Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 18.07.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.12.2017

Neu im Kino: "A Ghost Story"Leise, berührend und wahrhaftig

Von Patrick Wellinski

Podcast abonnieren
Rooney Mara und Casey Affleck in David Lowerys "A Ghost Story" (imago/ZUMA Press)
Rooney Mara und Casey Affleck in David Lowerys "A Ghost Story" (imago/ZUMA Press)

Ein Toter muss als Gespenst den eigenen Tod akzeptieren lernen, und seine Partnerin muss sich einer unendlichen Trauer stellen. "A Ghost Story" ist ein Film voller Einfallsreichtum und Spannung, dazu gespielt von großartigen Darstellern.

Worum es geht

Diese melancholische Geistergeschichte ist eine Erzählung über die Trauer und Trauerarbeit. Ein junges Paar zieht in ein Haus. Sie lieben sich. Doch wir erfahren nicht mal ihre Namen. Sie ist einfach nur M (Rooney Mara) und er ist C (Casey Affleck).

Bei einem Autounfall kommt C ums Leben. Seine Leiche liegt mit einem weißen Lacken bedeckt im Leichenhaus bis C einfach auf(er)steht und zu M zurückläuft. Während M mit einer unendlichen Trauer konfrontiert wird, muss auch C als Gespenst seinen eigenen Tod akzeptieren, bevor er das Zwischenreich - durch das er wandert – verlassen kann.

Was den Film auszeichnet

Gute Geisterfilme sind nie auf den billigen Schock aus. Wenn sie gelingen, sprechen sie mit rein filmischen Mitteln von der Trauer der Hinterbliebenen, vom Kampf der Zurückgelassenen mit ihren Gefühlen und Erinnerungen.

Der junge Regisseur David Lowery erzählt davon in "A Ghost Story" gradlinig, still und leise. Die Liebe und der Verlust des Liebespaars werden so besonders deutlich. Fast fünf Minuten dauert etwa eine Einstellung, bei der M versucht, einen Kuchen zu essen. Ein herzzerreißender Moment ist das, weil er ihre Machtlosigkeit und Verletzlichkeit demonstriert, ohne sie lächerlich zu machen. Wie Rooney Mara beim Kuchenessen allmählich die Tränen kommen, das ist eine große darstellerische Leistung, da sie die existenziellen Ängste offenlegt. Trauerarbeit ist nun mal Arbeit.

Und über all den Erinnerungen und verpassten Lebensläufen hinweg wandert Casey Affleck als melancholisches Bettlaken-Gespenst durch atmosphärisch dichte Bilderwelten, die die innere Seelenlage der Protagonisten – tot oder lebendig -  spiegelt. Mit einem Budget von knapp 100.000 USD ist Lowerys Film ein Beweis dafür, dass auch mit relativ wenig Geld schöne, gute, wahre Filme in Amerika entstehen können.

Bewertung

Dieser sehr menschliche Geisterfilm gehört zu den Highlights des Kinojahres 2017: Traurig, berührend und wahrhaftig. Amerikanischer Mainstream sollte immer so sein. Nah an unseren Gefühlen, gespielt von fantastischen Darstellern.

Also: Wenn Sie dieses Jahr nur einen Geisterfilm sehen möchten, dann stellen Sie sicher, dass es "A Ghost Story" wird. Der Einfallsreichtum und die elegische Spannung haben Potential, diesen kleinen Film zu einem Klassiker des Genres zu machen.

"A Ghost Story"
Regie: David Lowery
Darsteller: Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham, u.a.
Produktionsland USA
Länge: 93 Minuten
FSK: 12

Mehr zum Thema

Kinokolumne Top Five - Die fünf besten Geistergeschichten
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 02.12.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsGanz high schon vor dem Abschiedsdrink
Schwarzer Tee wird in eine Teetasse gefüllt. (picture-alliance / Karl-Josef Hildenbrand)

Türkische Aufreger um Spitzenpolitiker und ihre ganz privaten Geschäftsfelder, der schlimme Ruf deutscher Rollkoffer und kroatische Wechselbäder zwischen Fußballeuphorie und Abwanderungsbewegung - all dem widmen sich die Feuilletons, die man am besten mit einem Qulitäts-Getränk genießt.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 6Über Gräben
Die Schrift am Luckenwalder Stadttheater liegt im Schatten. (picture alliance / dpa / Sascha Steinach)

Wie halten sie's mit den Produktionsbedingungen? Im Juni-Podcast geht es um das Verhältnis von festen Häusern und Freier Szene. Außerdem Thema: eine strittige Inszenierung in Berlin und wie Theater sich gegen rechte Übergriffe wappnen können.Mehr

Folge 5Auf der Bühne und dahinter
Der Intendant des Schauspiels Köln, Stefan Bachmann, stellt am 21.05.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) den Spielplan für die kommende Saison vor.  (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)

Künstler oder Servicepersonal? Dulden oder Aufbegehren? Im Mai-Theaterpodcast geht es um die Rolle des Schauspielers im 21. Jahrhundert. Außerdem Thema: Die Proteste von Mitarbeitern der Bühnen in Cottbus und Köln.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur