Seit 14:30 Uhr Vollbild

Samstag, 15.12.2018
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.05.2016

Neu im Kino: "Desire Will Set You Free"Spielplatz des queeren Underground

Von Patrick Wellinski

Podcast abonnieren
Yony Leyser (l) und Tim Fabian Hoffmann in einer Filmszene von "Desire Will Set You Free" (desirethemovie.com)
Yony Leyser (l) und Tim Fabian Hoffmann in einer Filmszene von "Desire Will Set You Free" (desirethemovie.com)

Freizügig, individualisiert und subversiv: In "Desire Will Set You Free" von Regisseur Yony Leyser ist ein junger Schriftsteller aus den USA auf der Suche nach seiner sexuellen Identität – in einem queeren Berlin, das erst nach Sonnenuntergang aufwacht.

Ezra (gespielt vom Regisseur Yony Leyser) wohnt seit ein paar Jahren in Berlin. Der aus den Vereinigten Staaten stammende Schriftsteller lässt sich durch den Tag gleiten. Ziellos, etwas gelangweilt, aber immer mitten im aufregenden Nachtleben. Er zieht mit seinen Freunden durch die Clubs, auf der Suche nach dem nächsten, flüchtigen sexuellen Abenteuer. Auch Drogen wirft er ein. Alles, um die Nächte noch heftiger werden zu lassen; alles um für einen Augenblick den Kick der absoluten Freiheit zu verspüren.

Grenzenloser Berliner Underground

Doch dann sitzt in einer Kneipe der junge Russe Sasha (Tim Fabian Hoffmann). Der Stricher ist erst seit ein paar Tagen in Berlin. Ezra schläft mit ihm. Und dann tauchen die beiden noch tiefer ein in die queere Undergroundszene Berlins. In dieser scheinbar grenzenlosen Welt merkt Sasha, dass er endlich derjenige sein kann, der (oder besser gesagt: die) er schon immer sein wollte. Die Suche nach der sexuellen Identität steht im Mittelpunkt von "Desire Will Set You Free", einem Debüt, das für deutsche Verhältnisse sehr ehrlich und freizügig vom heutigen Berlin erzählt.

Das queere Berliner Milieu erscheint hier in alle seinen Facetten und Befindlichkeiten: jung, gelangweilt, freizügig,und subversiv. Die Kamera fliegt an Orte wie den legendären Berghain-Club, besucht die fast schon vergessene Schwulenszene am Nollendorfplatz und entwirft so die Landkarte einer anderen Stadt, einer Stadt, die erst nach Sonnenuntergang zum Leben erwacht.

Mit autobiografischen Elementen angereichert

Yony Leyser, der den Film mit autobiografischen Elementen anreichert, ist selber sehr fasziniert von der Legende, Berlin sei die ultimative Stadt der Selbstverwirklichung. Für die Visualisierung dieses Traums baut er auch lustige Cameo-Auftritte von Nina Hagen und Rosa von Praunheim in seine Handlung ein. Alte queere Größen stehen den jungen gegenüber. Und plötzlich mischt sich die Vergangenheit mit der Berliner-Gegenwart und "Desire Will Set You Free" gelingt so die Bestandsaufnahme einer gewissen Generation.

Schade, dass Leyser seine eigentlichen Figurenkonstellationen dadurch aus dem Blick verliert. Personen treten auf und wieder ab, ohne dem dramaturgischen Verlauf etwas beizusteuern. Aber vielleicht ist ja das auch ein Zeichen des heutigen Berlins – Die Stadt als Durchlauferhitzer für Tagträumer und sanfte Gestrige. Alle haben das Recht auf ein paar wilde Nächte, aber es gibt keine Garantie auf ein glückliches Leben!

Desire Will Set You Free
Deutschland 2016 - Regie: Yony Leyser, - Darsteller: Yony Leyser, Tim Fabian Hoffmann, Chloé Griffin, Amber Benson, Anton Andrew, Rosa von Praunheim, Nina Hagen, Peaches - 92 Minuten
Filmhomepage

Mehr zum Thema

"Ich mag, wie Burroughs mit der Groteske umgeht"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 12.01.2012)

Der Mann, der den Mainstream attackierte
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 10.01.2012)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDemokratie bedeutet Langsamkeit
Der französische Autor Michel Houellebecq bei der Präsentation seines 2015 erschienenen Buchs "Unterwerfung" in Barcelona. (EPA/ANDREU DALMAU)

Der französische Erfolgs-Autor Michel Houellebecq outet sich als Trump-Fan und unterstützt "einfache" Lösungen. Auch den Austritt Frankreichs aus der Nato kann er sich vorstellen. Als Gegenentwurf erinnert die "Welt" an die Vorzüge der Demokratie. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur