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Tonart | Beitrag vom 21.09.2018

Neue AlbenEin wohltuendes Trennungsalbum vom Psychologen

Von Jutta Petermann

William Fitzsimmons - der amerikanische Songwriter live beim A Summer's Tale Open Air Festival 2015: Premiere des Festivals in der Lueneburger Heide, Luhmuehlen am 05.08.2015.  (Jazz Archiv Hamburg)
Sänger William Fitzsimmons: "Gereift durch die Trennungsphase hindurchbringen." (Jazz Archiv Hamburg)

"Mission Bell" profitiert vom Erstberuf von William Fitzsimmons - er war Psychologe und Therapeut, Adam Naas' "The Love Album" ist textlich allzu platt, und die Brit-Pop-Pioniere Suede ist noch wuchtiger und pathetischer als zuvor.

William Fitzsimmons: "Mission Bell"

Sie hat ihn betrogen – mit einem Bandkollegen – autsch! Doch William Fitzsimmons war nicht umsonst in seinem ersten Leben, vor der Musik, Psychologe und Therapeut. "Mission Bell" hat er sein neues Album betitelt – das soll nichts anderes heißen als: "Ich habe den Weckruf gehört und die Aufgabe angenommen" – nämlich sich selbst und alle anderen, die ihm dabei zuhören wollen, gereift durch die Trennungsphase hindurchzubringen.

Zweifel und Schmerz verhandelt William Fitzsimmons auf "Mission Bell" in dichtem, fein texturiertem Mid-Tempo Indie Folk Pop, also nicht in erwartbaren Singer/Songwriter-Balladen. Der Ton des 40-Jährigen ist ernst und tiefschürfend, aber erfreulicherweise nie weinerlich. Er kreiert hier Selbstbehauptungsmusik: Es gibt mich noch – ich bin verletzt, aber nicht zerstört.

Adam Naas: "The Love Album"

Adam Naas. Hauptmerkmal seines Debüts "The Love Album" ist sein androgyner Gesang. Der 24-Jährige positioniert sich zwischen den Geschlechtern – das lässt mich hoffen, auf eine außergewöhnliche Perspektive auf die Liebe – sein doch ziemlich unoriginelles Albumthema. Adam Naas schafft mit seinem Alternative-Soul, orgelähnlichen Syntheziserklängen, schleppenden Beats und seinem verhallten Gesang fast kathedralenartige Klangräume. Eine spärlich beleuchtete aber effektvolle Szenerie für das größte aller Gefühle.

Doch durch die Texte hallen Allgemeinplätze wie "Es gibt keine risikolose Liebe" oder "Die Liebe ist niemals schuldig". Groschenroman-Philosophie zu einer Musik, die eine großartige Bühne gewesen wäre für einen klanglich so außergewöhnlichen Mann. Am Ende winkt die Erkenntnis, dass es sich queer auch nicht anders liebt – und der Franzose Adam Naas als Geschichtenerzähler noch ein bisschen zulegen kann.

Suede: "The Blue Hour"

Für 90er-Jahre-Nostalgiker ist heute Weihnachten: Die Brit-Pop-Pioniere Suede bringen "The Blue Hour" heraus. Von Suede Frontmann Brett Anderson war grob zu erfahren, dass es auf dem Album um die trostlose Seite des Landlebens geht – aus Kinderperspektive: illegales Müllentsorgen, überfahrene Tiere im Straßengraben, sexuelle Übergriffe in Sozialwohnungen, tote Schlafstädte und, ja, Kreisverkehr.

Die Prager Philharmoniker liefern den dramatisch-hymnischen Rahmen, vor dem Suede die Vorstellung vom heilen Landleben entzaubern wollen. Gespenstischer Sprechgesang, raunende Männerchöre und dialogische Szenen, die wie Filmschnipsel wirken, erweitern das klangliche Spektrum der Band.

Suedes Rock war immer wuchtig, pathetisch, ausufernd, sehnsuchtsvoll, existenziell – da legen sie nun noch mal eine Schippe drauf. Der Horror ist beinahe mit Händen greifbar. Fragt sich nur, weshalb den Musikern gerade dieses Thema so wichtig war. Relevanter wäre "The Blue Hour" geworden, hätten sich Suede mit einem wirklich wichtigen Thema unserer Gegenwart auseinandergesetzt.

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