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Vollbild | Beitrag vom 02.01.2016

Neu im KinoBloß nicht resignieren!

Von Thomas Hartmann

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Die Schauspielerin Alicia Vikander beim Photocall zum Kinofilm "The Danish Girl" im Berliner Hotel Ritz Carlton (imago/Future Image)
Die Schauspielerin Alicia Vikander beim Photocall zum Kinofilm "The Danish Girl" im Berliner Hotel Ritz Carlton (imago/Future Image)

"Vorgespult" stellt diese Woche drei Filme vor, in denen Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen: Der Abenteuerfilm "The Revenant – Der Rückkehrer", das Transsexuellendrama "The Danish Girl" und die Liebesgeschichte "Lichtgestalten".

"Der Ziellose erleidet sein Schicksal – der Zielbewusste gestaltet es". Immanuel Kant hat das gesagt. Hugh Glass in "The Revenant – Der Rückkehrer" handelt, wie es der Königsberger Philosoph verlangt – er wäre ansonsten zum Untergang verdammt. Der Fährtensucher wird in der nordamerikanischen Wildnis des frühen neunzehnten Jahrhunderts Opfer einer brutalen Bärenattacke, mit verheerenden Folgen für seine körperliche Verfassung. Keine Szene für Zartbesaitete und das ist nicht die einzige.

Mit dem zerschundenen Glass kommen seine Mitstreiter nicht voran. Sie überlassen ihn dem vermeintlich sicheren Tod – an seiner Seite drei Mann, darunter sein Sohn. Doch das ist kein Freundeskreis. Die Situation eskaliert, am Ende ist Glass allein, sein Sohn umgebracht worden, der Rest fort. Das Rachegefühl aber verleiht dem scheinbaren Todeskandidaten neue Kräfte. 

Film-Ausschnitt: "Alles, was ich hatte, war mein Junge. Und er hat ihn mir genommen. Verstehst Du?"

Leonardo DiCaprio liefert als Hugh Glass eine atemberaubende Performance, quält sich, kämpft, friert, robbt durch die verschneite Landschaft. Regisseur Alejandro G. Inárritu betört erneut mit seinem visuellen Einfallsreichtum. Die Naturaufnahmen wären von einer hinreißenden Schönheit – wüsste man nicht, was für eine Tragödie sich hier abspielt. Der Haken: "The Revenant – Der Rückkehrer" stellt den betriebenen Aufwand allzu sehr aus, suggeriert beständig: Wir schaffen hier bedeutende Kunst! Das stört die Lust, sich permanent auf die Leidensgeschichte einzulassen und das Interesse schwindet.    

"The Revenant – Der Rückkehrer", USA 2015, 157 Minuten
Regie: Alejandro G. Inárritu, Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Will Poulter, Domhnall Gleeson, Lukas Haas

Film-Ausschnitt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir jemand verfällt, nur weil er meine Knöchel sieht. Es war unsere erste Begegnung. Ich kam gerade aus der Akademie. Sie saß vorn auf den Stufen und hat ihre Knöchel zur Schau gestellt. Und sie hat sich an mich rangemacht."

Einar und Gerda führen in "The Danish Girl" eine harmonische Ehe. Beide leben im Kopenhagen der 1920er-Jahre, beide malen, die zwei lieben sich. Doch was Einar zunächst vorsichtig-spielerisch ahnt, dann mit immer größer werdender Gewissheit begreift: Er ist eigentlich eine Frau, gefangen in einem männlichen Körper. Er ist eigentlich Lili.

Film-Ausschnitt: "Darf ich vorstellen. Das ist Lili. Stimmt genau. Meine Liebe. Du siehst bezaubernd aus."

Der Clou bei Tom Hoopers "The Danish Girl" besteht darin, dass die Handlung aus dem Binnenleben einer funktionierenden Beziehung heraus geschildert wird. So gerät der Kampf um die Befreiung Lilis nicht etwa zu einem bloßen Scharmützel mit verständnislosen Ärzten. Das Paar hält zusammen. Dies macht es für Einar zunächst schwierig, Lili zu ihrem Recht zu verhelfen. Für Gerda wiederum bedeutet es, den Partner auf dem komplizierten Weg zu unterstützen – obwohl sie den Mann an ihrer Seite partout nicht verlieren will. Ein bewegender Film, der vor allem von den schauspielerischen Leistungen getragen wird: Eddie Redmayne und Alicia Vikander verkörpern die Hauptfiguren.

"The Danish Girl", USA/GB 2015, 120 Minuten
Regie: Tom Hooper, Darsteller: Eddie Redmayne, Alicia Vikander

Stiftet die Anhäufung von Besitz ein sinnerfülltes Dasein? Ist das Leben, das man führt, wirklich das, was man leben will? Ist es nicht allzu sehr fremdbestimmt? Spielt das ganze Techniksammelsurium um uns herum nicht eine allzu große Rolle? Katharina und Steffen stellen sich diese Fragen in "Lichtgestalten". Dabei hat das Paar – rein äußerlich betrachtet – keinen Grund zur Klage. Glück, Liebe, Erfolg – alles da. Aber das genügt den beiden nicht, und sie ziehen Konsequenzen:

Film-Ausschnitt: "Wir verbrennen einfach alles und gehen weg. Irgendwohin. Den ganzen Scheiß. Auch was man niemals wegschmeißen würde. Wir löschen unseren Mail-Account, Festplatten, alles."

Was mit Wurfgeschossen und Kreissäge wie ein fröhliches Happening beginnt, erweist sich rasch als heikel: Freunde sind verstört, der lukrative Auftrag sorgt für Zweifel am Tun, sogar das Ende der Beziehung droht. All das erzählt Regisseur und Drehbuchautor Christoph Moris Müller in stilisierten Momentaufnahmen, mit der Lust am originellen Bild, bedächtig im Tempo. "Lichtgestalten" – nicht nur sehenswert für die, die schon ähnliche Gedanken wie Katharina und Steffen entwickelt haben.

"Lichtgestalten", D 2015, 81 Minuten
Regie: Christian Moris Müller, Darsteller: Theresa Scholz, Max Riemelt, Sebastian Schwarz, Max Woelky

"Lichtgestalten", "The Danish Girl" und "The Revenant – Der Rückkehrer" - drei Filme über Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. 

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