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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.05.2016

Neu im Kino: "Parchim International"Wenn ein Chinese in der deutschen Provinz einen Großflughafen baut

Von Bernd Sobolla

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Der chinesische Flughafen-Investor Jonathan Pang auf dem Flugplatz Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) bei der Vorstellung des Dokumentarfilms "Parchim International". (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Der chinesische Flughafen-Investor Jonathan Pang auf dem Flugplatz Parchim (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Ein chinesischer Investor kauft in der tiefsten Provinz ein Flughafengelände. Seine Vision: Er will der Globalisierung ein neues Zentrum geben. Doch das ist schwerer als gedacht. Der Dokumentarfilm "Parchim International" zeigt das Vorhaben als Tragikomödie.

Als der chinesische Investor Jonathan Pang 2009 das Band durchschneidet und die Eröffnung des Flughafens "Parchim International" feiert, ist die Stimmung bestens. Auch wenn das mit dem Zählen noch nicht so richtig klappt. Auf jeden Fall wirkte Jonathan Pangs Optimismus auch auf den Filmemacher Stefan Eberlein, der von dem Projekt in der Zeitung las. 

"Ein Chinese, der eine riesige Vision hat, und wir haben einen Flughafen, der schon lange brach liegt. Wir haben dort einen unglaublich energetischen Mann getroffen, der Ideen hatte ohne Ende, Visionen ohne Ende, die natürlich überhaupt nicht in diese Gegend hier passen. Diese Motivation hat uns über die nächsten Jahre getragen."

Das Terminalgebäude ist am 03.05.2016 auf dem Flugplatz Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) zu sehen. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Das Terminalgebäude ist am 03.05.2016 auf dem Flugplatz Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) zu sehen. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Bis heute wird Jonathan Pang nicht müde zu betonen, dass die äußeren Bedingungen fast ideal seien. 

"Der Standort des Flughafens Parchim ist sehr gut - mitten in Europa, zwischen Hamburg und Berlin. Auch die Transportverbindungen sind gut: Es gibt die Autobahn 24 und die A 14 wurde gerade in Betrieb genommen. Man kann Parchim also einfach erreichen."

Kampf durch die Mühlen der deutschen Bürokratie 

Zwar weht schon bald die chinesische Fahne vor dem Flughafengebäude, aber ein Business-Center ist Parchim noch lange nicht: Meist sitzt der Fluglotse untätig in seinem provisorischen Kontrollturm, auf dem ein einsamer Scheinwerfer rotiert.

Und Pangs deutscher Berater Werner Knan kämpft sich durch die Mühlen der deutschen Bürokratie - und der lokalen Gerüchteküche.

"Flughafen Parchim, guten Tag!"
"Ich habe einen Anruf erhalten mit der Information, dass ein Bürgermeister einer Nachbargemeinde von Parchim am Markt behauptet, Herr Pang, der Eigentümer des Flughafens, würde sich zurückziehen. Wie kommen Sie darauf?"
"Hm, ich glaube, das hat was mit der Verlängerung der Startbahn zu tun, oder?"
"Wer erzählt denn so was?"
"Das habe ich über die Schweriner Volkszeitung erfahren."
"Mein Gott, dieses Käseblatt!"

Pang gibt nicht auf

Der Flughafen kommt nicht in Gang, aber Pang denkt nicht daran aufzugeben. Stattdessen wirbt er in China um Investoren, spricht davon, Produktteile aus Japan, Korea und China nach Parchim zu bringen, um die Endmontage im zollfreien Bereich des Flughafens durchzuführen, ein 5-Sterne-Transithotel zu bauen und aus dem brachen Flughafen eine Airport City zu machen.

"Außerdem haben wir die Genehmigung, ein Business-Center im Wert von 100 Millionen Dollar zu bauen. Unser Geld können wir verdienen, indem wir für jede Geschäftsabwicklung drei bis fünf Prozent Provision berechnen.  Das bringt viel Geld jedes Jahr."

Die potentiellen Partner nicken zustimmend, wollen aber erst investieren, wenn das Flughafenprojekt läuft. Und in Deutschland, wo meist zunächst Machbarkeitsstudien gefragt sind, erlebt der Regisseur Stefan Eberlein in dieser Hinsicht nichts.

"Ich weiß, dass der Herr Pang immer einen Businessplan entwickeln sollte, womit er große Schwierigkeiten hatte. Erstens weil es in China nicht üblich ist. Der musste erst einmal lernen, was das ist. Und zweitens weil seine Pläne so groß sind, dass sie nicht in einen Businessplan hinein gepasst haben."

Filmszenen in China besonders bewegend

Die bewegendsten Szenen gelingen den Filmemachern in China, wo sie tief in das Leben von Jonathan Pang eintauchen. So erfahren wir, dass Pang aus ärmsten Verhältnissen stammt, dass sein Bruder an Unterernährung starb und Pang fast nie mit anderen Kinder spielte, weil er immer nur lernte, um Karriere als Geschäftsmann zu machen.

Als er später auf dem Flughafen von Lagos in Nigeria arbeitete und sein Vater starb, konnte er nicht zur Beerdigung kommen, da sonst seine Arbeit gescheitert wäre. Die Erinnerung daran, lässt ihn in den Armen seiner Mutter zusammenbrechen.

"Mein Vater, so ist das Leben: Entweder machst du Geschäfte oder du gibst auf. Beides zusammen geht nicht."

Auch neun Jahre nach dem Kauf des Flughafens hebt in Parchim kaum ein Flugzeug ab. Vielleicht ist alles nur das Ergebnis eines kulturellen Missverständnisses, resümiert der Fluglotse.

"Ich glaube, Chinesen denken in andern Zeitdimensionen als wir. Wir haben gedacht, wenn es heißt: Jetzt! Dass es auch Jetzt heißt. Und ... für den Chinesen: Jetzt … das heißt nicht, dass morgen die Bagger kommen. Das heißt nur, es werden irgendwann Bagger kommen."

Eine wirtschafts-politische Tragikomödie

Der Film "Parchim International" ist ein sehenswerter, humorvoller und zugleich nachdenklich stimmender Dokumentarfilm, eine wirtschafts-politische Tragikomödie über einen Visionär oder Fantasten, ganz wie man will, über chinesische Dynamik und deutsche Trägheit, über kulturelle Annäherung und die unsäglichen Mühen, neue Ideen umzusetzen.

Jonathan Pang hat inzwischen sein Projekt erweitert: In Peking bietet er unter dem Namen "Parchim" deutsche Markenprodukte im Rahmen des E-Commerce an und organisiert Frachtflüge von Amsterdam nach Chiang. Die sollen aber bald von Parchim aus starten.

Der Dokumentarfilm "Parchim International" startet nicht nur am Donnerstag (19.5.) in den Kinos, in den Berliner Kinos Union und Moviemento gibt es am Freitag (20.5.) bzw. am Samstag (21.5.) Vorführungen mit anschließender Diskussion mit dem Regisseur Manuel Fenn.

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