Seit 11:05 Uhr Lesart

Samstag, 04.07.2020
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Frühkritik | Beitrag vom 11.08.2016

Neu im Kino: "Genius"Gepflegte Langeweile in Sepia-Tönen

Von Anke Leweke

Podcast abonnieren
Colin Firth und Jude Law, Hauptdarsteller des Films "Genius", zu Gast bei der 66. Berlinale 2016. (picture alliance / dpa / Ekaterina Chesnokova)
Colin Firth und Jude Law, Hauptdarsteller des Films "Genius", zu Gast bei der 66. Berlinale 2016. (picture alliance / dpa / Ekaterina Chesnokova)

Dieser Film zeigt die Beziehung zwischen dem amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe und seinem Lektor Max Perkins. Leider lässt der Film sich nicht allzusehr auf den Entstehungsprozess von Kunst ein. Stattdessen setzt er auf die Exzesse des Lebemanns Wolfe.

Wie entsteht Kunst? Wie entsteht Literatur? Wie wird aus tausend eng bekritzelten Seiten ein Buch? Mit einem gigantischen Stapel loser Blätter steht der junge Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) im New York der 1920er-Jahre vor der Tür des angesehenen Lektors Max Perkins (Colin Firth). Dieser erkennt das Talent von Wolfe, lässt sich auf das Wagnis einer Zusammenarbeit ein. Gemeinsam versucht man, die präzisen Beobachtungen über das amerikanische Leben in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten in eine Form zu gießen. Dabei wird um jedes Wort, jeden Satz, jede Formulierung gerungen.

Schade, dass der Film sich nicht noch mehr auf den Entstehungsprozess von Kunst einlässt. Dass er lieber die Exzesse des Lebemannes Wolfe in Szene setzt, seine Beziehungskrisen, sein herablassendes Verhalten seiner Umwelt gegenüber.

Biedere Szenen

Perkins, eigentlich ein fürsorglicher Ehemann und Vater, wiederum lernt durch Wolfe die Subkultur New Yorks kennen. Gemeinsam zieht man durch Nachtclubs und Jazzkneipen. Diese Szene sind bieder und allzu gediegen gefilmt, ihnen gelingt es nicht, einen Zusammenhang mit dem literarischen Schaffen von Wolfe herzuleiten.

Was dem Zuschauer beim Schauen dieser gepflegten, in Sepia-Tönen gehaltenen Langeweile bleibt, sind Schauspielerstudien. Fast aufdringlich wirkt das exzessive Spiel von Jude Law, der permanent überagiert, der nicht für sein Gegenüber spielt.

Ganz anders hingegen, der wunderbare Colin Firth, der in seiner gewohnt minimalistischen Art auch von großen Gefühlen erzählen kann. Man glaubt ihm seine Bewunderung und seinen Respekt vor Wolfes Genie, gleichzeitig ist sein Gesicht auch stets von der Sorge um den Menschen hinter den Worten gekennzeichnet.

"Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft"
USA 2016, Regie: Michael Grandage
Mit : Jude Law, Colin Firth, Nicole Kidman, Laura Linney
Länge: 104 Minuten

Mehr zum Thema

"Genius" kommt ins Kino - Genial ist niemand in diesem Film
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 10.08.2016)

Berlinale: "Genius" und "Soy Nero" - Unmögliche Frauenrollen und amateurhafte Kampfszenen
(Deutschlandradio Kultur, Frühkritik, 17.02.2016)

"Ich weiß jetzt, dass ich nur ein Staubkorn bin"
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 15.09.2013)

Kompressor

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur