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Echtzeit | Beitrag vom 16.05.2020

Neue BegrüßungsformenKommen jetzt Ellenbogengruß und Namaste?

Von Matthias Dell

Zwei Frauen Begrüßen sich mit einer angedeuteten Umarmung aus der Distanz auf dem Tempelhofes Feld in Berlin. (imago images / Travel-Stock-Image)
Wie lange wir mit der Pandemie leben müssen, weißer keiner, aber sie verändert gerade unsere Begrüßungsrituale. (imago images / Travel-Stock-Image)

Corona verändert unser Zusammenleben. Handschlag, Umarmung, Küsschen links, Küsschen rechts, all das geht nicht mehr, wo das Distanzgebot herrscht. Unser Autor ist der Frage nachgegangen, wie wir uns künftig begrüßen könnten.

Für mich schien die Sache Mitte März eigentlich klar – wie das jetzt weitergeht mit dem Begrüßen. Es gab dieses Video aus China:

Ein Kleinbus, aus dem ein Mann tritt, die ausgestreckte Hand eines anderen Manns ablehnt und stattdessen schlagen beide die Innenseiten der Füße aneinander – erst links, dann rechts. Der "Foot Shake" war geboren, anfangs auch als "Wuhan Shake" von hier aus belächelt. Mir schien diese Form des Sich-Begrüßens auch deshalb einleuchtend, weil der Mann aus dem Bus dabei ziemlich lässig aussah, die Bewegung organisch wirkte. Ich dachte, das geht jetzt schön viral und dann wissen alle Bescheid.

In der Theorie – wie ich Mitte Mai beim Treffen mit Oliver Kraft feststellen muss

"Ich grüße Sie. Was machen wir jetzt? Füße aneinanderschlagen. So, Schuh an Schuh, was sich ergibt, nicht zu doll halt – eine Seite oder beide – eigentlich nur eine…"

Coronavirus-NewsletterOliver Kraft kümmert sich beruflich um die Formen des richtigen Umgangs – er ist Maitre im Lorenz Adlon Esszimmer, einem Sternerestaurant im Berliner Hotel Adlon. Wenn das Lokal nun wieder öffnet, stellt sich für ihn das Problem mit der Distanz aber nicht so sehr bei der Begrüßung

"Ein Gast, der ins Restaurant kommt, ist ja erstmal voller Erwartung, weiß gar nicht so recht, was auf ihn zukommt, wer jetzt da vorne steht und ihn begrüßt, ist das eher ein Abtasten, aber das meiste ergibt sich natürlich im Laufe des Abends, insofern ist es für uns schon ein Stück weit einschneidend, weil eher nachher die Verabschiedung sich ändert."

Wenn das Eis gebrochen ist, die Freude über den gelungenen Abend sich in Nähe ausdrücken will.

"Ein Handschlag, ein Händedruck, ist eine Berührung, ist ein Stück Intimität."

Die künftig anders erzeugt werden will.

"Ob sich der Fußkontakt bei uns im Restaurant durchsetzen wird, das wage ich zu bezweifeln, ich glaube, es gibt ganz viele andere Formen, wie man den Respekt und die Freude ausdrücken kann, mal kurz der Mundschutz zur Seite und ein freundliches Lächeln."

Begrüßungsrituale brauchen keinen Körperkontakt

Oder durch Worte: man drückt Verbundenheit verbal aus. Frauke Weigand, zertifizierte Trainerin für Business-Etikette, sieht das ähnlich. Begrüßungsrituale brauchen keinen Körperkontakt.

"Man sieht es übrigens auch an den Augen auch, auch wenn man Mundschutz trägt, man sieht, wie die Augen leuchten, wenn man lächelt…"

Frauke Weigand ist Mitglied der Deutschen Knigge-Gesellschaft, ihr Blick auf die Umgangsformen ist aber nicht so steif, wie das Wort Knigge in manchem Ohr klingen mag. Sie rechnet damit, dass es nach Corona…

"…auch neue Begrüßungsrituale gibt. Dass man nicht nur das eine nimmt, sondern dass man eine Auswahl ha. Wenn man im Sommer hoch verschwitzt ist, da muss ich Ihnen ehrlich sagen, da gebe ich auch ungern die Hand."

So gesehen dürfte das Abstandhalten während der Pandemie vor allem eine weitere Diversifizierung der Begrüßungsrituale bewirken. Ellenbogencheck, Footshake, Lächeln, Nicken, Sprechen oder auch…

"Dieses Namaste, das ist ja das Falten der Hände mit einer leichten Verbeugung, wird im Yoga-Unterricht oft gemacht."

"Händeschütteln war auch nicht mein Lieblingshobby"

Nicht alle neuen Begrüßungsformen setzen also auf die Überwindung des Abstands, die Beibehaltung von Nähe. Und Distanzgesten wie das Namaste lassen sich auch gesellschaftlich betrachten, wie Nadia Shehadeh das tut. Die Soziologin und Bloggerin konnte schon vor Corona mit der "Begrüßungstatscherei", wie sie es nennt, nicht viel anfangen.

"Ich habe auch beruflich sehr viel mit Menschen zu tun. Und da ist Händeschütteln auch nicht mein Lieblingshobby gewesen, weil ich in den Jahren davor immer schon Erkältungsroulette und so was mitgemacht habe."

Nicht alle neuen Begrüßungsformen setzen also auf die Überwindung des Abstands, die Beibehaltung von Nähe. Und Distanzgesten wie das Namaste lassen sich auch gesellschaftlich betrachten, wie Nadia Shehadeh das tut. Die Soziologin und Bloggerin konnte schon vor Corona mit der "Begrüßungstatscherei", wie sie es nennt, nicht viel anfangen.

"Ich habe auch beruflich sehr viel mit Menschen zu tun. und da ist Händeschütteln auch nicht mein Lieblingshobby gewesen, weil ich in den Jahren davor immer schon Erkältungsroulette und so was mitgemacht habe."

Im ungefragt Auf-die-Pelle-rücken erkennt Nadia Shehadeh ein spezifisch deutsches Kulturmuster, zu dem auch Vordrängeln und Nicht-Schlange-stehen-können gehört oder dass man hierzulande an der Bushaltestelle "...dieses Mosh-Pit bildet beim Einsteigen".

Aus dieser Perspektive ändert das Abstandhalten der Coronoazeit gerade viel und zwar eher zum Guten. Und ich merke, dass der von mir gemochte "Foot Shake" gar nicht die Universallösung für alle Lebenslagen sein muss. Sondern lediglich die passende Begrüßung für bestimmte Kontakte. Oder wie es die einzige Freundin Hannah sagt, mit der der Fußgruß nicht in Rumhopsen oder Aneinander-vorbei-Treten endet:

"Es macht jedenfalls Spaß, das Ritual mit jemandem zu befolgen, der auch dahinter steht, dann einigt man sich auf einen gewissen Alltag, den man jetzt gemeinsam lebt."

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