Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 17.02.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Studio 9 | Beitrag vom 02.07.2014

Neu im KinoAls die Mullahs das Tanzen verboten

Richard Raymonds Film "Wüstentänzer"

Von Christian Berndt

Podcast abonnieren
Elaheh (Freida Pinto) und Afshin (Reece Ritchie) im Film "Wüstentänzer" (Senator)
Elaheh (Freida Pinto) und Afshin (Reece Ritchie) im Film "Wüstentänzer" (Senator)

Im Iran war der Tänzer Afshin Ghaffarian Opfer staatlicher Repressionen. Vor fünf Jahren floh er ins Exil nach Paris. Seine Lebensgeschichte erzählt Regisseur Richard Raymond in dem Film "Wüstentänzer".

"Afshin, was hast Du gemacht?" – "Getanzt, in der Schule. Der Lehrer hat mich geschlagen." – "Siehst Du die Männer da vorne? Das sind die Basijs, die Moralwächter. Wenn Sie sehen, dass Du tanzt, tun Sie Dir noch Schlimmeres an."

Der Film beginnt als klassische Entwicklungsgeschichte, schon als Kind kann Afshin nicht mit dem Tanzen aufhören, auch nicht, als er später an die Universität von Teheran kommt. Und hier - in der politischen Aufbruchsstimmung des Jahres 2009 – erlebt er auf Studentenpartys nicht nur westliche Musik und andere verbotene Vergnügungen.

Afshin schaut illegal Youtube und lernt so Tanz-Choreografien von Pina Bausch bis Michael Jackson kennen. Er findet Gleichgesinnte, mit denen er schließlich eine geheime Tanzgruppe gründet. Richard Raymond erzählt in seinem Film "Wüstentänzer" sehr frei und dramatisch zugespitzt die Geschichte des iranischen Tänzers Afshin Ghaffarian. Das Tanzverbot etwa ist in der Realität weniger strikt als im Film, erzählt der 28-jährige Ghaffarian in Berlin:

Hip Hop heißt im Iran "aerobischer Sport"

"Der Tanz im Iran ist nicht verboten in dem Sinne. Es ist nur so, dass es keine besonders große Rolle spielt für die Offiziellen im Iran, dass man es etwas ignoriert. Aber natürlich tanzen die Leute, es gibt Traditionen, es gibt Hochzeiten, in den Dörfern wird getanzt, es ist nur so, dass man es anders benennt. Hip Hop wird auch im Iran getanzt von den jungen Leuten, in Parks, auf der Straße. Aber man nennt es im Iran eben nicht Hip Hop, sondern da heißt es aerobischer Sport."

Es ist ein Paradox, das symptomatisch ist für den Iran. Ein Land mit lebendiger Kulturszene und einem gebildeten, städtischen Mittelstand, aber auch harter Repression. In punkto Pressefreiheit rangiert der Iran auf Platz 173 von 180 Staaten, soziale Netzwerke sind verboten, aber junge Menschen nutzen ganz selbstverständlich Smartphones und Facebook – es gibt geduldete, private Freiräume. So konnte auch Ghaffarian mit seiner Tanzgruppe vor Publikum auftreten - allerdings in der Wüste. Dann kam es 2009 zur breiten Protestbewegung gegen die manipulierte Wiederwahl des erzkonservativen Präsidenten Ahmadinedschad.

Verhaftet, misshandelt, geflohen

Als Ghaffarian während einer Demonstration den brutalen Polizeieinsatz filmte, wurde er verhaftet und misshandelt. Die Entscheidung, ins Exil zu gehen, fiel im gleichen Jahr, als er mit seiner Theatergruppe zu einem Gastspiel nach Deutschland eingeladen wurde. Auf der Bühne zog er am Ende einer Vorführung ein grünes Band, das Zeichen der iranischen Protestbewegung, an und legte sich symbolisch die Hand auf den Mund.

"Als ich mich dazu entschieden habe, auf der Bühne diesen Akt auszuüben, da war es mir klar, dass ich meine Reise fortsetzen muss und nicht, wie es vorgesehen war, in den Iran zurückkehren sollte, sondern dass ich jetzt etwas anderes machen müsste."

Ghaffarian ging nach Paris. Er will das Exil allerdings nicht als Bruch mit seinem Land verstanden wissen. 2013 wurde Hassan Rohani gewählt, der im Wahlkampf Reformen, eine Öffnung des Landes und Pressefreiheit gefordert hatte. Passiert ist bisher zwar nicht viel, die Repressalien gehen weiter. Aber Ghaffarian setzt auf den neuen Präsidenten im Iran:

"Ich glaube, dass es heute für mich durchaus möglich wäre, wieder in den Iran zurückzukehren und ich hoffe, dass das auch demnächst geschehen wird. Ich möchte dann auch innerhalb der iranischen Gesellschaft meine Stimme artikulieren und dazu helfen, dass man im Iran vielleicht den Westen besser versteht, genauso wie ich jetzt versuche, dass man im Westen besser versteht, was im Iran geschieht, ich möchte praktisch zu einem gegenseitigen Verständnis dieser beiden Welten beitragen."

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur