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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.06.2013

Neue deutsche Volksmusik

Musik aus 50 Jahren Einwanderung in die BRD und die DDR in der Komischen Oper Berlin

Von Tobi Müller

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Komische Oper in Berlin (dpa / picture alliance / Hanns Joosten)
Komische Oper in Berlin (dpa / picture alliance / Hanns Joosten)

"Heimatlieder aus Deutschland" – das war das Motto eines Liederabends in der Komischen Oper Berlin. 13 Chöre und Bands repräsentierten mit je zwei Songs jene Länder, mit denen die beiden deutschen Staaten Anwerbeabkommen hatten.

Der deutsche Migrationsexperte Mark Terkessidis war in den 90er-Jahren Teil jener Kölner Clique, welche die avancierte Popkritik mit dem Magazin "Spex" eine Zeit lang definiert hatte. Es gibt mittlerweile auch Mythen um dieses Heft, dessen Ruf mit seiner relativ niedrigen Auflage in keinem Zusammenhang steht, aber das macht Mythen aus: Dass man ihren Kern nicht versteht oder einfach nicht mehr kennt, wer schließlich hat die "Spex"-Jahrgänge 89 bis 93 zu Hause im Flur stehen?

Was man mit einiger Sicherheit behaupten kann, ist nur, dass ein Tonträger mit dem Titel "Heimatlieder aus Deutschland" bei der alten "Spex" wohl direkt in den Müll gewandert wäre. Begriffe wie Heimat klangen komisch zu einer Zeit, als das Heft Reisen in die Neuen Bundesländer organisierte, um der damals epidemischen fremdenfeindlichen Gewalt mit Konzerten und Diskussionen entgegenzutreten.

Wenn Terkessidis nun heute mit dem Labelmacher Jochen Kühling ein Projekt "Heimatlieder aus Deutschland" nennt und damit einen hochkulturellen Ort wie die Komische Oper im Nu ausverkauft, schwingt diese Provokation noch mit. Denn im Berliner Opernhaus gab es keine Schuhplattler, noch nicht mal Berliner Chansons der 20er-Jahre, sondern Musik aus 50 Jahren Einwanderung in die BRD und die DDR. Die 13 Chöre und Bands, die je zwei Songs aufführten, haben alle einen Migrationshintergrund aus jenen Ländern, mit denen die beiden deutschen Staaten Anwerbeabkommen hatten. Etwa Krankenschwestern aus Südkorea, Fabrikarbeiter aus der Türkei, Hilfskräfte aus Mosambik oder Vietnam. Seit Ende der 90er-Jahre ist Deutschland auch offiziell ein "Einwanderungsland", die Vielfalt ist Teil der Nation. Somit sind die Chöre und Bands, die man früher unter dem Aspekt der "Rückkehrhilfe" aus sozialen Töpfen auch gefördert hatte, heute Teil der deutschen Volksmusik.

Das ist eine schöne rhetorische Volte, die tiptop sitzt. Im Grunde könnte man aber auch fragen: Haben wir etwas anderes gehört im rappelvollen Opernhaus als Folklore aus aller Welt? Hier wird das Projekt komplex. Denn die meiste Musik ist bereits eine Rekonstruktion, das ist nicht authentische Musik im Sinne von im reinen Schoße einer Nation geboren. Es sind die Kinder der Einwanderer, die diese Lieder kurz vor ihrem Vergessen entdecken und wieder aufführen. So kam diese Musik bereits nach Deutschland: als Praxis der Erinnerung, als soziales Gemälde der Sehnsucht und der Trauerarbeit. Diese neue deutsche Volksmusik ist die alte Musik der Einwandererländer, wie sie die Jüngeren erinnern.

Aber hört man das, wenn man als westeuropäischer Silberrücken in der ersten Reihe neben einem farbigen Mädchen sitzt, was die Fotografen und Kameramänner sofort merken und als sinnfälliges Sujet entdecken? Es gibt Anzeichen für diesen Unterschied. Die Initiatoren Terkessidis und Kühling haben einige der Stücke an elektronische Musiker weitergereicht, die daraus Remixe gemacht haben, Bearbeitungen aus dem Geist der Maschine, die sich teilweise weit von ihrem Original entfernen. Auch das ist Volksmusik, auch das ist Deutschland, nichts ist authentisch, aber alles Alltag deutscher Kunst.

Guido Möbius etwa hat einen wunderzarten Remix von "Milho Verde" angefertigt, ein Stück portugiesische Sehnsuchtsmusik, welches das Trio Fado zu Beginn des Abends unter großem Beifall darbot. Als der Möbius-Remix ab Band lief, gab es am Ende Buhrufe, wie fast immer, wenn ein Remix gespielt wurde. Ob es Hörer waren, die in der Volksmusik das Echte, Unkünstliche finden wollen?

Man könnte weiter einwenden, dass die gute Laune, ja Vitalität etwa der nord- oder südostafrikanischen Ensembles auch als exotistischer Genuss konsumiert werden kann. Und wohl auch wird. Aber wer die Blicke und Lüste des Publikums kontrollieren will, will Kunst kontrollieren. Und die handelt, wenn sie gut ist, vom Gegenteil der Kontrolle, nämlich von Freiheit.

Gute Laune sollte nicht gleich verdächtig erscheinen. Zumal wenn der Kunstcharakter auch an diesem extrem gut gelaunten Abend intakt blieb. Denn die Überflieger des in der Tat höchst vielfältigen Abends waren zwei Gruppen, deren Verwandtschaft aus dem Balkan kommt, und deren Folklore ein Formbewusstsein und einen hohen Kunstsinn ausstrahlt. Zum einen waren das die Herren von Klapa-Berlin, die superfeine dalmatinische Gesänge von der kroatischen Küste reinterpretieren, zum andern begeisterten Sandra Stupar und Dusica Gaèiæ mit obertonreichem sogenanntem Ethnogesang vor serbischem Hintergrund. Am Ende gab es Standing Ovations. Jetzt wusste selbst der schlagfertige Moderator Terkessidis einen Monat lang nichts mehr zu sagen.

Auf www.heimatliederausdeutschland.de gibt es alle Stücke und Remixe zu hören, im September erscheinen sie auch auf CD.

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