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Studio 9 | Beitrag vom 22.01.2020

Neonleuchten-Museum WarschauEin Hit auf Instagram

Von Jan Pallokat

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Der nostalgische Schriftzug "Berlin" leuchtet im Neonlicht-Museum Warschau. (picture alliance / AP / Czarek Sokolowski)
Der nostalgische Schriftzug "Berlin" im Neonlicht-Museum Warschau: Touristen lieben die alten Leuchten und posten sie fleißig auf Instagram (picture alliance / AP / Czarek Sokolowski)

Auf Instagram hat sich ein unscheinbares Museum in Warschau in die Top 10 gearbeitet: das Neonleuchten-Museum. Dort flanieren Besucher aus aller Welt, fasziniert vom Alltagskult der 60er- und 70er-Jahre.

Eine dunkle Fabrikhalle, vielleicht ein halbes Fußballfeld groß, aber wohlig warm – Wärme, die über 200 historische Neonleuchtschriften abgeben, die hier auf Stellwänden angebracht sind, und die in weiß, grün, rot oder auch bunt gemischt glimmen und das Dunkel der Halle sanft erhellen: "Kino Helios", "Warszawa", oder auch die polnische Version von "Hänsel und Gretel", "Jaś i Małgosia", so hieß ein Café, dessen Schriftzug einst kunstvoll verschlungen an einer Straße glomm.

Jetzt hängt er mit vielen anderen, manche bis fünf Meter lang, viele fast mannshoch, dicht an dicht zum Greifen nahe: Ein Neonmuseum braucht Raum. Unter all den hippen Läden und schicken Restaurants, die in der "Soho-Factory" untergekommen sind, einem Ensemble ausgedienter Backstein-Industriebauten im Osten der polnischen Hauptstadt, bildet das Neon-Museum das Tüpfelchen auf dem i, auch als Insidertipp für Touristen. Museumsmann Witold Urbanowicz:

"Irgendwie geraten wir in die Reiseblogs und scheinen eine ungewöhnliche Institution zu sein, denn die Informationen verbreiten sich und zu uns kommen Besucher aus den verschiedensten Weltgegenden."

Allein eines Abends im Januar zufällig anwesend: Ein Besucher aus Miami, ein Fotograf aus Edinburgh, ein Russe in Jogginghose, der schier alles zur Herkunft jeder einzelnen Leuchtschrift lesen will.

"Ich habe das auf Googlemaps gesehen und eine kleine Notiz darüber gelesen. Ich denke, das ist sehr interessant und ungewöhnlich, das ist moderne Kunst. Ich habe so etwas in anderen Museen Europas nie gesehen. In Moskau gibt es Neonleuchtschriften auf den Straßen, aber nicht in Museen."

Für eine kleine Ewigkeit geschaffen

Tatsächlich lädt die Schau historischer Leuchtschriften ein, den Blick auf eine Zeit zu schärfen, als Reklame noch Kunst war. Es sind Unikate, handgefertigt und anders als heutige Plakatwerbung, die sich ständig selbst erneuert, für eine kleine Ewigkeit geschaffen, stilprägend wie die leuchtende Sirene, die Warschauer Seejungfrau, die über einem Buch thronte als weithin sichtbares Symbol öffentlicher Bibliotheken: wie grau wirken die Buchverleihe heute ohne sie. Museumsmitarbeiter Urbanowicz:

"In einigen Städten gab es auch Leuchten zum Wohlbefinden, sie haben nicht geworben, sondern dienten nur dem Ziel, dass sich die Menschen besser fühlen. Bis heute gibt es in Breslau ein solches Neonlicht. Wenn man aus dem Bahnhof kommt, sieht man an einem Haus gegenüber einen Mann, der den Hut zieht, 'Guten Abend in Breslau'."

Urbanowicz ist 32, gelernter Journalist, gemütlicher Typ, und brennt für die Neontechnik, kann stundenlang erzählen über jedes einzelne Objekt. Zum Beispiel die rote Leuchtschrift "Berlin" ganz am Anfang des Parcours, die Buchstabenenden geschnörkelt wie bei einem Zirkus oder einem Westernsalon.

Dieses Objekt war die Initialzündung für das Warschauer Neonmuseum. Ursprünglich, genauer gesagt seit 1975, Hing es an einer Hauptschlagader Warschaus, der Marszałkowska-Straße, über dem Eingang eines monumentalen Gebäudes im Stil des sozialistischen Realismus, eingerahmt von in Stein gehauenen Arbeiterfiguren. Erst Textil- dann Souvenirgeschäft, gab es im "Berlin" am Ende Haushaltswaren, nur der Name blieb, und das rot leuchtende Schild überm Eingang.

Vor 15 Jahren besuchte die nach London ausgewanderte Künstlerin Ilona Karwińska mit ihrem Bekannten aus England ihr Heimatland. Der begeisterte sich für die Leuchtreklame, die es damals in Polen noch immer gab. Für ein Fotoprojekt wollten sie auch die neon-rote Berlin-Schrift verwenden, erzählt Witold Urbanowicz vom Neonmuseum.

"Es erwies sich, das Neon gibt es nicht mehr, obwohl es noch vor ein paar Wochen leuchtete. Der Besitzer meinte, die Schrift sei alt, verdreckt mit Taubenmist, man müsse das wegschmeißen. Ilona hat 'Berlin' gerettet, und das war der Beginn der Kollektion. Nach und nach kamen immer mehr Neonschriften dazu, und es war an der Zeit, sie an einem Ort zu zeigen."

Auf der Suche nach persönlichen Erinnerungen

Seit 2012 gibt es das privat finanzierte Neonmuseum in Warschau. 2000 bis 3000 Euro kostet die Instandsetzung einer alten, abgenutzten Neonschrift, das Museum arbeitet mit spezialisierten Glasern zusammen, die die Röhren unter Hitze in Form biegen und dann mit Gas und Leuchtstoffen füllen. Ältere Besucherinnen und Besucher kommen gern, vielleicht auf der Suche nach persönlichen Erinnerungen im Neonschein.

"Andererseits kommen sehr viele junge Menschen, die ganz bestimmt keine eigenen Erinnerungen mehr daran haben, aber die Neonleuchten als Gelegenheit sehen, ein gutes Foto für Instagram zu machen. Letztens gab es eine Rangliste auf der Plattform, und in Warschau war das Neon-Museum ganz vorn."

Was weitere neue, junge Besucher lockt. Doch das Warschauer Neonmuseum strahlt nicht nur in virtuelle Welten aus.

In der staugeplagten Puławska-Straße etwa in Warschaus südlicher Innenstadt haben die geschichtsbewussten Eigentümer eines fünfstöckigen Gründerzeitmietshauses dafür gesorgt, dass ganz oben auf dem Dach ihres Gebäudes seit letztem Monat wieder die historische Neon-Schrift eines Schokoladenanbieters leuchtet, die sie von historischen Aufnahmen aus den 1920er-Jahren kannten.

Gar nicht so leicht sei es gewesen, die erforderlichen Genehmigungen zu bekommen, sagt Michał Groniewski von der Eigentümergemeinschaft.

"Die einzige Chance war, das Neon möglichst getreu der erhaltenen Vorkriegsskizzen nachzubilden, um die Denkmalschützer zu überzeugen, dass diese Werbung, als die sie gedacht war, hier wieder zu platzieren ist. Das Neonmuseum wiederum war zuständig für die Herstellung der Leuchtschrift und aller Arbeiten bis zu ihrer Installation."

Und so schärft das Warschauer Neon-Museum nicht nur den Blick für etwas, dessen künstlerischer Wert nicht gleich ins Auge fällt, sondern inspiriert außerdem die Welt da draußen.

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