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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 24.03.2012

Neue Eltern - alte Zwänge? - Baustelle Familienpolitik

Gäste: Dr. Karin Jurczyk, Deutsches Jugendinstitut und Hans-Georg Nelles, Sozialwissenschaftler

Moderation: Matthias Hanselmann

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Es gibt zwar "neue Väter" - 75 Prozent der Väter nehmen allerdings keinen Tag Elternzeit. (AP)
Es gibt zwar "neue Väter" - 75 Prozent der Väter nehmen allerdings keinen Tag Elternzeit. (AP)

Seit Jahren diskutieren wir über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Getan hat sich - wenn man die Realität junger Eltern anschaut - erschreckend wenig. Noch immer übernehmen 77 Prozent der Mütter die Hauptlast der Familienarbeit.

Mittlerweile nimmt zwar ein Viertel der Väter Elternzeit, allerdings bleiben nur zehn Prozent dieser Männer mehr als zwei Monate zu Hause. Die Quote der in Vollzeit arbeitenden Mütter verharrt bei rund 30 Prozent, bei Männern liegt sie nach wie vor bei 90 Prozent. Obwohl sie es nicht wollen, verfallen viele Paare, kaum dass sie Eltern werden, in die alten Rollenmuster. Und beide leiden darunter.

"Zu Beginn haben die meisten Paare mehr oder minder egalitäre Pläne", sagt Karin Jurczyk vom Deutschen Jugendinstitut in München.

"Dann kommen die Kinder, und es stellt sich die Frage, wie machen wir es jetzt? Und dann geht es um Verdienst und Karrierechancen, und es greifen die alten Muster. Es gibt natürlich Frauen, die versuchen, das zu ändern, aber sie scheitern und zwar nicht an ihren Männern, sondern an den Rahmenbedingungen. Und es gibt auch die Männer, die es versuchen, aber auch sie scheitern an den Rahmenbedingungen."

Es gebe zwar die viel gepriesenen "neuen Väter", aber:

"Die zwei Vätermonate sind nun auch nicht so wahnsinnig viel. Denn es heißt eben auch, dass 75 Prozent der Väter noch nicht einmal einen Tag Elternzeit nehmen."

Die Sozialwissenschaftlerin und zweifache Mutter beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Familienpolitik. Reformen, so ihre Erfahrungen, kämen viel zu langsam voran.

"Es tut sich etwas, aber es tut sich viel zu wenig, und das Ganze ist nicht konzeptgeleitet. Es gibt viele Einzelprojekte, die sind aber nicht abgestimmt und von einer Gesamtidee getragen."

Daran habe auch der nunmehr achte Familienbericht der Bundesregierung nichts geändert, der in dieser Woche vorgestellt wurde.

"Wir haben keinen Erkenntnisbedarf, wir haben einen Handlungsbedarf!", mahnt auch Hans-Georg Nelles. Der Sozialwissenschaftler und Autor des "VÄTER-Blog" engagiert sich seit mehr als 15 Jahren für eine aktive Vaterschaft. Vor neun Jahren gründete der dreifache Vater die Beratung "Väter und Karriere", bei der er nicht nur ratsuchende Männer, sondern auch Firmen und Institutionen informiert, wie Väter Beruf und Familie besser vereinbaren können.

Seine Beobachtung.

"Nach wie vor ist es so, dass von Männern erwartet wird, Vollzeit zu arbeiten, und dass Frauen dazuverdienen. Das ist zumindest das westdeutsche Modell, in der DDR war es ja anders. Das verhindert eine partnerschaftliche Aufteilung und widerspricht dem Willen vieler Paare. Dazu kommt die fehlende Infrastruktur, Kinderbetreuung. Und wenn Kinder da sind, geht ein Großteil der Energie drauf, diese fehlenden Angebote zu kompensieren. Und das schreckt junge Menschen ab."

Die Traditionalisierungsfalle betreffe beide - Frauen wie Männer:

"Ich erlebe sehr viele Männer, die die Panik kriegen und sagen, ´Es hängt alles von meinem Einkommen ab`. Es passt nicht zur Rolle, überfordert zu sein, es gilt als unmännlich. Und da fangen die Probleme an."

"Neue Eltern - alte Zwänge? Baustelle Familienpolitik"
Darüber diskutiert Matthias Hanselmann heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Karin Jurczyk und Hans-Georg Nelles. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@dradio.de oder auf unserer Facebook-Seite.

Informationen im Internet:
Über Karin Jurczyk
Über Hans-Georg Nelles

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