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Vollbild | Beitrag vom 23.12.2017

Neu im Kino: "Loving Vincent"Ein Film wie gemalt

Hugh Welchman im Gespräch mit Susanne Burg

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Ein Bild von Vincent Van Gogh (Weltkino)
Bild aus "Loving Vincent", einem Animationsfilm, der aus Ölgemälden hergestellt wurde (Weltkino)

Über 60.000 Ölgemälde stecken in dem Animationsfilm "Loving Vincent". Damit wollte Regisseur Hugh Welchman die Bildwelten Van Goghs zum Leben erwecken, erklärt er im Gespräch. Die Mühe hat sich gelohnt: Der preisgekrönte Film ist für den Auslands-Oscar nominiert.

Wie viel Arbeit in "Loving Vincent" steckt, kann man nur in Ansätzen erahnen. Es ist der erste animierte Film, der aus Ölgemälden besteht – aus 65.000, um genau zu sein. Gemalt im Stile von van Gogh, setzt er inhaltlich nach dessen Tod ein: ein Brief des Künstlers an seinen Bruder Theo taucht auf. Der Postbote Joseph Raulin, den van Gogh mehrfach porträtiert hat, beauftragt seinen Sohn, den Brief persönlich zu übergeben. Jahre hat der Film gedauert. Und nun zeigen sich nicht nur die Zuschauer beeindruckt, sondern auch die Animationsexperten und die Filmwelt.

Susanne Burg: Vor zwei Wochen gewann der Film einen Europäischen Filmpreis, ist für einen Golden Globe nominiert und steht für die Oscars auf der Shortlist. Dorota Kobiela und Hugh Welchman, die Schöpfer des Films, dürfte es freuen, denn es war kein einfaches Projekt, wie Hugh Welchman im Interview erzählt. Ich habe ihn vor drei Wochen in Doha, in Katar getroffen, wo er den Film einem jugendlichen Publikum vorgestellt hat. Ich habe ihn auf diese erst mal verrückt klingende Idee angesprochen: ein Film, der aus Ölgemälden besteht?

Hugh Welchman: Es klingt verrückt, ja, aber jetzt sitzen wir hier in Doha. Gestern war ich im Museum für Islamische Kunst. Es gibt da diese Miniaturbilder und Miniaturkorane und ich habe gedacht: da muss doch ein einzelner Künstler zwei bis drei Jahre dran gesessen haben. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass Künstler viel Zeit und Energie in etwas stecken. Man muss nur daran glauben, dass es die Zeit Wert ist.

Unser Film begann vor zehn Jahren als Kurzfilm. Dorota Kobiela ist gelernte Malerin und hat viel bei Animationen gearbeitet. Und sie wollte dann ihre Leidenschaft fürs Malen mit der Leidenschaft für den Film zusammenbringen und einen Film malen. Einen Kurzfilm. Dann haben wir uns kennengelernt, uns verliebt, sie hat mir bei meinem Projekt geholfen, und dann haben wir überlegt, einen Langfilm über Vincent van Gogh zu machen.

Die Filmemacher von "Loving Vincent": Dorota Kobieta und Hugh Welchman (imago stock&people)Die Filmemacher von "Loving Vincent": Dorota Kobieta und Hugh Welchman (imago stock&people)

Das ist erst mal tatsächlich verrückt. Es bedeutet, 65.000 Ölgemälde herzustellen. Aber es ist ja so: Animation dauert immer lange. Und hier dauert’s halt noch etwas länger. Bei dem Film "Peter und der Wolf", der eine Stop-Motion-Animation war, hat ein Zeichner an einem Tag 2 Sekunden Animation geschafft. Bei "Loving Vincent" waren es nur ein paar Zehntelsekunden. Es war also zwischen 6 und 10 mal langsamer als Puppenanimation – die schon sehr langsam ist.

Aber wir dachten uns: so viele Menschen lieben Vincent van Gogh, dass es ein Publikum für einen solchen Film geben würde. Das schwierigste war dann nur, finanzielle Unterstützung zu finden. Viele potentiellen Geldgeber fanden entweder, dass es verrückt ist oder ein zu großes Risiko.

Van Goghs Charakter und Leben - präsentiert in seinen Bildern

Susanne Burg: Sie haben dann Finanzierung gefunden. Was aber sehr lange gedauert hat.

Hugh Welchman: Ja, wir haben mit Hunderten von Leuten gesprochen. Jetzt sitzen wir in Katar und das Doha Film Institut hat auch ein bisschen Geld gegeben. Es hat lange gedauert, aber wir haben einige Leute gefunden, die mutig genug waren und das Risiko eingegangen sind…

Susanne Burg: Sie zeigen im Film 77 Bilder von van Gogh, die sehr nahe an den Originalen sind, und Dutzende anderer Bilder, die Teile von van Goghs Gemälde verwenden. Wie zentral waren diese van-Gogh-Gemälde bei der Entwicklung der Geschichte, also wie stark sollte sich die Geschichte um die Originalbilder herum entspinnen?

Hugh Welchman: Die Idee war von Anfang an, Vincent van Gogh Gemälde zum Leben zu erwecken und seine Geschichte zu erzählen. Ja, wir haben zum Teil ganze Gemälde benutzt, und von 30-40 Bildern haben wir Teile verwendet, einen Himmel oder Wolken zum Beispiel. Wir wollten Vincent van Goghs Wesen, seinen Charakter und sein Leben präsentieren – durch seine Gemälde. Seine Bilder sind extrem persönlich, sehr emotional und voller Leidenschaft. Sie zeigen, wie er die Welt sieht und daher fanden wir es unmöglich, seine Geschichte ohne seine Bilder zu erzählen.

Susanne Burg: Und dabei erscheint van Gogh als Figur ja nicht in Ihrem Film. Der Film spielt im Sommer 1891 nach seinem Tod. Ein Brief von ihm taucht auf. Und Armand Roulin, der Sohn des Briefträgers, beginnt zu ermitteln, warum Vincent van Gogh sich umgebracht hat, obwohl es ihm doch ein paar Wochen zuvor offensichtlich noch blendend ging. Was hat Sie daran gereizt, "Loving Vincent" als Detektivgeschichte anzulegen?

Hugh Welchman: Vincent erscheint ja schon im Film, aber nicht in Form eines sehr berühmten Schauspielers, der einen traurigen und wahnsinnigen Künstler darstellt. Es gibt schon so viele Biopics über ihn. Wir fanden, das was geblieben ist von van Gogh sind die Gemälde und die Briefe. Und wir wollten mit ihnen und durch sie direkt in seinen Kopf hineinschlüpfen. Und wir fanden es gut, die Geschichte nach seinem Tod spielen zu lassen, weil auf diese Weise viele Leute über ihn sprechen und man so die unterschiedlichen Perspektiven auf ihn und sein Werk bekommt.

Es gibt 127 Jahre akademischer Beschäftigung mit ihm, es gibt mehrere Bestseller-Biografien - der erste Bestseller war übrigens eine deutsche Biografie von Julius Meier-Graefe aus dem Jahr 1921 und jüngst gab es die Biografie von Gregory White Smith. Es gibt so viele Kontroversen auch über seinen geistigen Zustand, über seine letzten Stunden, so dass wir selbst ein bisschen zu Detektiven wurden, als wir die Geschichte geschrieben haben.

Selbst die Figuren im Film haben ja Unterschiedliches erzählt, Dr. Gachet und Adeline Revoux, Dinge, die auch dem widersprechen, was in Vincent van Goghs Briefen stand. Wir mussten also herausfinden, wer die Wahrheit erzählte, wer sich falsch erinnerte oder wer sich nach seinem Tod wichtiger machen wollte, als van Gogh langsam berühmt wurde. Ich habe selbst rund 30 Bücher gelesen und all seine Briefe. Wir waren selbst fanatische Detektive. 

Acht von 800

Susanne Burg: Ich würde auch gerne noch mehr über Ihr Vorgehen bei den Animationen erfahren. Sie haben im Stil von Vincent van Gogh gearbeitet und die Bilder animiert. Sie haben 65.000 Bilder gemalt. 125 Künstler haben daran mitgewirkt. Wie sind Sie vorgegangen? Wie haben Sie all das organisiert?

Hugh Welchman: Nun, wir haben mit Öl auf Leinwand gemalt. So wie Vincent van Gogh auch gearbeitet hat. Der Unterschied ist: Van Gogh hatte unterschiedliche Bildgrößen, wir haben nur eine Größe, das Kinoformat. Wir haben uns für das klassische Format 4:3 entschieden. Das ist dem von Vincent van Gogh am ähnlichsten, da mussten wir am wenigsten anpassen.

Unser Film spielt in einer Woche im Sommer. Dafür mussten wir manchmal die Jahreszeiten in den Gemälden anpassen, weil wir auch solche benutzen wollten, die van Gogh beispielsweise im Winter geschaffen hat. Und es gibt heutzutage ungefähr 800 Bilder von ihm. Acht davon zeigen einen Abend oder eine Nacht. Wir wollten mehr Bilder in den Abend verlegen. Seine Farben sind ja sehr hell, aber die Geschichten, die er erzählt, sind tragisch, geheimnisvoll und häufig auch traumatisch. Daher fanden wir es angemessen, einige seiner Bilder vom Tage in die Nacht zu verlegen.

Was die Technik angeht: Vincent van Gogh hat sehr schnell gemalt. Er hat dadurch auch dieses Gefühl von Bewegung erzeugt. Das kommt natürlich auch der Animation sehr entgegen. Was aber technisch sehr schwierig war: van Gogh hat seine Farben häufig auf der Leinwand gemischt. Das ging bei uns nicht. Wir mussten die Farben vorher mischen, weil so viele Künstler beteiligt waren. Wir hätten auch gerne mehrere Farbschichten benutzt, um auch andere Ebenen sichtbar zu machen, aber dazu braucht man eine komplexere Lichtsetzung. Wir hatten nur eine gleichmäßige Beleuchtung. Deshalb sieht man die unterschiedlichen Farbschichten kaum.

Susanne Burg: Und dann gibt’s ja noch die Rückblenden, wenn Leute ihre Geschichten erzählen. Dann benutzen Sie einen komplett anderen Stil, schwarz-weiß.

Hugh Welchman: Ja, die Gegenwart ist die Welt von Vincent van Gogh. Und die Rückblenden sind die Erinnerungen der Leute, die Armand interviewt. Die sollten in einem ganz anderen Stil sein, so dass man sofort weiß, dass man sich jetzt in einer ganz anderen Welt befindet. Wir entschieden uns also für schwarz-weiß und lehnten uns stilistisch an die holländische und französische Fotografie der 1880er und 90er Jahre an. Wir haben auch in Öl gemalt, aber es ist ein sehr realistischer Stil. Wir wollten auch, dass die Zuschauer mal durchatmen können, weil wir Sorge hatten, dass 90 Minuten in dem sehr intensiven, wirbelnden, sehr bunten Stil von Vincent van Gogh vielleicht etwas zu viel sein könnten.

Loving Vincent
Polen, Großbritannien, 2017, 94 Minuten, FSK 6, 
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman
Darsteller: 
Douglas Booth, Chris O’Dowd, Jerome Flynn, John Sessions, Helen McCrory, Eleanor Tomlinson, Aidan Turner, 
Saoirse Ronan, Robert Gulaczyk, Cezary Lukaszewicz

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