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Frühkritik | Beitrag vom 07.03.2019

Neu im Kino: "Beale Street"Wütende Anklage gegen eine rassistische Gesellschaft

Von Patrick Wellinski

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Szene aus dem Kinofilm "If Beale Street Could Talk" von Barry Jenkins, Darsteller sind KiKi Layne und Stephan James (imago/Prod.DB)
Kiki Layne und Stephan James als Liebespaar Tish und Fonny in "Beale Street". (imago/Prod.DB)

Spätestens seit "Moonlight" gilt Barry Jenkins als talentiertester Vertreter des afroamerikanischen Kinos. In seinem neuen Film "Beale Street" erzählt er voll Emotionalität, aber ohne Klischees von einem US-Liebespaar und dessen Kampf um sein Glück.

Worum geht es?

In dieser ersten Verfilmung eines James Baldwin Romans versucht der oscarprämierte Regisseur Barry Jenkins sich an einem Porträt afroamerikanischer Liebe vor der Hintergrund des US-amerikanischen Alltagsrassismus. Er erzählt von dem jungen Liebespaar Tish und Fonny, die sich im New York der 1970er Jahre kennenlernen. Doch bald schlägt das Schicksal zu: Tish ist schwanger und Fonny sitzt im Gefängnis. Er soll angeblich eine Frau vergewaltigt haben. "Beale Street" bzw. "Beale Street Blues" (so der Titel des Baldwin-Romans) erzählt vom Kampf der Familien, den unschuldigen Fonny aus dem Gefängnis zu holen und die vielen Hürden, die ihnen von Gesellschaft, Polizei und Justiz dabei in den Weg gestellt werden.

Was ist das Besondere daran?

Barry Jenkins ist der talentierteste Vertreter des neuen afroamerikanischen Kinos. Er erzählt voller sehnsuchtsvoller Emotionalität von den Gefühlszuständen der Afroamerikaner ohne gängige Klischees zu bedienen. Seine Meisterschaft beweist er eindrücklich mit "Beale Street". Die Liebesgeschichte fungiert bei Baldwin als wütende Anklage gegen ein rassistisches Gesellschaftssystem. Jenkins ersetzt die Wut mit tragischer Melancholie. Er glaubt an die Widerstandskraft der Liebe gegen die Ungerechtigkeiten der amerikanischen Gesellschaft.

Die Schauspieler Kiki Layne und Colman Domingo, Darsteller in dem Film "Beale Street" von Barry Jenkins, sitzen in liebevoller Umarmung auf dem Sofa. (imago stock&people/Prod. DB/Tatum Magnus)Die Schauspieler Kiki Layne und Colman Domingo als Vater und Tochter in "Beale Street". (imago stock&people/Prod. DB/Tatum Magnus)Durch eine sehr intelligente Rückblendenstruktur verwebt Jenkins unterschiedliche Zeitebenen ineinander. Plötzlich erscheinen Bilder von aktuellen Unruhen im Film. Wir begreifen: Der Beale Street Blues wird auch heute noch gesungen. Die Lage der Afroamerikaner ist in den USA alles andere als gut. Man denke nur an die Black Lives Matter-Bewegung. Der Film von Barry Jenkings hat das genau im Blick und wirkt wie eine romantisch verpackte Mahnung. Die Geschichte von Tish und Fonny wird damit allgemeingültig. Die beiden erhalten etwas Archaisches, und alle Figuren – inklusive eines rassistischen Polizisten - behalten dabei ihre Würde.

Bewertung

"Beale Street" ist eine ziemliche Ausnahme im Kinoalltag. Genial gespielt, herausragend inszeniert, intelligent, romantisch und politisch. Barry Jenkins katapultiert sich damit an die Spitze der amerikanischen Autorenfilmer. Ein absoluter Pflichttermin für jeden leidenschaftlichen Kinogänger.

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