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Interview | Beitrag vom 10.10.2018

Neu im Kino: "Unser Saatgut"Filmdoku zeigt, wie Sorten dramatisch zurückgehen

Benedikt Haerlin im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Männerhand mit Getreidesamen vor jungem Getreide. (imago/allOver-MEV)
Wir ernähren uns nur noch von drei statt von etwa 300 Getreidearten, beklagt Benedikt Haerlin. (imago/allOver-MEV)

Mehr als 90 Prozent aller Saatgutarten sind verschwunden, wird in einem neuen Dokumentarfilm berichtet. Benedikt Haerlin von der Initiative "Save our Seeds" bestätigt, die Vielfalt habe dramatisch abgenommen. Aber man könnte das auch wieder ändern.

Mehr als 90 Prozent aller Saatgutarten sind verschwunden. Von 55 Kohlrabisorten gibt es mittlerweile noch drei. Das ist eine von vielen Aussagen der Dokumentation "Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen", die ab Donnerstag in den deutschen Kinos zu sehen ist. In dem amerikanischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2016 geht es aber nicht nur um das Verschwinden von Saatgut, sondern auch um genetisch verändertes Saatgut.

Benedikt Haerlin, Leiter der europäischen Initiative "Save our Seeds", hat die Doku bereits gesehen und neben tollen Bildern zeige der Film sehr deutlich das Ausmaß des Problems.

"Die Dimension ist riesig. Wir haben auf der einen Seite einen unglaublichen Verlust an Vielfalt von Saatgut – und zwar von kultiviertem Saatgut. Es geht hier nicht um die allgemeine Artenvielfalt in der Wildnis, sondern es geht um das Menschheitserbe Saatgut. Seit etwa 12.000 Jahren entwickelt die Menschheit Saatgut, um sich zu ernähren. Und davon ist ein großer Teil mittlerweile verloren gegangen, vergessen, nicht mehr verfügbar. Und ein sehr großer Teil ist sozusagen nur noch im Kühlschrank verfügbar, aber nicht mehr als lebendiges Erbe von Bäuerinnen und Bauern."

Landwirte wollen ein gute Ernte haben

Ein wesentlicher Grund für den umfangreichen Verlust von Saatgut sei, dass das "Bessere der Feind des Guten ist", sagte Benedikt Haerlin. Für Landwirte sei entscheidend, eine möglichst gute Ernte zu haben und dafür werde das optimalste Saatgut eingesetzt.  

"Früher war Saatgut eine ganz lokale Angelegenheit. Heute sind es internationale Konzerne, die mit einem Großteil des Saatguts handeln. Und die führen unweigerlich zu einer Uniformität, wie wir sie bisher nicht gekannt haben."

"Abhängig von wenigen großen Konzernen"

Ein weiterer Grund sei, dass wir heute nur noch wenige Pflanzensorten essen würden im Vergleich zur vor 100 Jahren, so Benedikt Haerlin:

"Vieles, was auf der Welt Menschen mal ernährt hat, ist heute ein Nischenprodukt geworden. Und wir leisten uns den Luxus, aber auch das enorme Risiko, dass wir 80 Prozent unseres Kalorienverbrauchs aus Getreide – von Mais, Weizen und Reis –bekommen. Von drei Arten. Drei von etwa 300 Getreidearten, die wir kennen. Es gibt auch eine enorme Uniformität mittlerweile beim Anbau von Lebensmitteln.

Und der weitere Grund ist, dass für Landwirtinnen und Landwirte hier in Europa, in den USA und auch in Australien, auch in den industrialisierten Landwirtschaftsregionen Lateinamerikas das Saatgut zu einer Art Input geworden ist. Sie haben kein Verhältnis selbst mehr dazu, sondern kaufen das Jahr für Jahr ein. Genauso wie sie den Dünger einkaufen, die Pestizide einkaufen. Sie gucken im Katalog nach, was ist das Neueste im Angebot. Was ist der letzte Schrei. Sie entwickeln das nicht mehr selber. Sie bauen es nur noch zu einem sehr kleinen Teil selber nach. Und sie werden deshalb abhängig von wenigen großen Konzernen."

Und für diese Konzerne sei es wiederum wichtig, mit nur wenig Varietät ein Maximum an Umsatz zu erzielen, sagte Benedikt Haerlin. Das sei für die Unternehmen einfacher.

Schild mit dem Hinweis auf Saatgut-Vermehrung im Winterweizenfeld, Deutschland, Nordrhein-Westfalen. (imago/blickwinkel/D. Maehrmann)Um die Saatgutvielfalt zu erhöhen, brauche es staatliche Intervention, so Benedikt Hearlin. (imago/blickwinkel/D. Maehrmann)

Ein weiteres Problem für die Sortenvielfalt sei die Gentechnik, so Benedikt Haerlin.

"Gentechnik ist deshalb ein Problem, weil wir wirklich nicht wissen, was wir tun. Die Risiken sind keineswegs so erforscht, wie uns das die Konzerne weismachen wollen. Sie haben nur ganz wenige Gentechnikvarietäten bisher auf dem Markt. Und die Gentechnik wird eingesetzt zu über 90 Prozent, um ein bestimmtes Agrarmodel umzusetzen. Nämlich ich kann Pestizide auf diese gentechnikveränderten Sorten sprühen, wann immer ich will. Alles geht kaputt, nur diese Gentechniksorten nicht. Das ist in sich ein verwerfliches, ein biodiversitätsschädliches, ein den Boden auslaugendes Modell. Und auch ein Modell, dass den Landwirten immer weniger vom Gewinn übrig lässt."

Jeder kann selbst etwas tun

Dennoch könne jeder Einzelne etwas für die Biodiversität von Saatgut tun. So sind viele Menschen Gärtnerinnen und Gärtner, sagte Benedikt Haerlin. Im eigenen Garten könne man versuchen, keine Hybride einzusetzen, sondern feste Samensorten.  

"Sie können auch probieren, aus ihren Pflanzen selbst wieder Saatgut zu gewinnen, und dabei lernt man eine Menge über Saatgut. Sie können aber vor allen Dingen auch – sei es in den Supermärkten, sei es im Bioladen, sei es auf Märkten – versuchen, nach dem zu schauen, was nicht das Übliche ist. Die Biodiversität zu suchen, zu schmecken, durch Aufessen zu fördern. Dass es wieder mehr Vielfalt gibt."

Auch die Politik müsse aktiv werden

Und man könne auch von der Politik verlangen, dass sie diese Biodiversität mit unterstütze, sagte Benedikt Haerlin.

"Wir brauchen hier in Deutschland, hier in Europa staatliche Intervention. Wir brauchen staatliche Mittel, um die Vielfalt wieder nach vorne zu bringen. Wir dürfen das nicht wenigen Unternehmen überlassen, sondern wir brauchen wieder Universitäten, die sich darum kümmern. Wir brauchen öffentliche Einrichtungen, die die Vielfalt erhalten. Und wir müssen auch mehr investieren in die sogenannten Saatgutbanken oder Genbanken, in denen die Vielfalt, auch wenn sie nicht im Moment wirtschaftlich genutzt wird, dennoch erhalten wird."

So gebe es auch viele Initiativen von Gärtnerinnen und Gärtnern, die bereit seien, eine bestimmte Sorte am Leben zu erhalten, so Haerlin. All das seien praktische Maßnahmen, die man selbst ergreifen könne und jeder könne auch nachfragen, woher das Saatgut für diese oder jene Obst- oder Gemüsesorte komme, oder welche Kornsorte im Brot verwendet wurde.

jde

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