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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.03.2016

Neil MacGregor"Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Museumsmann"

Christoph Stölzl im Gespräch mit Dieter Kassel

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Neil McGregor (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)
Der Gründungsintendant des Berliner Humboldt-Forums, Neil MacGregor (picture alliance / dpa / Foto: Arno Burgi)

Der Museumsmacher Christoph Stölzl glaubt an die Gestaltungsmacht des neuen Gründungsintendanten des Berliner Humboldt Forums, Neil MacGregor. Als nüchterner Brite werde er die großen Ideen mit dem Alltag verbinden können.

Der frühere Leiter des British Museums in London habe den Vorteil, dass er von außen komme und ein riesiges Prestige habe, sagte Stölzl im Deutschlandradio Kultur.  Die Bundesregierung könne sich nicht leisten, dass er sich verabschiede. Darin liege doch eine sehr große Gestaltungsmacht. Das solle man nicht gering schätzen. 

Nüchtern nach langem Museumsleben

"Der ist ein mit allen Wassern gewaschener Museumsmann", sagte der Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar über den neuen Gründungsintendanten. "Er hat eine ganz große Begabung zur Popularisierung, also zum Transportieren dieses doch oft schwierigen wissenschaftlichen Inhalts in eine große mediale Öffentlichkeit." Das sei unter Museumsmachern nicht so häufig und das sollte man nicht unterschätzen, sagte Stölzl. "Dann ist er sicher durch ein langes Museumsleben auch nüchtern."

Die Gestaltung kommt noch

MacGregors wichtigste Aufgabe werde sein, als nüchterner Brite das "allzu idealistische Drumherum" bei der Gestaltung des Humboldt Forums abzuwägen.  Der neue Gründungsintendant sei ein Mann der zwischen diesen großen Ideen und dem Alltag vermitteln könne. Auch bei der Ausstellungsgestaltung in den riesigen Hallen lasse sich noch viel machen. "Ganz normaler Messebau, fliegender Messebau, Ausstellungsbau", sagte Stölzl. Es sei für Museumsmacher immer so, dass man ein Gebäude vorfinde und darin gestalten müsse.  

Das Triumvirat der Verantwortlichen  

Stölzl erinnerte daran, dass MacGregor Teil eines "Triumvirats" sei, zu dem auch der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, gehörten. Diese drei Verantwortlichen müssten zusammenarbeiten. Das  ganze werde nur funktionieren, wenn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz MacGregor auch machen lasse. 


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Zitat: "Der Gründungsintendant des Berliner Humboldt-Forums, Neil MacGregor, fängt seine Arbeit in Berlin zu spät an. Er hat keine freie Bahn, strukturell ist bereits das meiste abgeschlossen." Das waren so ziemlich die letzten Worte des Vorstandssprechers der Stiftung zum Aufbau des Berliner Stadtschlosses, Manfred Rettich, bevor er sein Amt niederlegte. Da kommt also nun einer der erfolgreichsten und bekanntesten Museumsmacher der Welt, Neil MacGregor, Direktor des British Museum, nach Berlin und hat keine freie Bahn, und trotzdem erwarten vielleicht nicht alle, aber viele von Ihnen nun die großen Ideen und deren perfekte Umsetzung? Wie und ob das gehen soll, fragen wir jetzt Professor Christoph Stölzl. Er ist inzwischen der Präsident der Hochschule Franz Liszt in Weimar, erfahrener Museumsmacher und vor allen Dingen erfahren sowohl mit der Berliner als auch der Bundeskulturpolitik. Schönen guten Morgen, Herr Stölzl!

Christoph Stölzl: Guten Morgen!

Kassel: Trauen Sie McGregor das zu, unter diesen doch schwierigen Umständen jetzt das Humboldt-Forum quasi noch richtig zu retten?

Stölzl: Ganz umkrempeln muss er das ja nicht, das wäre ja ganz unsinnig. Die Grundidee, die Sammlungen aus Dahlem zu holen und dort in die Mitte zu bringen, die ist ja richtig und ist geschehen, und auch MacGregor, selbst, wenn er das umkrempeln wollte, kann das nicht. Das wird er sicher gar nicht wollen. Neil MacGregor hat den großen Vorteil, er kommt von außen, er hat ein riesiges Prestige, und die Bundesregierung kann sich nicht leisten, dass er sagt, Tschüs, das war es, ich mache nicht mehr mit. Das ist ja doch eine sehr starke Gestaltungsmacht. Ich würde das nicht zu klein schätzen.

Kassel: Sie kennen ihn ja. Was ist denn für Sie das Besondere an Neil MacGregor? Worauf freuen Sie sich jetzt besonders nach dieser Entscheidung?

Stölzl: Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Museumsmann über die National Gallery und das große British Museum. Und er hat die ganz große Begabung zur Popularisierung, also zum Transportieren dieser doch oft schwierigen wissenschaftlichen Inhalte in eine große mediale Öffentlichkeit. Das ist nicht so häufig in unserem Beruf, und das würde ich nicht unterschätzen. Das ist eine große Geschichte. Und dann ist er sicher durch ein langes Museumsleben auch nüchtern. Und alles, was da so an gewaltigen Ideen aufgetürmt worden ist vorher, dass also die Deutschen sich mit der Welt versöhnen in diesem Humboldt-Forum. Das ist alles wunderbar und schön, aber wenn man das also schüttelt, bleibt übrig: Ein Museum ist ein Museum ist ein Museum, und da kennt er sich aus.

Die Briten sind nüchterne Leute

Kassel: Sie haben schon gesagt gerade, dass das auch ein großer Vorteil für Neil MacGregor ist, dass er von außen kommt. Kann ich verstehen, aber es gibt ja auch die andere Seite, er hat ja dementsprechend auch keine Erfahrung mit der Bundes- und vor allen Dingen auch der schwierigen Berliner Kulturpolitik. Glauben Sie, damit kann er umgehen, mit diesem Klein-klein, mit diesen vielen Seiten, die am Humboldt Forum zerren?

Stölzl: Das glaube ich schon. Der ist ja ein Teil dieses Triumvirats, und das sind ja – Bredekamp ist ein geistig mächtiger Mann, Hermann Parzinger ist ein institutionell mächtiger Mann. Er ist schließlich der Chef der Preußen-Stiftung, das heißt, da gibt es ja auch Dienstwege. Ich glaube, die beteiligten Museen, die müssen da schon zusammenarbeiten. Ich glaube, die Hauptaufgabe von MacGregor ist, und da ist vielleicht ein Brite gar nicht so schlecht, trotz all seiner Deutschland-Begeisterung, wie gesagt, die Briten sind nüchterne Leute, dass er vielleicht dieses allzu idealistische Drumherum, was auf diesem Forum passieren soll, also jenseits des Museums, dass er da nüchtern mal schüttelt und wägt und sagt, was ist überhaupt möglich.

Die Idee, dass dort die Welt neu erfunden wird, neu gedacht wird, das, glaube ich, ist immer viel zu weit in die Luft geschossen gewesen. Und MacGregor hat zwar auch mit allem Idealismus gesagt, da wird sozusagen Europa neu gedacht – so was muss man ja auch sagen, wenn man ankommt –, aber ich glaube, er ist ein Mann, der doch auch zwischen diesen Riesenideen und dem Alltag vermitteln kann. Wo kommt was hin? Wie geht der Besucher, wie viele Medien, wie wenige Medien? Wie weit mischt man diese riesige Sammlung? Und das Grundglück jedes Museumsmenschen, nämlich eine gewaltige Sammlung vorzufinden und die nicht vollkommen neu zu mixen, aber doch neu zu denken und neu zu arrangieren, das, glaube ich, kann ihm niemand nehmen. Das wird sicher der Fall sein.

Kassel: Aber wie groß ist denn überhaupt sein Gestaltungsspielraum in Berlin?

Stölzl: Das müsste man einfach – da bin ich wirklich – aus der Ferne kann man das nicht so genau sehen. Die Museen ziehen ja die ganze Zeit schon um, also die asiatischen, die indischen, die amerikanischen, die süd- und nordamerikanischen, die pazifischen, wunderbaren Sammlungen. Die waren ja im alten Westberlin der Hauptanziehungspunkt von Berlin als Kulturstadt. Die sollen nicht vergessen werden. Das ist erst durch die Vereinigung der Stadt so in den Hintergrund gerückt, dass kein Mensch mehr nach Dahlem fahren wollte.

Aber das ist eine der wirklich großen, faszinierenden Museumssammlungen der Welt. Wenn die super präsentiert werden in diesem riesengroßen Gebäude und man in diesen Veranstaltungsräumen, die dazugehören, vernünftige Kongresse, Symposien, Publikumsdinge macht, dann ist dies noch nicht sozusagen die Welt neu erfunden, aber ist doch schon mal ganz was Tolles. Und da, glaube ich, hat MacGregor alle Gestaltungsfreiheit, sich das auszudenken. Ich meine, die große andere Frage ist natürlich, er ist nicht Dienstherr dieser ganzen Museen, das ist ja Parzinger. Das ganze funktioniert nur, wenn sozusagen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihrerseits Herrn MacGregor machen lässt.

Fliegender Messebau kommt jetzt

Kassel: Aber das Machenlassen – ich möchte gern noch einmal kurz auf diese Bauprobleme zurückkommen –, das Machenlassen wird ja auch an vielem hängen. Also, diese Stiftung Berliner Stadtschloss hat ja ernsthaft gesagt, da kann man gar nichts mehr drin machen, man darf keine Brandschutzmauer verschieben, und Monika Grütters, die Kulturstaatssekretärin des Bundes hat gesagt, das sieht sie nun nicht so. Könnten Sie sich vorstellen, dass denn doch MacGregor sagt, das möchte ich dann, diese Freiheit, wenn Frau Grütters mir die schon gibt, möchte ich haben, ich möchte auch noch in den Innenausbau eingreifen?

Stölzl: Ja, das ist ein fließender Begriff, Innenausbau und Ausstellungsbau. Da kann man lange streiten, ist also eine Rigipswand, die sieht ja für einen Besucher auch aus, als wäre sie aus Beton. Also natürlich wird die Ausstellungsgestaltung da drin jetzt erst fertig werden. Und da kann man ja ganz viel machen. Ich meine, haben Sie die Hallen mal gesehen? Das sind gewaltige Dimensionen. Da muss sowieso noch richtige Ausstellungsgestaltung rein, ganz normaler Messebau, so würde ich das sagen, fliegender Messebau, Ausstellungsbau. Und das ist immer so.

Wenn Sie einen großen leeren White Cube eine Ausstellung bauen, dann entsteht die da drin nach Konzept. Und deswegen sind die Brandabschnitte und die großen tragenden Wände natürlich immer so, wie sie sind. Das ist nichts Neues für einen Museumsmenschen. Nur in Träumen kann man davon träumen, auf der grünen Wiese ganz neu, maßgeschneidert eine Ausstellung zu machen und dann auch die tragenden Wände so zu bauen. Aber in der Realität ist es ja immer so, dass man irgendein Gebäude vorfindet und darin gestalten muss.

Kassel: Pragmatischer Optimismus, so würde ich das beschreiben, was wir gehört haben von Christoph Stölzl, erfahrener Museumsmacher, Kenner der Kulturszene Berlins und des Bundes und zurzeit Präsident der Hochschule Franz Liszt in Weimar. Herr Stölzl, ich danke Ihnen, und wir freuen uns einfach zusammen auf die Eröffnung und spekulieren nicht darüber, ob das bis 2020 wirklich gelingt. Das werden wir erleben.

Stölzl: Wenn es fertig ist, ist es fertig.

Kassel: Da ist der Pragmatismus wieder. Herr Stölzl, danke schön, alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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