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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2010

Neubeginn in der kasachischen Steppe

Herold Belger: "Das Haus des Heimatlosen", Verlag Hans Schiler, 2010, 420 Seiten

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Viele Russlanddeutsche wurden in Arbeitslager in Sibiren deportiert. (AP Archiv)
Viele Russlanddeutsche wurden in Arbeitslager in Sibiren deportiert. (AP Archiv)

"Das Haus des Heimatlosen" erzählt von einem wenig bekannten Kapitel in der Geschichte der Russlanddeutschen. Kurz nach dem Überfall der Hitler-Truppen auf die Sowjetunion im Juni 1941 gab Stalin den Befehl zur Aussiedlung der Volksdeutschen nach Kasachstan und nach Sibirien.

Im September 1941 mussten mehrere Hunderttausende ihre Heimat unter dramatischen Umständen verlassen. Sie wurden über Nacht zu den Transporten getrieben. Man nahm ihnen Besitz und Papiere ab, schickte sie in Arbeitslager und in entlegene Orte der Verbannung.

In einer Art Kollektivschuld mussten die Russlanddeutschen für die Gräuel der Nazis büßen. Selbst nach Stalins Tod 1953 lockerten sich die Gesetze nur langsam. Die Menschen durften nicht zurückkehren in die Regionen, in denen ihre Vorfahren teilweise seit dem 18.Jahrhundert gelebt hatten. Viele von ihnen blieben gezwungenermaßen in Kasachstan oder in Sibirien und bauten sich dort ein neues Leben auf.

Auch David Ehrlich tut das– einer der drei Protagonisten im Roman von Herold Belger. Mitte der 50er-Jahre entscheidet sich David, ein Haus in Kasachstan zu bauen, und damit eine Rückkehr endgültig auszuschließen. Diese bittere, gleichzeitig aber hoffnungsvolle Entscheidung für eine Zukunft in Kasachstan hat dem Buch seinen Titel gegeben.

Der Roman begleitet David ab dem verhängnisvollen Sommer 1941. Eindringlich, in einer genauen, bildreichen Sprache werden seine Verbannung und die erbärmlichen Anfänge in einem kleinen kasachischen Aul (Weiler) geschildert. Als sogenannter "Feldscher" - angelernter Arzt und Geburtshelfer - ist David bei den einfachen Bauern in der nordkasachischen Steppe dringend gebraucht. Sie verhindern seinen Transport nach Sibirien.

Davids Bruder Christian - ein Lehrer und die zweite Hauptfigur des Romans – landet in einem sibirischen Arbeitslager. Als David ihn Jahre später bei sich aufnimmt, ist der jüngere Bruder körperlich und seelisch entkräftet und stirbt mit Anfang 30.

Christians Kenntnisse über die Geschichte, über Bräuche und Traditionen der Russlanddeutschen machen ihn zur Symbolfigur für die verschwundende Kultur der Russlanddeutschen. Ihn löst eine neue Generation ab, die sich assimilieren muss, um zu überleben.

Es ist Belgers dritte, autobiographisch gezeichnete Hauptfigur Harry - der Schwager Davids - der diese neuen Zeiten und Menschen verkörpert. Mitte der 50er-Jahre gelingt es Harry nach erbittertem Kampf, einen Studienplatz in der damaligen kasachischen Hauptstadt Almaty zu bekommen. Er ist in Kasachstan aufgewachsen, spricht fließend Russisch wie Kasachisch. Dies verbindet ihn mit seinem Schöpfer Herold Belger, der 1934 in Engels, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik geboren wurde und seit seinem siebten Lebensjahr in Kasachstan lebt.

Belger, Mitbegründer des kasachischen PEN-Clubs, hat sich einen Namen gemacht als Übersetzer kasachischer Lyrik ins Russische und als großer Kenner seiner zweiten Heimat Kasachstan. Sein auf Russisch verfasster Roman über das große Leid der Russlanddeutschen ist nicht zuletzt auch ein Buch, das sehr liebevoll und genau die Kultur und Gastfreundschaft der Kasachen beschreibt. Gerade, weil es keine einfachen Schuldzuweisungen in diesem Buch gibt, ist es so glaubwürdig und authentisch.

Besprochen von Olga Hochweis

Herold Belger: Das Haus des Heimatlosen
Aus dem Russischen von Kristiane Lichtenfeld
Verlag Hans Schiler, 2010
420 Seiten, 29,90 EUR

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