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Rang I | Beitrag vom 28.08.2021

Neubau des Münchner VolkstheatersEine Perle fürs Schlachthofviertel

Von Tobias Krone

Der Neubau des Volkstheaters München. (Baureferat)
Mit dem Neubau enden für das Münchner Volkstheater Jahrzehnte der Dauerimprovisation. (Baureferat)

Eine Nachricht wie aus einer anderen Zeit: Die Stadt München gönnt sich ein neues Volkstheater für knapp 131 Millionen Euro. Der Neubau ist zudem pünktlich fertiggeworden und der Kostenplan wurde eingehalten – und schon steht die erste Sparrunde an.

Er sitzt an einem Tisch, den er sich provisorisch in den Innenhof seines neuen Theaters gestellt hat, und raucht eine nach der anderen. Vielleicht auch, um die strengen Gerüche zu überqualmen, die immer wieder vom benachbarten Schlachthof herüberwehen: "Ich habe mein Büro mit Fenster zum Schlachthof. Das ist manchmal schwer zu ertragen, aber gut. Auch daran wird man sich gewöhnen müssen."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Intendant Christian Stückl, wilder Lockenschopf, funkelnde Augen, schaut beseelt auf sein neues Volkstheater. Ein moderner, kubischer Bau aus roten Ziegeln, dessen Fassade immer wieder in wellenartigen Rundungen in den Hof hineinragt. Ein rundes Panoramafenster bringt Licht ins Foyer, ein großer Torbogen verbindet den Neubau mit den alten Industriegebäuden.

Experimentierfreudiger Theaternachwuchs

"Ich finde, dass es wahnsinnig gut gelungen ist, es in den Stadtteil zu integrieren. Man hat das Gefühl, es hat Größe, irgendwie schmiegt es sich aber auch in die Stadt ein – also ich mag es sehr", sagt der gelernte Bildhauer, gebürtig in Oberammergau. Ohne ihn würde es diesen Neubau, ja wahrscheinlich auch das Volkstheater München gar nicht mehr geben.

Luftaufnahme des Volkstheaters in München vor der Stadtkulisse. (Volkstheater München / Florian Holzherr)Der Neubau schmiegt sich sehr gut ins Stadtbild ein. (Volkstheater München / Florian Holzherr)

Als der Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele 2002 ans Haus kam, war es so gut wie pleite. Das Experiment eines CSU-Oberbürgermeisters in den Achtzigern, mit der Neugründung des Volkstheaters ein kulturkonservatives Gegengewicht zu den avantgardistischen Kammerspielen zu schaffen, hatte sowieso noch nie funktioniert.

Stückl holt junge Schauspielerinnen und Schauspieler sowie junge diverse Regisseurinnen und Regisseure ans Haus, vom Ammergauer Deutschtürken Abdullah Karaca bis zum deutschkoreanischen Heimatzerstörer Bonn Park.

Das Festival "Radikal jung" lockt den experimentierfreudigen Theaternachwuchs aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach München – mit großem Erfolg und einer Publikumsauslastung von teilweise 90 Prozent.

"Jetzt sind wir ein richtiges Theater"

Doch irgendwann wurde die Mehrzweckhalle nahe dem Hauptbahnhof baufällig – anstatt sie für 50 Millionen zu sanieren, schenkte die Stadt dem Volkstheater dieses Theater. Damit enden für Stückls Haus Jahrzehnte der Dauerimprovisation.

"Wir hatten drüben unsere ganzen Räume auf sieben Gebäude in der Stadt verteilt", sagt er, "wir hatten Lagercontainer – 52 Lagercontainer, wo unsere Bühnenbilder außerhalb der Stadt gelagert waren. Alles ist jetzt im Haus und kann direkt vom Haus aus bedient werden. Jetzt sind wir ein richtiges Theater."

Ein Theater, das sie auf 1000 Planungsseiten selbst konzipieren durften. Stückl führt stolz durch das Bühnenhaus: Ein Schnürboden für Beleuchtung und Kulissen, eine Drehbühne, ja sogar einen Orchestergraben haben sie jetzt erstmalig. Die Zuschauerränge fassen die vom alten Haus bewährten 600 Plätze.

Das Wunder von München

Bühne zwei ist ein komplett variabler Raum für 200 Zuschauerinnen und Zuschauer – hier sind alle möglichen Formen von Bestuhlung möglich, etwa eine Arena rund um eine Bühne in Kreuzform.

"Das Wunder von München" nennt die Architekturkritikerin der "Süddeutschen Zeitung", Laura Weißmüller, den Bau – vor allem deshalb, weil das Stuttgarter Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei Zeit- und Kostenrahmen einhielten. Außergewöhnlich, angesichts von Bauprojekten wie Elbphilharmonie oder dem Kölner Opern- und Schauspielhaus, dessen Sanierung allein über zehn Jahre dauern und fast eine Milliarde kosten wird.

Mit dem größeren Volkstheaterbau wächst auch die Belegschaft, wie Stückl erklärt: "Wir haben unser Personal erweitert, wir waren bis jetzt immer so 100 feste Mitarbeiter und sind jetzt 150 feste Mitarbeiter, haben das Ensemble vergrößert. Wir müssen uns jetzt, glaube ich, neu erfinden."

Die erste Sparrunde steht an

Das wird trotz dieser geradezu märchenhaft idealen Bedingungen nicht so einfach. Denke er an die Eröffnung in wenigen Wochen – dann beschleiche ihn ein "mulmiges Gefühl, weil die Stadt kein Geld hat, sagt sie. Wir müssen jetzt schon in die erste Sparrunde rein. Das macht natürlich Stress. Aber auf der anderen Seite denke ich mir: Na gut, das ist eine Situation, aus der wir hoffentlich irgendwann wieder rauskommen."

Im Volkstheater haben sie im vergangenen Sommer auf die Theaterferien verzichtet, um draußen vor dem alten Gebäude zu spielen. Ob die fünf geplanten Eröffnungspremieren im Oktober alle stattfinden können, drin im nagelneuen Haus, ist unsicher. Sicher ist jedenfalls: Das Volkstheater ist nun eine feste Institution in München.

Wie es bei den Passanten ankommt, die von draußen durch die Glasscheiben spähen? Dieser Mann aus Regensburg findet die Architektur gelungen. Er ist mit seiner Frau auf Stippvisite, hier, wo er 40 Jahre lang selbst lebte: "Das Viertel hier ist langsam ein bisschen zu 'in'. Als ich hergezogen bin, da war das wirklich ein Glasscherbenviertel, wo an jeder Ecke eine bayerische Kneipe war. Und das ist halt immer weiter upgegradet worden sozusagen."

Ob das neue Volkstheater den Upgrade beschleunigt oder ihm Einhalt gebietet? Christian Stückl glaubt an Letzteres. Denn das Theater signalisiere: Hier wird weiterhin nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet.

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