich, mein Datenmaterial.

Gorilla, Schimpanse und Mensch

Kassel: Das eine ist, dass der aufrechte Gang vielleicht nicht das entscheidende Kriterium Mensch oder Affe ist. Das andere ist: Lange Zeit haben wir geglaubt, die Wiege der Menschheit stünde in Afrika. Muss man da jetzt sagen, die Wiege der Menschheit stand doch eher in Europa?

Böhme: Das kommt drauf an, was Sie unter Menschheit verstehen. Wenn Sie unter Menschheit Homo sapiens verstehen, wäre die Antwort vielleicht eine andere. Wenn Sie aber unter Menschheit den heutigen Mensch mit seinen nächsten Verwandten verstehen, dann ist klar, die Ergebnisse deuten drauf hin, dass die Menschenaffen, insbesondere die afrikanischen Menschenaffen, und der Mensch in Europa ihre Wiege haben und in Europa evolviert sind und sich da geteilt haben in Gorilla, Schimpanse und Mensch.

Kassel: Es gab vor ungefähr vor einem Monat, zumindest was die Veröffentlichung anging, ja noch Forschungsergebnisse von Kolleginnen und Kollegen von Ihnen, die Funde auf den Philippinen betrafen. Das waren auch frühe Formen, mit denen man so nicht gerechnet hat. Müssen wir nicht davon ausgehen, dass sich menschliche Lebensformen, Menschenaffen, zeitlich nicht parallel, aber voneinander unabhängig in verschiedenen Teilen der Welt entwickelt haben?

Böhme: Nein, das würde ich nicht sagen. Also diese Funde, die Sie erwähnt haben, von den Philippinen, die sind spektakulär. Allerdings, die Skelettreste sind 60.000 Jahre alt. Wir sprechen also über eine ganz andere Zeitebene. Dort haben wir es mit einem echten Menschen zu tun, also mit einem Vertreter der Gattung Homo, der allerdings unglaublich primitiv ist, insbesondere in seinen Fußmerkmalen ist er unglaublich primitiv.

Mit primitiv meine ich jetzt, er hat viele im Baum lebende und baumbewohnende Merkmale, und genau das hat ja der Danuvius auch. Das heißt, was wir hier sehen können, ist eine Menschenform in den Philippinen, die viel, viel später, also quasi erst gestern noch existierte, die aber Hinweise auf unsere frühen Vorfahren noch in sich trägt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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