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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2016

Neu im KinoPure Perfektion aus China

Von Patrick Wellinski

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Filmszene aus "The Assassin" des chinesisch-taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien, der 2015 auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Das Foto zeigt die Hauptdarstellerin Shu Qi (picture alliance/dpa/Cannes Film Festival)
Schöne Attentäterin in dem Film "The Assassin" (picture alliance/dpa/Cannes Film Festival)

Als berauschender Bilderreigen und überragendes Stück Kino wurde "The Assassin" bereits 2015 in Cannes gefeiert. Jetzt läuft er in Deutschland an, und unser Filmkritiker lobt: Der Film sei reine Schönheit und könne es mit der Wucht eines Shakespeare-Dramas aufnehmen.

Wir müssen da gar nicht lange fackeln: Seit seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes im letzten Jahr ist "The Assassin" von Hou Hsiao-Hsien für viele Filmkritiker zum besten Film des Jahres ausgerufen worden. Zu Recht: Denn dieser Schwertkampf-Film, der fast völlig ohne Schwertkämpfe auskommt, feiert das Kino als reine Bilderkunst, als Ort, in dem nie wirklich wichtig war, was erzählt, sondern nur, wie es erzählt wurde.

"The Assassin" basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte aus dem China des 9. Jahrhunderts. Im Kern steht die junge Prinzessin Yinniang, die in der Weibo-Provinz während der Tang-Dynastie aufwächst. Die Provinzen beginnen, gegen den Kaiserhof aufzubegehren. Es fängt ein Zeitalter der Allianzen und Abspaltungsbewegungen an. Yinniang wird in ein Kloster geschickt und dort von ihrer Tante zur leisen Killerin ausgebildet, die ihren Cousin umbringen soll, der sich gegen den Kaiserhof positioniert und so die hoftreue Familie betrogen hat. Doch es gibt keinen Anschlag. Yinniang kann ein Familienmitglied nicht umbringen – vor allem nicht, weil sie einst ihren Cousin heiraten sollte.

Hoch komplexe politische Intrigen

"The Assassin" besteht aus einer hoch komplexen politischen Intrige, die sich ohne weiteres mit Shakespeares Königsdramen messen kann. Die Komplexität führt aber auch zur Verwirrung, was es nicht immer leicht macht, der Handlung zu folgen. Aber das ist egal: Denn es geht hier nur um die Stille und Harmonie der Bilder. Um sorgfältig arrangierte Kamerafahrten, die nichts weiter einfangen als die reine Schönheit.

Und die spiegelt sich in kleinsten Details: Im Wind, der durch die Gerste zieht. In dem Lied, das von einem Vogel handelt, der nur sang, wenn man ihn vor den Spiegel setzte; oder in der Art, wie die Gouvernante sich neben ihren Mann setzt. In all dem steckt reines Kino. Pure Perfektion. "The Assassin" lässt sich als Kunstwerk nur noch mit Gemälden eines Diego Velazquez vergleichen. Genau wie Velazquez` "Las Meninas" will man "The Assassin" in Endlosschleife betrachten. Das versteht sich aber auch irgendwie von selbst. Schließlich ist das ja hier der beste Film des Jahres.

The Assassin
Historien-Drama – 2015 (Taiwan, China)
Regie: Hou Hsiao-Hsien, Darsteller: Qui Shu, Chen Chang
105 Minuten

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