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Studio 9 | Beitrag vom 07.12.2020

NeologismenDie Sprachknospen unserer Gegenwart

Eine Glosse von Hans von Trotha

Farbige fliegende Buchstaben vor einer weißen Wand. (Gettyimages / Catherine Falls Commercial)
Was würde Ludwig Wittgenstein angesichts der heutigen Neuwortschöpfungen sagen? (Gettyimages / Catherine Falls Commercial)

Die Welt wird komplexer, Sprache bildet dies ab. Aber welche Wörter klären wirklich neue Sachverhalte? Und welche stiften bloß Verwirrung? Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein jedenfalls hätte an unserer Gegenwart nicht nur Freude gehabt.

"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt", schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein vor ziemlich genau 100 Jahren.

Würde man ihn mit einem Aluhut auf einem Halfbike, besser vielleicht noch auf einem, den Auswirkungen der Abenomics geschuldet, upgecycelten alten Gravelbike einen Radschnellweg und dann noch einen Popup-Radweg entlangfahren lassen, vorbei an neu errichteten Mobilitätsstationen, um mitten in der zweiten Welle sicher zu gehen, dass er das Abstandsgebot einhält (was er als alter Eigenbrötler, der er war, eh immer getan hat): Wittgenstein würde am Ende kaum sagen können, ob er sich auf einer Hygienedemonstration oder auf einem Zukunftscampus im Geistermodus befindet.

Über die Plastiksteuer diskutieren sie hier wie dort. Auf jeden Fall müsste er erst einmal gründlich digital entgiftet werden.

Die Grenzen der Sprache

Fahrrad würde Wittgenstein gut finden. Ein Autoposer war er gewiss nicht, übrigens auch kein Prepper. Ganz im Gegenteil: Er hat sein Geld verschenkt und ist nach England gegangen. Da würde seine Sprache jetzt erst recht an die Grenzen ihrer Welt kommen – oder er in die Welt der Grenzen seiner Sprache oder wie auch immer man das jetzt korrekt ausdrücken müsste.

Er wüsste ja nicht einmal, wie man einen Brexiteer von einem Remainer unterscheidet. Und wohin gehört ein Pegidist? Als Altösterreicher würde Wittgenstein womöglich sogar davon ausgehen, dass ein Reichsbürger etwas ganz Normales ist.

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"Die Welt ist alles, was der Fall ist". So lautet der erste Satz des Buchs, in dem es dann später heißt: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt".

Zu den ersten seismografischen Befunden dessen, was in unserer Gegenwart tatsächlich der Fall ist, gehört die Liste der jüngsten Ergänzungen in unserem offiziell registrierten Wortschatz. Die wird vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim geführt und jedes Jahr zu Nikolaus um die brandneuen Auswüchse am Sprachstamm erweitert, Knospen unserer Gegenwart in Form neuer Wörter, sogenannter Neologismen.

Die Welt hat sich erweitert

All das, womit wir gerade den armen Wittgenstein über die Grenzen seiner Welt hinausgetrieben haben, ist akut der Fall. Es sind Momente, an denen unsere Sprache sich gerade – konkret: in den letzten 10 Jahren – erweitern musste, weil die Welt, die sie abzubilden versucht, sich geweitet hat – und zwar dorthin.

Muss man seine Zeit verstehen, bloß weil man in ihr lebt?

Jedes Jahr zu Nikolaus gibt das Mannheimer Leibniz-Institut uns einen Test an die Hand – früher hätte man zwecks metaphorischer Aufrüstung gesagt: einen Lackmus-, nächstes Jahr sagen wir wahrscheinlich: einen Corona-Test. Mittels dessen können wir überprüfen, welche Dinge, die um uns herum der Fall sind, so nachhaltig bestehen, dass sie die Grenzen unserer Welt sprengen, indem sie die Grenze unserer Sprache verschieben.

Wobei das naturgemäß noch kein vollständiges Bild unserer Gegenwart ist, aber immerhin ein Zentangle. Sie wissen nicht, was das ist? Dann geben Sie mal "Neologismenwörterbuch" in ihren Browser ein.

Neue Wörter – gern erbeten

Aber nicht erschrecken: Da gibt es einen ganzen eigenen "neuen Wortschatz rund um die Coronaepidemie". Und es gibt die Rubrik: "Vorschlag für ein neues Wort." Schließlich ist es unser aller Sprache, die da katalogisiert wird. Und deren Zustand – mithin der Zustand der Welt, in der wir leben – hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir mit ihr umgehen.

Eine Bitte: Möglichst nur Wörter hinschicken, die wir nächstes Jahr zu Nikolaus wirklich wiederlesen wollen – in einer Welt, in der das, was wir da dann lesen, wenn wir es gern lesen, auch der Fall ist.

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