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Frühkritik | Beitrag vom 25.10.2018

Neu im Kino: "Ex Libris" von Frederick WisemanEin ungewöhnlicher Film über eine utopische Idee

Von Anke Leweke

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Filmstill aus "Ex Libris" des Regisseurs Frederick Wiseman (KOOL Filmdistribution )
In der Bibliothek kommen Menschen aus fast allen Schichten der Gesellschaft zusammen, die sich in ihr aufwärmen – bis hin zu Obdachlosen. (KOOL Filmdistribution )

Frederick Wiseman hat eine sehenswerte Dokumentation über die New York Public Library gedreht. Doch der Film ist mehr als ein intensiver Blick in die Mechanismen einer gigantischen Institution. Er erzählt auch von der großen utopischen Idee Amerika.

Worum geht es?

In seinem neuen Film "Ex Libris" blickt Frederick Wiseman auf die New Yorker Public Library. Über drei Stunden hinweg folgt er den Mitarbeitern der Bibliothek mit ihren 18 Millionen registrierten Nutzern und 42 Filialen in New York und Umgebung.

Er zeigt Telefonisten und Telefonistinnen, die sich freundlich mit ausgefallenen Ausleihwünschen herumschlagen. Er beobachtet Workshops mit Kindern oder älteren Menschen, die das Funktionieren eines Computers beigebracht bekommen. Der Verwaltungsrat berät darüber, ob man eher mehr populäre Bücher bestellen soll, um die Ausleihfrequenz zu erhöhen und ob Obdachlose, die die Bibliothek zum Aufwärmen nutzen, dort auch tagsüber schlafen dürfen. 

Was ist besonders am Film?

Seit 50 Jahren erkundet der große amerikanische Dokumentarfilmer die Welt und mit Vorliebe Institutionen: den Central Park, ein Frauengefängnis, einen Zoo, ein Krankenhaus, eine Hochschule, eine Boxhalle, das Ballett der Pariser Oper oder auch ein Museum wie die Londoner National Gallery. 

 Eine riesige Bücher-Fabrik: Die Bibliothek hat 18 Millionen registrierte Nutzern und 42 Filialen in New York und Umgebung (KOOL Filmdistribution )Eine riesige Bücher-Fabrik: Die Bibliothek hat 18 Millionen registrierte Nutzern und 42 Filialen in New York und Umgebung (KOOL Filmdistribution )

Wisemans Ansatz, der sich aus der amerikanischen Filmbewegung des Direct Cinema der Sechzigerjahre entwickelte, besteht in einem beobachtenden Blick, der sich bemüht, das, was vor der Kamera vorgeht, zu zeigen und dabei so wenig wie möglich darauf einzuwirken. 

Bewertung

Natürlich geht es in "Ex Libris" um viel mehr als Bücher: Der 88-jährige Filmemacher zeigt eine von unzähligen Mitarbeitern leidenschaftlich betriebene Wissensvermittlung. Der Film begibt sich mitten hinein in die Mechanismen und Strategien dieser Institution.

Im Kern geht es um den Glauben an die amerikanische Demokratie, um den Glauben an Bildung und Aufklärung als Grundfesten einer Gesellschaft. Und so ist "Ex Libris" vor allem eines: ein großer, ungewöhnlicher Film über die utopische Idee Amerika.

Ex Libris - New York Public Library
Regie: Frederick Wiseman
Dauer: 197 Minuten
USA 2017

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Geschichten aus dem Museum - Frederick Wisemans Dokumentarfilm
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 01.01.2015)

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