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Studio 9 | Beitrag vom 31.01.2018

Neu im Kino: "Free Lunch Society"Werbefilm für das bedingungslose Grundeinkommen

Von Gerhard Schröder

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Demo für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Berlin 2013 (imago stock & people)
Demo für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Berlin 2013 (imago stock & people)

Der Film "Free Lunch Society" rührt für das Bedingungslose Grundeinkommen die Werbetrommel. Für die Befürworter eines solchen Projekts sicherlich eine Hilfe, für Skeptiker bleiben jedoch zu viele Fragen offen, findet unser Kritiker Gerhard Schröder.

"Free Lunch Society" ist ein Kampagnenfilm, der für das bedingungslose Grundeinkommen die Werbetrommel rührt. "Komm, komm Grundeinkommen!", heißt es drängend im Untertitel.

Und nach wenigen Filmminuten wird klar: Es handelt sich dabei um ein Projekt von historischen Dimensionen. Die Kamera schwebt hoch über der Erde, wir schreiben das 24. Jahrhundert, und die großen Menschheitsfragen sind gelöst. Es gibt keinen Krieg und keinen Hunger mehr, kein Geld und keinen Streit mehr um die Ressourcen. Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Und die Grundlagen dafür wurden vor 300 Jahren gelegt, mit der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens.

Das ist dick aufgetragen. Und leider kann der Film in der Folge nicht ganz klar machen, warum diesem Projekt solche Kräfte inne wohnen sollen. Fleißig werden viele Daten zusammen getragen, Regisseur Christian Tod führt uns in die 1960er-, 1970er-Jahre, als die ersten Versuche in den USA und Alaska mit dem Grundeinkommen gemacht wurden – aber schon bald eingestellt wurden.

Wir reisen nach Mosambik, wo den Bewohnern ein Grundeinkommen von 8 Dollar ausgezahlt wird, um die Armut zu bekämpfen. Und wir sehen, wie in Berlin Aktivisten ein monatliches Grundeinkommen von 1000 Euro verlosen. Das ist durchaus informativ, hat aber viele Längen und lässt viele Fragen offen.

Viele Fragen bleiben offen

Wer von dem Bedingungslosen Grundeinkommen überzeugt ist, wird von dem Film begeistert sein, denn er bekommt die Argumente dafür zur Genüge präsentiert. Wer skeptisch ist, wird das auch nach dem Film sein, denn an einer ernsthaften Auseinandersetzung ist dem Regisseur Christan Tod gar nicht gelegen.

Wie soll das bedingungslose Grundeinkommen finanziert werden? Wer arbeitet noch, wenn für das Überleben auch so gesorgt ist? Und sorgt das bedingungslose Grundeinkommen wirklich für mehr Gerechtigkeit?

Wirtschaftsliberale Befürworter sehen darin ein Mittel, den Sozialstaat zu zertrümmern und Unternehmen von Beiträgen für Renten- und Arbeitslosenversicherung zu befreien. Und ist es wirklich eine so verlockende Aussicht, wenn Beschäftigte keinen Lohn für ihre Arbeit mehr bekommen, sondern staatliche Sozialleistungen?

All das sind spannende Fragen, die eine kontroverse Debatte hätten befeuern können. Daran aber ist diesem Film gar nicht gelegen.

Free Lunch Society
Österreich/Deutschland 2017
Regie: Christian Tod
Länge: 94 Minuten

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