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Frühkritik | Beitrag vom 02.10.2014

Neu im KinoReflexionen eines Stasi-Spitzels und italienische Familienkonflikte

"Anderson" von Annekatrin Hendel und "Land der Wunder" von Alice Rohrwacher

Von Patrick Wellinski

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Der ehemalige Stasi-Spitzel Sascha Anderson (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Sascha Anderson (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Annekatrin Hendel portärtiert in ihrem Dokumentarfilm "Anderson" einen ehemaligen Stasi-Spitzel, der sich selbst keineswegs als Verräter sieht. Und "Land der Wunder" von Alice Rohrwacher ist eine leidenschaftliche Geschichte über kleine und große Konflikte in einer italienischen Familie.

Ein Leitsatz der mathematischen Logik lautet: Tertium non datur. Ein drittes gibt es nicht. Leider gerät die Gültigkeit der Aussage ins Wanken, wenn man sie auf menschliches Verhalten anwenden möchte. Denn zwischen Lüge und Wahrheit oder Schuld und Sühne, eröffnet sich uns regelmäßig ein fast unendlicher Bereich von Grautönen, Abstufungen und Ambivalenzen. Was war beispielweise Sascha Anderson? Eine Version lautet: ein Verräter, ehemaliger Stasi-Spitzel, der einst als schillerndes Gravitationszentrum der DDR-Boheme galt. Erst Anfang der 1990er-Jahre wurde er von u.a. Wolf Biermann enttarnt.

Sascha Andersons Version ist eine andere. Er habe Fehler gemacht, sagt er der Regisseurin Annekatrin Hendel in ihrem Dokumentarfilm "Anderson". Fehler und Dummheiten, aber nicht alle seine Taten wären die eines Verräters gewesen. Hendel befragt Anderson, konfrontiert ihn mit seinen Berichten, die er regelmäßig verfasste. Sie schneidet immer wieder Interviews mit seinen Opfern dazwischen. Das größte vielleicht Ekkehard Maß, in dessen Wohnküche sich früher der berühmte Lesezirkel der Prenzlauer Berg Szene gebildet hat. Diesen Ort lässt Hendel in einem Studio nachbauen und setzt Anderson rein. Mit diesem filmischen Kniff wird Anderson wie in einer Zeitmaschine zurück in eine Zeit gebracht, die in seinen Augen in erster Linie eine sehr "arbeitsreiche" war. Und da sitzt er dann, oder steht, oder läuft und gibt seine ins kleinste Detail durchgedachten Erklärungen und Lebensdeutungen von sich. Da ist jemand mit sich im reinen, oder doch nicht?

Wer ein anklagendes Porträt dieses Mannes erwartet, wird enttäuscht sein, wird vielleicht die erste Hälfte des Films als unangenehme Selbstbeweihräucherung eines ehemaligen Stasi-Spitzels nicht aushalten. Doch es ist Hendel hoch anzurechnen, dass sie die ganzen Widersprüche eines Menschen einfängt, ohne permanent auch noch die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Das macht Sascha Anderson ja bereits selber und so enttarnt sich eine hoch problematische Persönlichkeit vor unseren Augen. Das ist nicht immer angenehm zu sehen, es tut auch weh und lässt am Guten im Menschen zweifeln. Aber dieser Blick den "Anderson" wagt, ist immer ehrlich und rein. Schuld und Sühne sind zwei Extreme, zwischen denen ein weiter Bereich liegt, in dem sich der Menschen nun mal am häufigsten aufhält. Ein drittes existiert eben doch. Was es ist, muss jeder für sich benennen.

"Anderson"
Deutschland 2014
Regie: Annekatrin Hendel
Mit: Sascha Anderson, Annekatrin Hendel, Ekkehard Maß u.a.
Länge: 98 Minuten

Wo liegt dieses titelgebende Land der Wunder? In Alice Rohrwachers Film ist es zunächst eine Kulisse. Eine Fernsehkulisse um genau zu sein. Die Fernsehsendung "Land der Wunder" will italienische Bauern für ihre Produkte auszeichnen und so die Kraft und Qualität der italienischen Landwirtschaft loben. Für die Teenagerin Gelsomina ist die Show aber der ultimative Sehnsuchtsort und eine Möglichkeit die harte Arbeit Ihrer Familie endlich dem ganzen Land mitzuteilen. Denn Tag täglich arbeitet sie unter ihrem strengen Vater, gemeinsam mit ihren vielen Geschwistern und Halbgeschwistern als Bienenzüchter, um den reinsten Honig Italiens herzustellen. Es ist ein hartes Leben auf dem Lande, das die Annehmlichkeiten der Kindheit schon längst vergessen hat. Doch Gelsominas Vater hält nichts von der Idee ins Fernsehen zu gehen. Das sind nur Flausen im Kopf einer Teenagerin. Unsinn, der nur von der Arbeit ablenkt. Und das kann man sich hier nicht erlauben. Denn die Menschen leben hier in einer Art Kommune, sehr naturverbunden. Der Vater hat mehrere Frauen, eine sogar aus Deutschland. Es kommt regelmäßig zu Konflikten, vor allem als die Familie sich entschließt einen straffällig gewordenen Jungen in Pflege zu nehmen.

Der jungen italienischen Schauspielerin Alice Rohrwacher ist ein ganz und gar eigentümlicher Film gelungen. Mit hellen, erdigen Bildern schildert sich sehr sinnlich das Leben der Familie auf dem Lande. Hände, die entlang von Bienenwaben streichen, Honig, der in Flaschen läuft; die Sonne, die sich am frühen Morgen ihren Weg entlang der Felder bricht - es könnten Bilder aus dem Paradies sein, wenn sie nicht auch die Härte dieses Leben schildern würden. Ohne viel über den Hintergrund Rohrwachers zu wissen, merkt man dem Stoff seinen autobiografischen Ursprung an. Da inszeniert eine Regisseurin eine Erinnerung an eine Kindheit in Italien. Einem Italien, das es in dieser Unberührtheit vielleicht immer seltener gibt. Wirklich gelungen ist "Land der Wunder" aber als genaue Beobachtung der großen und kleinen Konflikte innerhalb der Familie. Doch im Mittelpunkt bleibt immer Gelsomina, die langsam gegen das Patriarchat aufbegehrt und ganz selbstbewusst ihre Führungsrolle beansprucht. Für diese leidenschaftliche Geschichte gab es dann im Mai von Jane Campion bei den Filmfestspielen von Cannes den Großen Preis der Jury. Ohne Frage eine richtige Entscheidung.

"Land der Wunder"
Italien/Deutschland 2014
Regie: Alice Rohrwacher
Mit: Alba Rohrwacher, Julia Hummer, Monica Bellucci
Länge: 120 Minuten

 

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