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Lesart | Beitrag vom 12.06.2019

Neuausgabe des Anne-Frank-TagebuchsAnne Franks ganz eigene Fassung nun neu publiziert

Joachim von Zepelin und Alexander Roesler im Gespräch mit Andrea Gerk

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Die Seite eines Tagebuchs der Anne Frank im November 2006 in der Ausstellung "Anne Frank - eine Geschichte für heute" in Schönebeck bei Magdeburg. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Jens Wolf)
Eine Seite aus Anne Franks Tagebuchs: Hier schreibt sie an eine imaginäre "Lieve Marianne", in der überarbeiteten Version richtet sie sich stets an Kitty. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Jens Wolf)

Anne Frank begann 1944, ihre ursprünglichen Tagebucheinträge zu überarbeiten. Motiviert dazu sah sie sich durch den Aufruf eines niederländischen Exil-Ministers. Die von ihr selbst für die Veröffentlichung vorbereitete Version ist nun unter dem Titel "Liebe Kitty" erschienen.

Im Mai ist im Secession-Verlag das Buch "Liebe Kitty" erschienen, in dem die von Anne Frank für eine spätere Veröffentlichung vorgesehenen Fassung ihres Tagebuch veröffentlicht ist. Bisher konnte man diese Version des Textes nur in der Gesamtausgabe finden, in den gesammelten Werken von 2013 war sie auch schon zu lesen.

Joachim von Zepelin verweist auf die Entstehungs- und Editionsgeschichte des "Tagebuchs der Anne Frank". Das Buch in seiner Fassung von 1947 sei ein Amalgam aus zwei Fassungen, sagte Zepelin im Deutschlandfunk Kultur. Annes Vater Otto Frank habe den Text zusammengestellt.

Impuls kam aus dem Radio

Die erste Fassung sind die tagtäglichen Einträge von Anne Frank: "Sie  hat zu ihrem 13. Geburtstag ein leeres Tagebuch bekommen und das dann eben spontan gefüllt, jeden Tag, oder fast jeden Tag."

Die zweite Fassung stammt auch von Anne Frank, ist aber eine Überarbeitung: Anne Frank habe am 29. März 1944 im Radio einen Aufruf des Ministers der niederländischen Exilregierung, Gerrit Bolkestein, gehört. Der Minister für Bildung, Kunst und Wissenschaft sprach davon, dass er die Zeit der deutschen Besatzung der Niederlande nach dem Krieg dokumentieren und dass er dazu auch Alltagsmaterial verwenden wolle, etwa Tagebücher.

Dieser Aufruf von Bolkestein veranlasste Anne Frank, ihre Einträge zu überarbeiten. "Und da spricht dann, trotz dieser vielleicht nur anderthalb, zwei Jahre, ein deutlich reiferes, literarisch versierteres Mädchen zu uns." Das sei die Idee dieser Ausgabe gewesen – einmal allein diese Fassung zu präsentieren, die Anne Frank selbst für eine Veröffentlichung vorbereitet habe – jedenfalls sprächen viele Indizien dafür, dass das Ziel gewesen sei.

Angehende Schriftstellerin

Man lerne Anne Frank darin auch als angehende Schriftstellerin kennen, sagte Zepelin. "Es ist wirklich beeindruckend, wie ein anfangs 14-jähriges, später 15-jähriges Mädchen eine so versierte Schreibe hat, so genau beobachten kann, so selbstkritisch mit sich umgeht und das so gut in Worte fassen kann. Das ist die Idee dieser Publikation – das wir das einmal isoliert zeigen wollten."

Anne Frank: "Liebe Kitty"
Ihr Romanentwurf in Briefen
Aus dem Niederländischen übersetzt von Waltraud Hüsmer
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2019, 208 Seiten, 18 Euro

Zum 90. Geburtstagsjahr von Anne Frank erscheinen die zwei Versionen ihrer Tagebücher, zum ersten Mal in der originalen Vollversion alleine in einem Leseband versammelt mit einführenden Texten versehen.

Überblendung der beiden Fassungen

Als Version A wird das erste Tagebuch von Anne Frank bezeichnet, das sie ohne Vorentwürfe direkt aufgeschrieben hat.

"Gestern abend sprach Minister Bolkesteyn am Oranje-Sender darüber daß nach dem Krieg eine Sammlung von Tagebüchern und Briefen von diesem Krieg durchgeführt würde. Natürlich stürmten sie alle direkt auf mein Tagebuch los.
 Stell dir mal vor wie interessant es sein würde, wenn ich einen Roman vom Hinterhaus herausgeben würde ..."
Anne Frank, 29. März 1944 (Version A)

Nachdem Anne im Radio aus London den Aufruf eines niederländischen Ministers gehört hatte, die Leiden unter der deutschen Besatzung zu dokumentieren, um sie nach Kriegsende zu veröffentlichen, arbeitete sie an einer teilweise umgeschriebenen, an einigen Stellen erweiterten, an anderen gekürzten Fassung des Tagebuchs, die als Version B bezeichnet wird.

"Ich glaube ja, dass die Stärke der Stimme von Anne Frank eigentlich aus dieser Überblendung der beiden Fassungen entsteht. Also dieser unmittelbaren niedergeschriebenen reinen Tagebuchfassung und im Kontrast zu der Bearbeitung für eine spätere Publikation", erklärt Alexander Roesler, Programmleiter S. Fischer Sachbuch. 

Die vorliegende Ausgabe enthält die einzige vom Anne Frank Fonds autorisierte Fassung der beiden Versionen in der Übersetzung von Mirjam Pressler.

Anne Frank: "Das Hinterhaus – Het Achterhuis: Die Tagebücher von Anne Frank"
Sonderausgabe Anne Frank Fonds Basel zum 100. Geburtstag von Anne Frank
Frankfurt am Main, S. Fischer,  480 Seiten, 35 Euro

(mfu, mdre)

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