Seit 05:05 Uhr Studio 9
Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Zeitfragen | Beitrag vom 21.09.2020

Netz-OmisSmartphone-Kurse für Senioren

Von Natalie Putsche

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Hände einer älteren Person bedienen ein Smartphone. (Unsplash / Joshua Hoehne)
Mit der eigenen Tante fing alles an: Charlotte Dieter-Ridder erklärt Seniorinnen und Senioren die digitale Welt. (Unsplash / Joshua Hoehne)

WhatsApp, Social Media, Zoom, Skype: Die digitale Kommunikation ist für viele Senioren eine Herausforderung – gerade seit Corona. Eine Berliner Informatikerin, selber Anfang 60, hilft älteren und alten Menschen dabei, den Anschluss zu finden.

"Also Bluetooth ist ein Funkstandard", erklärt Charlotte Dieter-Ridder. "Ähnlich wie WLAN, aber nicht mit so einer großen Reichweite. Überall da, wo man denkt, man bräuchte ein Kabel, gibt es meistens auch Bluetooth-Anwendungen."

Berlin, Charlottenburg. Montag, 15 Uhr. In einem Nachbarschaftshaus treffen sich sieben Damen zwischen 50 und 80 zum "Digitalcafé", eine Zusammenkunft, zu der Charlotte Dieter-Ridder die Idee hatte. Sie ist diejenige, die Internet und Handy auch den älteren Semestern wirklich nahebringen will. Heute soll es unter anderem um Bluetooth gehen.

"Deswegen liegt all das, was ich im Haushalt an Bluetooth-Geräten gefunden habe, jetzt auf dem Stuhl", sagt sie.

Seit Corona sitzt die Runde, die sich nicht jede Woche, aber doch recht regelmäßig, trifft, mit Abstand im Stuhlkreis zusammen. Alle haben ihr Handy in der Hand und Ridder erklärt. Bluetooth soll aber noch ein paar Minuten warten.

Den Stoff vom letzten Mal auffrischen

Erst noch den Stoff vom letzten Mal auffrischen: "Ich bin neulich Bahn gefahren, wir waren im Speisewagen. Ich habe das Set geklaut, um Euch zu zeigen, wie die Deutsche Bahn im Moment die Anwesenheitskontrolle macht und die Speisekarte. Wohl dem, der sein Handy mit in den Speisewagen genommen hat und weiß, was er mit einem QR-Code anfangen kann. Ich gebe die mal rum, für denjenigen, der seinen QR-Reader noch mal ausprobieren will. Also einmal Richtung Brigitte."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Wie sehr aufmerksame Schülerinnen befolgen die Seniorinnen Ridders Anweisungen.

"Ich habe keine Kinder und Enkelkinder, deswegen hatte ich niemanden, der mir helfen konnte, mit so einem Smartphone, und dann fand ich das wunderbar durch die Büchlein von Charlotte und durch den Kreis hier, einen Einstieg zu bekommen", erzählt eine Teilnehmerin.

"Meine Klienten zeichnen sich vom Rest der Welt dadurch aus, dass sie merken, wie wenig sie wissen", sagt Charlotte Dieter-Ridder. "Ich denke, es gibt gerade so in der Gruppe 50plus unheimlich viele, die sich noch nicht bewusst sind, wie wenig sie wissen."

"Das hat in der Familie angefangen"

Wie ist sie auf die Idee mit dem Digitalcafé gekommen? "Das hat in der Familie angefangen. Eine Tante langweilte sich schrecklich, und da hat jemand gesagt: Zeig ihr doch mal, wie YouTube oder Smartphone geht."

Ihre Tante war damals knapp 80. "Und ich war frisch freigestellt als Informatikerin. Das heißt, ich hatte Zeit und per Definition Ahnung und habe gesagt: Gut, versuchen wir es mal mit dem iPad. Und die erste Überraschung war, dass sie meinte: Tolle Idee, ich habe mich nur nicht getraut zu fragen."

Aber alles direkt behalten, was man lernt, ist in dem Alter schwierig. "Dann habe ich gesagt: Sie braucht eigentlich Spickzettel. Wenn ich nicht da bin, muss sie nachgucken können. Ich in die Stadtbibliothek und geguckt: Was gibt es? Es waren alle so ganz dicke Bücher. Die Hälfte davon über die Gefährlichkeit des Internets. Dann habe ich mich hingesetzt und selber Spickzettel geschrieben", erzählt Charlotte Dieter-Ridder.

Spickzettel für das Nötigste

Der Fokus auf dem Nötigsten. Es habe der Tante damals, vor drei Jahren, sehr geholfen.

"Sie hat früher viel fotografiert und mit dem iPad war das Ganze wieder so groß, dass sie es konnte. Und dann gab es Familienpartys, wo sie fotografiert hat, und die Jüngeren sagten: Schick mir doch auch mal die Bilder. Und da habe ich gemerkt, wie viel Schwung das gibt, wenn man dem nicht mehr ausgesetzt ist, sondern das Gefühl hat, ich kann jetzt auch wieder mitreden."

Die ältere Tante habe ihr neues Wissen dann an gleichaltrige Bekannte weitergegeben. Viele hätten sich auch die Spickzettel kopiert. "Dann habe ich hier in der Nachbarschaft mal so eine Runde gemacht und gesehen, dass da auch ein Bedarf besteht."

Mehrere Frauen sitzen auf Stühlen mit Abstand im Kreis. (Natalie Putsche)Wegen Corona auf Abstand: Charlotte Dieter-Ridder und die Teilnehmerinnen des Digitalcafés (Natalie Putsche)

Das habe Charlotte Dieter-Ridder schließlich zum Digitalcafé motiviert und auch dazu, kleine Broschüren zu veröffentlichen. Eine heißt zum Beispiel: "Einfach in Kontakt bleiben, WhatsApp für Senioren".

Mehr Interesse bei den Frauen

Ohne Smartphone geht inzwischen wenig. Wenn man heute zu Coronazeiten irgendwo essen geht, ist die Chance, dass die Speisekarte ein QR-Code ist, doch ziemlich groß. "Beim iPhone ist es in der Kamera-Applikation drin, das iPhone denkt einen Moment und fragt dann, ob es die URL öffnen soll", erklärt Charlotte Dieter-Ridder den Teilnehmerinnen.

"Eins würde ich gerne sagen: Heute sind wir alle nur Frauen, Netz-Omis, aber eigentlich sind auch zwei Männer dabei. Die sind nur im Moment im Urlaub. Aber trotzdem ist es ja auffällig, dass Frauen sich eher dafür interessieren. Ich glaube, die haben weniger die Hemmschwelle, sich was erklären zu lassen. Denn mein Mann hat das gleiche Handy. Eigentlich kannte er sich besser aus, aber oft habe ich jetzt einen Vorsprung. Er würde aber nie in eine Gruppe gehen und sich das erklären lassen."

Fotos und Nachrichten verschicken, hätten übrigens alle schnell gelernt.

"Ja, erst mal natürlich, was man unbedingt braucht", sagt Charlotte Dieter-Ridder. "Konkret vermeiden alle, einen Zahlungsweg darauf zu haben, weil sie sagen, wir wollen nicht noch eine weitere Möglichkeit, finanziell betrogen zu werden, haben. Was ich relativ ausführlich besprochen habe, ist das Thema: Standort versenden. Wie komme ich, wenn es dunkel ist, wieder heil nach Hause? Da möchte ich, dass irgendjemand sieht, wo ich gerade bin. Oder wenn jemand sagt: Ein bisschen wackelig bin ich, wäre mir ganz sympathisch, wenn jemand weiß, wo ich bin."

Technik statt immer nur Kaffee und Kuchen

"Wird dann, wenn man es kann, so jede App interessanter für einen", will die Autorin von einer der Damen wissen.
Teilnehmerin: "Ja."
Autorin: "Das heißt, der Speicherplatz nimmt dann rapide ab bei Ihnen?"Teilnehmerin: "Ich habe das neu gekauft, vor ein paar Monaten, und das hat 256 Gigabyte."
Autorin: "Wow. Das ist mehr, als ich je hatte."

Nach einer Stunde ist die Smartphone-Erklärzeit erstmal vorbei. "Die Idee, dass sich gerade ältere Frauen treffen und sich mal mit ihrer Technik auseinandersetzen, find ich immer noch absolut kopierenswert", sagt Charlotte Dieter-Ridder. Statt immer nur Kaffee und Kuchen, fügt sie noch hinzu.

Mehr zum Thema

Pflege und Technologie - Warum Roboter kein Ersatz für Fachkräfte sind
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 05.08.2019)

Digitales Lernen für Senioren - Nachhilfe für Silver Surfer
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 16.04.2018)

Internetnutzung - Wie Ältere ihre Angst vor dem Netz überwinden
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 13.06.2017)

Zeitfragen

Streit ums ExistenzminimumWas der Mensch zum Leben braucht
Auf einem Tisch stehen ein Wasserglas und eine Scheibe Brot mit Butter. (Imago / Westend61)

Ein Dach überm Kopf, Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung: Diese Dinge gehören zweifellos zum Existenzminimum. Über alles andere wird heftig gestritten - auch weil die Frage, was ein menschenwürdiges Leben ausmacht, sich nicht pauschal beantworten lässt. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur