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Buchkritik | Beitrag vom 05.11.2020

Nell Zink: "Das Hohe Lied"Diffuser Idealismus und Lebenslügen

Von Ursula März

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Bücherherbst 2020 von Deutschlandfunk Kultur: Nell Zink liest aus ihrem Buch "Das hohe Lied", Aufzeichnung der Sendung in der Bertelsmann Repräsentanz in Berlin (Deutschlandradio / Christian Kruppa)
Die Schriftstellerin Nell Zink beim "Bücherherbst" 2020 von Deutschlandfunk Kultur in Berlin (Deutschlandradio / Christian Kruppa)

Von der New Yorker Punk-Szene bis zum Einzug Trumps ins Weiße Haus: Nell Zink erzählt in ihrem Roman "Das Hohe Lied" von den gesellschaftspolitischen Verschiebungen in den USA. Ihr Roman "Das Hohe Lied" ist schnoddrig, ironisch, aber nie ohne Empathie.

Der Idee der Great American Novel haftet etwas Erhabenes an, das darauf wartet, ironisch gebrochen zu werden. Philip Roth gelang das 1973 mit einem Roman, der die Nation aus dem Blickwinkel des Baseballs heraus abbildete und augenzwinkernd "Great American Novel" hieß.

Auch die 1964 geborene Schriftstellerin Nelly Zink, die in Virginia aufwuchs, sich vor vielen Jahren jedoch in Deutschland niedergelassen hat, bürstet das Konzept einer Nationalliteratur gegen den Strich. Dennoch ist ihr neuer Roman "Das Hohe Lied" eine Chronik der neueren Geschichte der Vereinigten Staaten. Sie beginnt im 20. Jahrhundert und reicht bis zur Präsidentschaft Donald Trumps.

Daniel, Joe und Pam sind Punkrocker, als sie sich in den 80er-Jahren in New York über den Weg laufen und befreunden. Dem Idealtypus des aufstrebenden amerikanischen Helden entspricht das Trio nicht im Geringsten. Vom Kommerz der Musikbranche angewidert, von ihren Eltern entfremdet, betrachten sie die Gesellschaft aus der Undergroundperspektive. Sie gründen eine Band namens "Marmalade Sky", deren Amateurhaftigkeit durch musikalische Lautstärke kompensiert wird.

Tragischer Wendepunkt

Begabung besitzt allein Joe, der in den 90er-Jahren eine Solokarriere einschlägt. Noch überraschender als sein Mainstream-Erfolg ist für die drei Freunde die Geburt von Flora. Denn Daniel und Pam, ein zunächst fast beiläufiges, dann entschiedenes Liebespaar, werden Eltern. Sie schlagen sich mit Jobs durch, Pam arbeitet bei einer EDV-Beratungsfirma, Daniel liest Korrektur für eine Anwaltskanzlei, Joe entpuppt sich als liebevoller Babysitter. Und nicht zuletzt trägt die kleine Flora zur Annäherung zwischen Eltern und Großeltern bei.

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Dann kommt 9/11, und das alternative Lebensgefühl aus Musik, Drogen, Sex und lässiger Improvisation ist dahin. Der politische Wendepunkt ist für das Freundestrio zugleich ein persönlich tragischer. Just am 11. September 2001 stirbt Joe an einer Überdosis Heroin. Er wird nicht mehr erleben, wie Flora zu einer politischen Aktivistin heranwächst, die für die amerikanischen Grünen Wahlkampf macht, wie Pams und Daniels diffuser Idealismus ungewollt einem Immobilieninvestor namens Trump den Weg ins Weiße Haus ebnet.

Dem Gegner in die Hände gespielt

Mit dem neuen Jahrtausend verschiebt sich der Fokus der Erzählung. Die Szenerie der Musikbranche tritt in den Hintergrund, der 500 Seiten starke Roman weitet sich mehr und mehr zur klassischen drei-Generationen-Geschichte. Keiner der Generationen bleiben Lebenslügen erspart. Pam und Daniel verschweigen Flora, wie Joe ums Leben kam. Flora will die Welt und das Klima retten und übersieht, wie ihr politischer Absolutismus dem politischen Gegner in die Hände spielt.

So entsteht ein Sittenbild der amerikanischen Gegenwart, dessen Ironie nie in Empathielosigkeit entgleist. Nell Zinks unverwechselbare Tonlage schillert zwischen witziger Schnoddrigkeit und analytischer Genauigkeit. Ihr enormes Erzähltempo kontrastiert das Epische. "Das hohe Lied" ist einerseits eine Great American Novel, andererseits ein Gegenprojekt der Gattung, also ein literarisch intelligenter Coup.

Nell Zink: "Das Hohe Lied". Roman
Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020
508 Seiten, 25 Euro

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