Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Samstag, 23.03.2019
 
Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Fazit | Beitrag vom 07.11.2018

Neu im Kino: "Leto" von Kirill SerebrennikowEin Manifest für die Freiheit der Kunst

Von Patrick Wellinski

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schwarzaufnahme eines asiatischen Schauspielers, der Zigarette rauchend am Strand steht und nachdenklich über seine Schulter blickt. (Hype Film/Kino Vista/Weltkino Verleih)
Teo Yoo als Wiktor Zoi in Kirill Serebrennikovs Film "Leto". Der russische Titel bedeutet auf Deutsch "Sommer". (Hype Film/Kino Vista/Weltkino Verleih)

Mit "Leto" ist Kirill Serebrennikow ein mitreißendes, herrlich surreales Porträt des in der Sowjetunion populären Musikers Wiktor Zoi gelungen. Bitterer Beigeschmack: In seiner russischen Heimat steht der Regisseur gerade unter Hausarrest.

Worum geht es?

"Leto" spielt im Leningrad der 1980er Jahre. Der 26 Jahre alte Rockmusiker Mike Naumenko versucht sich mit seiner Band an den großen Vorbildern des Westens wie Talking Heads, Blondie, David Bowie oder Lou Reed zu orientieren, aber die staatliche Zensur verhindert den Durchbruch.

Dann begegnet Mike dem charismatischen Wiktor Zoi, dessen lakonische Texte die Band bereichern und sie zu einem absoluten Geheimtipp der Rockszene machen. Doch auch dieser Versuch der musikalischen Rebellion wird durch die tristen politischen Umstände der späten Sowjetunion klein gehalten.

Wer war Wiktor Zoi?

In Sowjetrussland wurde der Rockmusiker Wiktor Zoi gefeiert, in Deutschland ist er kaum bekannt. Olga Hochweis erklärt uns im Gespräch, was es mit Wiktor Zoi und seiner kultischen Verehrung auf sich hat:

Was macht den Film aus?

Der unter zwielichtigen Umständen angeklagte russische Regisseur Kirill Serebrennikow macht aus "Leto" ein eindrückliches Denkmal für den in Russland immer noch verehrten Rockmusiker Wiktor Zoi, der mit seinen Texten den Soundtrack zur kurz bevorstehenden Perestroika lieferte. In wundervollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen wirft sich die Kamera in die jungen Leben der Musiker hinein, zeigt ihre Träume und Sehnsüchte. Wir sehen wie sehr die Band doch gerne mit ihren großen Vorbildern aus dem Westen musizieren würde.

Erfolg und Karriere erscheinen da nur sekundär. In Wahrheit geht es ihnen um die freie Entfaltung als Künstler. In herrlich surrealen Szenen baut Serebrennikov ganze Musik-Clips in die Handlung ein, die den grauen und tristen Alltag der Sowjetunion zum Happening machen. Es wirkt wie ein grausamer Witz, dass die Bilder so auch zu einem Spiegel für Serebrennikovs gegenwärtige Situation werden.

Bewertung?

"Leto" ist ein beeindruckendes Porträt der Sehnsüchte einer jungen Generation im Wartezustand. Leidenschaft und Zorn entladen sich und großartigen Musiksequenzen, die nicht nur die westliche aber auch die sowjetische Musik feiern, werden zum Rhythmusgeber dieser Geschichte. "Leto" ist ein Manifest für die Freiheit der Kunst und des Künstlers. Und wer könnte da nicht an den Regisseur selber denken, dessen Hausarrest gerade bis ins Frühjahr 2019 verlängert wurde.

Online-Bonus: Hier ein Eindruck des wirklichen Wiktor Zoi auf der Bühne:

Aktuell: Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow hat heute in einem Untreueprozess in Moskau alle Vorwürfe zurückgewiesen:
Mehr zum Thema

Serebrennikovs Mozart-Regie "Cosi fan tutte" in Zürich - Proben ohne Regisseur
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 04.11.2018)

Postkarte aus Cannes - Ein leerer Stuhl
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 10.05.2018)

"Nurejew" von Kirill Serébrennikow - Eine Feier männlicher Schönheit
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 09.12.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsHelmut Kohl hat sich geirrt
Altkanzler Helmut Kohl am 20.11.1999 bei einer Pressekonferenz in der CDU-Zentrale. (dpa)

Um Europa steht es nicht gut in Zeiten des Brexit - da sind sich die Kulturseiten der Zeitungen einig. Wenn es allerdings um Rezepte zur Heilung des Kontinents geht, ist Schluss mit der Einigkeit. Aber den Roman von Anke Stelling finden alle gut.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 12Von Wilmersdorfer Witwen und kämpferischer Kultur
Die legendären "Wilmersdorfer Witwen" im Musical "Linie 1" des Grips-Theaters. (David Baltzer / bildbuehne.de / Grips Theater)

Das Berliner Grips-Theater wird 50 Jahre alt. Ist sein Erfolgsmusical „Linie 1“ noch aktuell? Ein Selbstversuch mit drei Generationen. Außerdem: Lässt sich das Theater in einen von rechtsnationalen Kräften erklärten „Kulturkampf“ verwickeln?Mehr

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur