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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.04.2013

"Negerkönig" oder "Südseekönig"

Über Kinderbücher und Sprache

Von Hans-Heino Ewers

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Die Beteuerung, dass der Wortschatz der Bücher 50 Jahre alt ist, sagt Kindern wenig.  (Stock.XCHNG / tim & annette)
Die Beteuerung, dass der Wortschatz der Bücher 50 Jahre alt ist, sagt Kindern wenig. (Stock.XCHNG / tim & annette)

Ist es Zensur, wenn man das Wort "Neger" in einem Kinderbuch durch ein anderes ersetzt? Jede Neuübersetzung eines literarischen Werks bedient sich des aktuellen Sprachgebrauchs und dürfte Wörter meiden, die heute als belastet gelten.

Die Ankündigung eines Kinderbuchverlages, in einem Klassiker der Kinderliteratur belastete Wörter durch unbelastete zu ersetzen, löste einen wahren Proteststurm im literarischen Feuilleton aus. Literaturkritiker, die der Kinderliteratur bislang wenig Beachtung geschenkt hatten, schlugen Alarm. Gesprochen wurde von einem Angriff auf Würde und Unantastbarkeit des literarischen Kunstwerks – und als Kunstwerke seien doch wohl auch Kinderbücher anzusehen.

Wie schön, haben sich alle Freunde und Förderer des Kinderbuchs gedacht, dass der Kinderliteratur nun auch von Seiten der großen Literaturkritik ein solch hoher Rang zugesprochen wird. Damit wäre schon ein wichtiges Resultat der Debatte genannt: Die Kinderliteratur ist ein bedeutendes Kulturgut und ein Kunstgebiet, das Aufmerksamkeit und Achtung verdient.

Die Heftigkeit der Reaktionen legt den Verdacht nahe, dass sich hier eine Generation berührt fühlte, die mit der Literatur eines Otfried Preußler, eines Michael Ende oder einer Astrid Lindgren groß geworden ist und deshalb die vorgenommenen Änderungen als Angriff auf die eigene Kindheit empfinden musste. Wie dem auch sei, es wäre hiermit eingestanden, wie bedeutsam Kindheitslektüren für unser Selbstgefühl sind; in welchem Ausmaß Pippi Langstrumpf, die kleine Hexe, der Räuber Hotzenplotz und Jim Knopf zum geistigen Kollektivbesitz unserer Gesellschaft gehören.

Der betreffende Kinderbuchverlag hatte allerdings nicht an diese Erwachsenengenerationen gedacht, sondern an die Kinder von heute, die Vier-, Fünf- und Sechsjährigen, denen Preußlers Hexen-, Wassermanns- und Gespenstererzählungen hoffentlich noch vorgelesen werden. Dass diese Texte schon 50 Jahre alt sind, sagt den Kindern in diesem Alter noch gar nichts.

Und mit der Beteuerung, dass die Titulierung als ‚Neger’ damals – vor 50 Jahren - niemanden verletzt hat, können sie wenig anfangen. Neben der Alltagskommunikation in Familie, Kindergarten und Schule erweitern Kinder durchs Vorlesen ihren Wortschatz.

Sollen wir ihnen in diesem frühen Alter Wörter beibringen, deren Gebrauch wir ihnen sogleich untersagen müssen? Den Sieben- oder Achtjährigen kann man schon Einiges erklären, wenn sie fragen, warum in diesem oder jenen Buch noch von Negern die Rede ist. Doch ist auch hier nicht ausgeschlossen, dass sich kindliche Leser anderer Hautfarbe oder solche aus bikulturellen Familien verletzt fühlen.

Zur Pflege eines literarischen Oeuvres durch Verlage gehört es nicht zuletzt auch, für Leserinnen und Leser zu sorgen. Das ist keine leichte Aufgabe bei einem Lesepublikum, das historische Texte noch nicht als solche, sondern nur naiv zu rezipieren vermag. Was geht verloren, wenn es nicht mehr "Negerkönig", sondern "Südseekönig" heißt und man dadurch neue Lesergenerationen gewinnt?

Jede Neuübersetzung eines literarischen Werks aus einem vergangenen Jahrhundert bedient sich des aktuellen Sprachgebrauchs und dürfte Wörter meiden, die heute als belastet gelten, ohne dass irgendjemand protestiert. Warum sollte dies Neuauflagen von Kinderbüchern, die sich an Kindergarten- und Grundschulkinder richten, verwehrt sein?

Dass im Erwachsenenliteraturbereich die Texte sakrosankt wären, ist eine wohlfeile Illusion. Haben nicht Goethe seinen "Werther" und Ludwig Tieck seinen "Sternbald"-Roman später stark verändert, haben die Brüder Grimm ihre "Kinder- und Hausmärchen" nicht zigmal überarbeitet?

Man darf sich allerdings fragen, ob die Ausgabe letzter Hand stets die maßgebliche sein soll. Heutigentags pflegen Autoren und Verlage über ihre Textredaktionen Stillschweigen zu bewahren. Die Literaturkritik hätte hier ausreichend Gelegenheit, Skandalträchtiges ans Tageslicht zu bringen.

Hans Heino EwersHans-Heino Ewers Hans-Heino Ewers ist seit 1989 Universitätsprofessor für Germanistik; Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und seit 1990 Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist Initiator und Mitherausgeber des seit 1995 erscheinenden Jahrbuchs Kinder- und Jugendliteraturforschung und Verfasser zahlreicher Studien zu Theorie, Geschichte und Gegenwart der Kinder- und Jugendliteratur.

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