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Frühkritik | Beitrag vom 05.08.2021

Neu im Kino: „Quo vadis, Aida?“Drama über das Massaker von Srebrenica

Von Anke Leweke

Eine Frau trägt eine türkise Bluse und blickt ärgerlich. (picture alliance / dpa / Courtesy Everett Collection)
Aus Aidas Perspektive erlebt man die Unfähigkeit der UN-Truppe, die zunehmend die Kontrolle verliert. (picture alliance / dpa / Courtesy Everett Collection)

Bosnien im Sommer 1995: Aida arbeitet als Übersetzerin für die UN in Srebrenica. Aus ihrer Perspektive erzählt der Film, wie sich die Lage zuspitzt, und zeigt Aidas zunehmende Verzweiflung. Ihre Ohnmacht und Wut übertragen sich auf die Zuschauer.

Um was geht es?

Die Filmemacherin Jasmila Žbanić vergegenwärtigt das Massaker von Srebrenica aus der Perspektive der Übersetzerin Aida: Als die serbische Armee ihre Heimatstadt einnimmt, gehört Aidas Familie zu den Tausenden von Menschen, die im UN-Lager Schutz suchen.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Als Dolmetscherin der UN in den Verhandlungen hat Aida Zugang zu entscheidenden Informationen. Sie versucht herauszufinden, wie sie ihre Familie und ihre Mitbürger retten könnte.

Was ist das Besondere?

Die Kamera begleitet Aida auf Schritt und Tritt, etwa, wenn sie durch eine alte Batteriefabrik eilt, wo 25.000 Bosniaken, größtenteils Frauen und Kinder, Zuflucht suchen. Wenn sie bei den Verhandlungen zwischen den niederländischen UN-Befehlshabern und den serbischen Militärs dolmetscht und der bosnische Bürgermeister fragt: "Wozu ist Srebrenica eine Schutzzone, wenn die Serben hingehen können, wo sie wollen?"

Aus Aidas Perspektive erlebt man die Unfähigkeit der UN-Truppe, die zunehmend die Kontrolle verliert, die sich von den Serben auf fatale Weise an der Nase herumführen lässt und letztlich tatenlos dabei zusieht, wie Männer in Bussen deportiert werden.

Immer offensichtlicher wird die Verzweiflung auf Aidas Gesicht, weil sie nichts für ihren Mann und ihre zwei Söhne tun kann. Ihre Ohnmacht und Wut erreichen auch das Publikum.

Fazit

Dieser Film entwickelt eine Gegenwärtigkeit, die verdeutlicht, dass eines der schwersten Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg noch längst nicht aufgearbeitet ist.

Gleichzeitig hat "Quo Vadis, Aida?" auch etwas Kafkaeskes: Statt zu handeln, ziehen sich die Blauhelm-Militärs mit regungslosen Mienen hinter Gesetze und Verordnungen zurück, verschanzen sich in ihren Büros.

Laut Miranda Jakiša, Professorin für Südslawische Literatur- und Kulturwissenschaft, kann der Film zur Versöhnung in Bosnien-Herzegowina beitragen, da er nicht moralisiere und die Ereignisse nicht verkitsche. [AUDIO]

"Was vor allem wunderbar ist an diesem Film: Dass er keine konkrete Gruppe mit erhobenem Zeigefinger anklagt. Und da sehe ich ganz viel Potenzial drin. Meines Erachtens ist dieser Film einer, der zeigt, dass Hass und Gewalt überall geschehen kann. Und insofern ist er sehr interessant für die Frage von Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewaltanwendung."

In der Region werde der Film zwiespältig aufgenommen, sagt Jakiša: Einerseits sei man dankbar und glücklich über diesen Film, in der serbischen Republika Srpska sei er aber nicht gezeigt worden, auch in Serbien und Montenegro sei das Desinteresse groß und es gebe sogar Bestrebungen, den Film zu verbieten, weil der darin dargestellte Völkermord geleugnet werde. Im Juli wurde in Bosnien und Herzegowina ein Gesetz erlassen, dass die Leugnung des Genozids verbietet.

"Quo vadis, Aida?"
Bosnien-Herzegowina, Österreich, Deutschland 2020
Regie: Jasmila Žbanić
Mit: Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler u.a.
Länge: 104 Minuten

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