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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.03.2020

Neu im Kino: "La Vérité"Die Wahrheit einer Promifamilie

Von Anke Leweke

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Szene aus "La Vérité" von Hirokazu Kore-eda: Im Gegensatz zu ihrer Mutter, dem Filmstar Fabienne (Catherine Deneuve) hat Lumir (Juliette Binoche) ganz andere Erinnerungen an ihre Kindheit. (2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Laurent Champoussin)
Im Gegensatz zu ihrer Mutter, dem Star Fabienne (Catherine Deneuve) hat Lumir (Juliette Binoche) ganz andere Kindheitserinnerungen. (2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Laurent Champoussin)

Catherine Deneuve spielt in "La Vérité" eine französische Filmdiva und ein bisschen auch sich selbst. Ihre Tochter, eine Drehbuchautorin, wird von Juliette Binoche dargestellt. Ärger gibt es, als die Mutter ihre Memoiren veröffentlicht.

Worum geht es?

Die französische Filmdiva Fabienne (Catherine Deneuve) hat ihre Memoiren veröffentlicht. Aus diesem Anlass kommt ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche) in "La Vérité - leben und lügen lassen" aus New York angereist. Dort arbeitet sie erfolgreich als Drehbuchautorin. Weniger erfolgreich ist ihr Mann (Ethan Hawke), der sich als Schauspieler versucht, doch nur Angebote für Nebenrollen in drittklassigen Internetserien bekommt. Herablassend schaut Fabienne auf ihn herunter. Ohnehin ist sie als Star gewöhnt, auch privat im Rampenlicht zu stehen. Lumir ist verärgert über Fabiennes Autobiografie, weil sie darin die Mutter-Tochter-Beziehung hemmungslos beschönigt sieht. Die achselzuckende Reaktion von Fabienne lautet: "Die Wahrheit ist nicht faszinierend."

Was ist das Besondere?

Immer wieder stellt der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda seine Kamera inmitten des Alltags einer Familie auf, wohl wissend, dass jede ihr Eigenleben entwickelt, das sich seinem Objektiv entzieht. Auch seine französische Filmfamilie ist damit beschäftigt, zu ergründen, was eigentlich die einzelnen Mitglieder jenseits der sogenannten Blutsbande miteinander verbindet.

Filmregisseur Hirokazu Kore-eda (mitte) mit den Schauspielerinnen Juliette Binoche (L) und Catherine Deneuve bei der Eröffnung der 76. Filmfestspiele Venedig. 28. August 2019 (imago images / Xinhua)Filmregisseur Hirokazu Kore-eda mit den Schauspielerinnen Juliette Binoche (l.) und Catherine Deneuve. (imago images / Xinhua)

Bereits in seinen in Japan gedrehten Filmen variiert Kore-eda das Thema der Wahlfamilie, in "Shoplifters" (Goldene Palme 2018) folgte er kleinen und großen Außenseiterinnen und Außenseitern, die zu weit mehr als einer Zweckgemeinschaft zusammenwachsen. Dieser Regisseur zeigt, was Familie ist, und vor allem, was Familie sein kann. Und er feiert eine Frau, die, in eigenen Worten, lieber eine gute Schauspielerin, denn eine gute Mutter oder Freundin sein möchte, und die dennoch auf überraschende Weise das Zentrum dieser egozentrischen und exzentrischen Familie ist.

Fazit

Hemmungslos und mit schöner Selbstironie lebt Fabienne ihren Narzissmus aus. Übrigens ist Fabienne der zweite Vorname von Catherine Deneuve. Immer wieder spricht die Schauspielerin durch ihre Kunstfigur, verschmelzen Realität und Fiktion. In diesem feinsinnigen Spiel um Sein und Schein werden Fragen aufgeworfen, die das Zusammenleben unter einem Dach betreffen. Vielleicht braucht es die kleinen und großen Lügen, damit zwischen hart ausgesprochenen Wahrheiten und dem Kreisen um Halbwahrheiten das Familiengefüge ständig in Bewegung bleiben kann. Vielleicht müssen sich die einzelnen Mitglieder auch etwas vormachen, um einander wahrhaftig zu begegnen.

La Vérité – Leben und lügen lassen
Japan, Frankreich 2019
Regie: Hirokazu Kore-eda
Länge: 106 Minuten

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