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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 15.01.2014

Neu im KinoSurreales aus China

Jia Zhang-kes Epiosenfilm "A Touch of Sin"

Von Patrick Wellinski

Der chinesische Regisseur Jia Zhang-ke (dpa / pa / Bott)
Der chinesische Regisseur Jia Zhang-ke (dpa / pa / Bott)

Gewalt, Verzweiflung - und immer geht es um Geld: Jia Zhang-ke zeigt uns in diesem Episodenfilm die ebenso brutale wie surreale Gegenwart Chinas.

Bilder aus China. Mächtige Bilder. Bilder voller Gewalt und Wut. Und der einzige Antrieb für all die schrecklichen Taten, die der chinesischen Regisseur Jia Zhang-ke in seinem Episoden-Film "A Touch of Sin" zeigt, ist Geld. Wer es berührt oder begehrt, hat sich schon versündigt, fällt aus dem gesellschaftlichen Raster und ist zum Schlimmsten fähig. Wie der Jongleur Dohai. Mit seinem untrüglichen Gerechtigkeitssinn versucht er, die wuchernde Korruption in seiner kleinen Heimatstadt anzuprangern und wird daraufhin zusammengeschlagen. Aus schierer Verzweiflung greift er zum Gewehr.

Auch der betrogene Wanderarbeiter greift zur Waffe. Die junge Frau, die als Empfangsdame in einer Sauna zum Sex gezwungen wird, weil ja jede Frau käuflich sei, wie ein Kunde bemerkt, greift zum Messer. Und dann ist da noch der Junge, der von Arbeit zu Arbeit zieht, sich in eine junge Tänzerin verliebt und meint, seine Liebe wäre mächtiger als der Einfluss ihres Chefs und "das Beglücken der Kunden".

Einer der großen Poeten des Kinos

"A touch of Sin" ist ein vielseitiger, dichter und überraschend wuchtiger Film. Zum einen bewundert man ihn dafür, dass er spielend leicht Genre-Elemente (Western, Kriminalfilm, Drama) mit dokumentarischen Sequenzen mischt. Wenn wir die Arbeiter in der Fabrik sehen und uns der Dampf der Maschinen ins Gesicht peitscht, wirkt das wie eine hervorragende Reportage. Zum anderen demonstriert Jia Zhang-ke, dass er einer der ganz großen Poeten des Kinos ist.

Die Bilder sind durchflutet von einer melancholischen Poesie, die trotz der Gewalt der Figuren immer wieder Momente wahrer Schönheit produzieren. So entstehen Bilder, die einen nicht mehr loslassen: Das Rot der Tomaten, die vom Laster gefallen sind; die Präsenz einer alten Thermoskanne in einer heruntergekommen Wohnung; oder der stark an Fellini erinnernde Chor der Tänzerinnen, die um ihre Kunden zu beglücken ein altes russischen Genossen-Lied singen.

Die Kraft der Bilder

Jia Zhang-ke zeigt, wie surreal die Gegenwart Chinas ist. Dabei greift er nicht auf die übliche Gegenüberstellung von Arm und Reich, Gut und Böse zurück, sondern vertraut allein auf die Kraft der Bilder. Wie ein fernes Echo stoßen wahre Ereignisse in den Film, wie die Selbstmordserie bei Foxcon, das Hochgeschwindigkeitszugunglück 2011 oder die Bonzenmorde. Doch sie sind stiller Teil der Geschichte, die alle Episoden im hier und jetzt verankert.

Eine ganz andere Ebene zieht sich durch den Film, wenn man merkt, dass jede Hauptfigur von einem Tier aus dem chinesischen Kalender begleitet wird. Wie die Schlange. Ein Symbol der Weisheit aber auch der Vorsicht. Und darin liegt die Quintessenz dieses herausragenden Films: Das Böse ist in der Welt und es lässt sich nicht beseitigen. Schlimm wird es nur, wenn man das nicht akzeptieren will.

P.S. Die chinesische Zensur wollte das Böse im eigenen Land natürlich nicht akzeptieren, weshalb der mit Kritikerlorbeeren und mit dem Jury-Preis aus Cannes ausgezeichnete Film in China verboten ist und nicht in den Kinos gezeigt werden darf.

China 2013; Regie und Drehbuch: Jia Zhang-ke; Musik: Giong Lim; Kamera: Nelson Yu Lik-wai; 133 Minuten

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