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Fazit | Beitrag vom 27.04.2019

Neue „Amir“-Version am Berliner EnsembleEin Affront gegen den Autor

Von André Mumot

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Eine Frau mit Kopftuch in Boxerpose und ein Mann stehen auf der Bühne. Im Hintergrund ist ein Boxsack zu sehen. (JR Berliner Ensemble)
Art Neuköllner Gangster-Ballade: Das Stück "Amir", das am Berliner Ensemble gezeigt wurde, hat mit dem Originaltext des Autors Mario Salazar allerdings nur wenig zu tun. (JR Berliner Ensemble)

Am Berliner Ensemble wurde nicht das in Auftrag gegebene Stück "Amir" von Mario Salazar gezeigt, sondern eines "nach Motiven des Dramas von Mario Salazar". Nur wenige Sätze blieben vom Original des Autors. Dahinter steckt ein Grundsatzproblem des Gegenwartstheaters.

Es ist nicht unbedingt üblich, dass jedem Zuschauer vor Beginn der Theatervorstellung eine vollständige Textfassung des Stückes ausgehändigt wird, das an diesem Abend eigentlich zu sehen sein sollte. Hier gibt es allerdings gute Gründe: Diese Premiere im Berliner Ensemble (BE) ist nämlich keine Uraufführung mehr. Man spielt nicht "Amir – Vom Warten auf Freiheit" von Mario Salazar, sondern: "Amir – nach Motiven des Dramas von Mario Salazar".

Tatsächlich haben sich Regisseurin Nicole Oder und ihr Ensemble während der Proben dazu entschlossen, das im Rahmen des Autorenprogramms des Berliner Ensembles entstandene Stück fast vollständig zu verwerfen. Geblieben sind einige wenige Sätze, die Namen der Figuren und der grundsätzliche Konflikt. Amir, die Titelfigur (mit grandioser autoaggressiver Sensibilität verkörpert von Burak Yigit) und seine drei Geschwister stammen aus dem Libanon und bewegen sich im heutigen Berlin zwischen Boxtraining, Kriminalität, Gefängnisaufenthalten, der Ausländerbehörde und der Sehnsucht nach Bürgerlichkeit. Mario Salazar hat daraus eine Art Neuköllner Gangster-Ballade gemacht, eine migrantische Hauptmann-von-Köpenick-Variante, effektvoll, klischeefreudig, immer am Rand von Überzeichnung und deftiger Milieu-Seligkeit. 

Profilneurotisches Problem mit der Dramenliteratur

Der "Amir", der nun am Berliner Ensemble aufgeführt wurde, ist völlig anders: eine schmerzhafte Familiengeschichte, in der alle Figuren ihre Authentizität nicht nur behaupten, sondern auf der Bühne voll entfalten. Es ist ein starker, physisch mitreißender Abend geworden, mit auf die rotierende Wand projizierten Live-Zeichnungen von Bente Theuvsen, markigem Hip-Hop (performt von Elwin Chalabianlou) und einer Dramatik, die keine Genre-Konzessionen machen muss, um zu funktionieren.

Allein, es bleibt ein unnötiger Affront gegenüber dem Autor des eigentlichen Stückes. Noch mehr: Was sich hier zeigt, ist ein grundsätzliches, offenkundig ziemlich profilneurotisches Problem des gegenwärtigen Theaters mit der Dramenliteratur. Erst im vergangenen Jahr wurde bei den Berliner Autorentheatertagen das Stück "In Stanniolpapier" des Autors Björn SC Deigner von Regisseur Sebastian Hartmann so sehr entkernt und sinnentstellt, dass man sich dazu entschließen musste, den Begriff "Uraufführung" nicht mehr zu verwenden.

Ein absurder Selbstwiderspruch

Vielleicht ist sie tatsächlich vorbei, die Zeit der Dramentexte, der alten, kanonisierten wie der neuen, geförderten und eingeforderten. Haben doch viele Theatermacherinnen und -macher eine offensichtliche Abneigung gegen die Autorität eines Textes, der Dialoge, Figuren, Handlungsabläufe vorschreibt. Wer Literatur will, so wollen sie uns vermitteln, soll in die Buchhandlung gehen. Auf der Bühne geht es nach Möglichkeit um ein anderes, im Übrigen nicht zu unterschätzendes Gut: um die Präsenz von Menschen, die miteinander herausfinden, was sie eigentlich sagen, sein und darstellen wollen.

Man muss nicht dagegen sein, gerade wenn man sieht, wie viel Intensität dieser neue "Amir" szenisch zustande bringt. Aber entscheiden sollte man sich, und zwar rechtzeitig. Für ein Haus wie das Berliner Ensemble, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, Autoren zu fördern und aktuelle Stücke in den Mittelpunkt der eigenen Arbeit zu stellen, ist ein solches Verwerfen eines in Auftrag gegebenen Textes jedenfalls ein geradezu absurder Selbstwiderspruch. Das hauseigene Autorenprogramm muss sich, das steht fest, noch einmal ganz von vorn befragen, was es sein will und welche Einstellung es Schriftstellern und der Literatur entgegenbringt. 

(abr)

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