Donnerstag, 15.11.2018
 

Zeitfragen | Beitrag vom 25.07.2018

Netzwerk "Historians without Borders"Den nationalen Blick auf Geschichte überwinden

Von Jenny Genzmer

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Der damalige Außenminister Finnlands Erkki Tuomioja bei einem Treffen am 6.3.2017 mit EU-Kollegen in der lettischen Hauptstadt Riga  (picture alliance / dpa / Valda Kalnina)
Initiator der Historians without Borders: der frühere Außenminister Finnlands, Erkki Tuomioja (picture alliance / dpa / Valda Kalnina)

Ärzte und Reporter ohne Grenzen sind bekannte NGOs. Was aber machen Historiker ohne Grenzen? Jenny Genzmer stellt das Netzwerk vor, das der ehemalige finnische Außenminister Erkki Tuomioja gegründet hat, um den Missbrauch von Geschichte zu bekämpfen.

21. März 2014. Der kremltreue Sender Russia Today überträgt Putins Ratifizierung eines neuen Gesetzes. Die Krim, so die Erzählung, wurde in einem verfassungswidrigen Akt durch Chruschtschow 1954 von Russland getrennt. Mit dem Krim-Referendum nun, habe die Bevölkerung der Halbinsel ihren freien Willen geäußert, zu Russland zu gehören. Und mit Putins Unterschrift wird sie wieder Teil der Russischen Föderation. Das ist die eine Geschichte. Die andere ist: Annexion der Krim.

Jan Claas Behrends: "Wenn man da genauer hinschaut, dann sieht man eben gerade bei der Krim, dass es eine Geschichte ist von enormer Komplexität, die viel zutun hat damit, wie die Geschichte dieses gesamten Raumes, über den wir hier reden, ein Grenzgebiet ist zwischen Europa und Asien, wo türkische Geschichte mit reinspielt, Tartaren, die auf der Krim gesiedelt haben, aber auch Griechen, Armenier, Ukrainer, Russen, Deutsche. Dass es eine extrem komplexe Geschichte ist und sozusagen die Augen dafür wieder zu öffnen, für die Komplexität und diese Mythen ein Stück weit zu dekonstruieren, das wäre natürlich unser Anspruch."

Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und Ministerpräsident Dimitri Medwedew sitzen sich in Sewastopol an einem Tisch gegenüber. (picture alliance / dpa / TASS / Alexei Druzhinin)Historische Mythen dekonstruieren: Russlands Präsident Putin und Ministerpräsident Medwedew bei einem Treffen auf der Krim. (picture alliance / dpa / TASS / Alexei Druzhinin)

Ein Geschichtsprojekt für die Öffentlichkeit

Jan Claas Behrends ist Osteuropa-Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Und er ist Teil des Organisationskomitees von Historians without Borders - Historiker ohne Grenzen. Kein primär wissenschaftliches Projekt, wie er sagt, sondern eins, das sich an die Öffentlichkeit richtet.

Über Medien, Workshops, Publikationen und Online-Plattformen Menschen zum Nachdenken über die Rolle von Geschichte anregen soll. Ein Auftakt war der russisch-ukrainische Dialog, der im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Helsinki, dem Gründungsort der Historiker ohne Grenzen, stattfand.

Jan Claas Behrends: "Unser Idealziel wäre ja zum Beispiel, dass dann eben beispielsweise russisch-ukrainische Doktoranden, von den Leuten die wir schon zusammengehabt haben, dann auch in der nächsten Generation zusammenarbeiten können und dass man so diese Brüche, die Teilungen, diese Konflikte auch ein Stück weit wieder in den Griff bekommt. Natürlich ersetzt das nicht politische Initiativen zur Beendigung des Ukraine Konflikts."

Eine Initiative des finnischen Ex-Außenministers

Aber jeder Konflikt habe auch eine historische Dimension. Hier komme die Arbeit der Historiker ins Spiel, die sich, so sagt es Behrends, zu stark aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hätten und ihre aufklärerische Rolle immer weniger wahrnehmen würden. Trotzdem: Gegründet hat das Netzwerk dann doch ein Politiker, der ehemalige finnische Außenminister, Erkki Tuomioja:

"Mein Hintergrund hat es mir erleichtert, weil viele Kollegen, zum Beispiel mein Kollege, der ehemalige schwedische Premier Carl Bildt selbst, stark in dem Vermittlungsprozess auf dem Westbalkan involviert waren. Viele Diplomaten und andere in den Internationalen Beziehungen sind deshalb sensibilisiert dafür, was für eine Rolle Geschichte gespielt hat, Lösungen zu finden. Es hätte eine Positive sein können, aber durch den Missbrauch von Geschichte, ist sie zu einer Negativen geworden."

Verbrechen während des Jugoslawienkrieges etwa, die von politisierten wissenschaftlichen Instituten in Serbien, Kroatien oder Bosnien stets der anderen Seite zugerechnet wurden.

Aktive Rolle bei der Friedensbildung

Für Tuomioja beginnt das Problem aber nicht erst beim Missbrauch von Geschichte, sondern dort, wo auf staatlicher Ebene historische Entscheidungen gefällt werden:

"Es ist immer eine schlechte Idee, wenn ein Parlament oder Politiker Resolutionen oder Gesetze über historische Themen beschließen. Hier müssen Historiker eine größere Rolle spielen und dafür sorgen, dass ihre Forschung und ihre Wissen nicht von Politikern oder Medien missbraucht wird. Wir wollen das umdrehen, wir wollen, dass Historiker aktiv zur Friedensbildung und Konfliktlösung beitragen."

Eine sichtbarere Bühne für Historiker also? Tuomioja und Behrends argumentieren, dass es nicht die Historiker sind, die Geschichte instrumentalisieren, sondern dass es ihre Arbeit ist, die instrumentalisiert wird. Dass etwa viele russische und ukrainische Kollegen die Politik ihres Landes kritisch sehen. Auch in Deutschland ist das der Fall. Es wäre gar wünschenswert, lautere Historikerstimmen zu politischen Themen wie Migration und kolonialer Vergangenheit zu hören.

Aber wie stellt sich das in anderen Ländern dar, in der Türkei, Polen oder Ungarn, wo die Freiheiten der Wissenschaft zunehmend unter Druck gerät? Wie kann es dort auch in Zukunft noch gelingen unterschiedliche Interpretationen von Geschichte und Propaganda mit Geschichte voneinander zu trennen? Also, "das Narrativ der anderen Seite", wie Erkki Tuomioja es ausdrückt, öffentlichkeitswirksam zu berücksichtigen?

Erster Lehrstuhl für Globalgeschichte in Finnland

Erkki Tuomioja: "Geschichte wird sehr national und lokal unterrichtet und erforscht. Es gibt viel zu wenig Interaktion. In Finnland wurde der erste Lehrstuhl für Globalgeschichte zum Beispiel erst letztes Jahr hier an der Universität eingerichtet. Geschichte war bisher also ein sehr nationales, fast sogar nationalistisches Anliegen. Das zu überwinden und in unserer Welt von gegenseitigen Abhängigkeiten wieder mehr zu interagieren, ist vielleicht unsere größte Herausforderung."

Aber ist nicht gerade "transnationale Geschichte" ein Modebegriff geworden und Geschichte jenseits enger Nationalgeschichten schon länger einer der boomenden methodischen Forschungsansätze? Das räumt auch der Zeithistoriker Behrends ein, verweist aber auf die gegenläufigen, nationalistischen Geschichtspolitiken in Osteuropa, etwa in Polen, in Ungarn.

Der ungarische Premierminister Viktor Orban hält seine Rede während der letzten Wahlkampfveranstaltung seiner Fidesz-Partei in Szekesfehervar am 6. April 2018. (AFP / Ferenc Isza)Nationalistische Geschichtspolitik: Viktor Orbán mit ungarischen Flaggen (AFP / Ferenc Isza)

Zumindest in Deutschland existieren bereits Initiativen, die versuchen, Geschichte von mehreren Standpunkten aus zu vermitteln. Die Schulbuchkommissionen etwa, die länderübergreifende Schulbücher aus zum Beispiel deutscher und polnischer Sicht, aus deutscher und französischer Sicht in einem Schulbuch vereinen und somit versucht, der jeweils anderen Perspektive auf Geschichte Raum zu geben.

Internationale Vernetzung von Einzelprojekten

Die Historiker ohne Grenzen verfolgen mit ihrem Ansatz, die Uneindeutigkeit oder sogar den Missbrauch von Geschichte herauszustellen keinen vollkommen neuen, aber einen wichtigen Ansatz.

Ein Ansatz, der an vielen historischen Instituten und Forschungseinrichtungen in Einzelprojekten bereits verfolgt wird. Diese zu vernetzen, auch international, wäre eine Chance der Historians without Borders. Denn ein solidarisches Netzwerk von Historikern ist nicht nur für das Überschreiten von Grenzen unverzichtbar, sondern auch für die Sichtbarkeit. Um öffentlichkeitswirksame Debatten anzustoßen, braucht es mehr als einen großen Namen.

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