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Fazit | Beitrag vom 11.09.2019

Neu im Kino: "Liberté" Zeitloser Blick in die Seele des Menschen

Von Anke Leweke

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Im Dämmerlicht eines Waldes liegen sich ein Mann und eine Frau in Barock-Perücken in den Armen. (Filmgalerie 451)
Waldszene im Film "Liberté" von Albert Serra. Beim Filmfestival in Cannes erhielt der Film 2019 den Spezialpreis der Jury. (Filmgalerie 451)

Im Film "Liberté" des Katalanen Albert Serra geht es um ein von moralischen Grenzen befreites und sexuell zügelloses Leben zu Zeiten Ludwigs des XVI. Doch das nächtliche Treiben im Wald ist nur Mittel, um tief in die menschliche Seele zu schauen.

Um was geht es ?

Kurz vor der französischen Revolution werden mehrere freidenkende Adelige vom puritanischen Hof Ludwigs XVI vertrieben. Sie suchen Unterstützung bei dem für sein lasterhaftes Leben bekannten Herzog von Welchen. Das französische Trio will seine Form der Libertinage in die Welt tragen, ein zügelloses Leben, ohne Autoritäten, ohne moralische Tabus. Auch suchen sie einen Ort, an dem sie ihre Visionen und Ideen hemmungslos ausleben können.

Was ist das Besondere?

Der Katalane Albert Serra ist ein Grenzgänger zwischen Theater, Kino und bildender Kunst. Szenen dieses verstörenden Films waren bereits als Videoinstallation auf mehreren Bildschirmen zu sehen. Das gleichnamige von ihm selbst geschriebene Stück war letztes Jahr an der Berliner Volksbühne zu sehen und wurde kontrovers aufgenommen. 

Auch der Film spielt mehr oder weniger in einer Nacht. Schauplatz ist ein Wald, irgendwo in Preußen. Auf der Tonspur zirpen Grillen, rascheln die Blätter im Wind, und dazwischen hört man das Stöhnen von Männern und Frauen. In diesem nächtlichen Wald treffen sich Menschen aller Gesellschaftsschichten zum anonymen Sex. Man spricht über Perversionen, obsessive Wünsche, lässt sexuelle Fantasie wahr werden, die der Film explizit zeigt. Doch das Begehren scheint die Figuren letztlich auf sich selbst zurückzuwerfen, die Befriedigung bleibt aus. Die Erotik wird hier nicht im Sinne von George Bataille zur Bejahung des Lebens, auch werden die sado-masochistischen Spiele – anders als bei Pier Paolo Pasolini – nicht zu Versuchsordnungen, mit denen andere Systeme reflektiert werden. Dennoch entwickelt diese Nacht einen existenzialistischen Sog, geht es um eine Einsamkeit und Verlorenheit, die den Menschen innezuwohnen scheint, die sich mit dem wildesten Sex nicht verdrängen lässt.  

Fazit

Die Leinwand wird zu einem von sexuellem Begehren und Ausschweifungen aufgeladenen Diskursraum. Aber Albert Serra geht es nicht um Tabubrüche und Grenzüberschreitungen, eher nimmt er die Perversion als Lupe, um tief in des Menschen Seele zu blicken. Plötzlich wirken die Männer und Frauen in ihren Kostümen, Perücken und mit ihren weißgeschminkten Gesichtern sehr zeitlos. Die Sexualität wird zur Metapher für einen ruhelosen Aktionismus, der zur permanenten Entfremdung der Figuren von sich selbst und ihrer Umgebung führt.

Liberté
Spanien, Deutschland, Frankreich, Historienfilm 2019
Regie: Albert Serra
u.a. mit Helmut Berger, Iliana Zabeth, Marc Susini, Montse Triola

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