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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.09.2009

Neandertaler ohne Nähnadel

Brian Fagan: "Die Eiszeit. Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel". Theiss Verlag, 240 Seiten

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Nachbildung eines Urzeitmenschen in einem Museum in Mettmann, NRW. (AP Archiv)
Nachbildung eines Urzeitmenschen in einem Museum in Mettmann, NRW. (AP Archiv)

Es sind Bilder gewaltiger Raubtierskelette und Aufnahmen weiter Landschaften, die den Leser in das Buch "Die Eiszeit" hineinziehen. Wie der Untertitel "Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel" verspricht, liefert es einen faszinierenden Einblick in die Klimaveränderungen der vergangenen zwei Millionen Jahre.

Der amerikanische Anthropologe Brian Fagan und seine Koautoren Mark Maslin, John F. Hoffecker und Hannah O'Regan zeigen, weshalb es zur Eiszeit kam und beschreiben sehr anschaulich, welche Auswirkungen sie auf die frühen Menschen, die Landschaft und die Tierwelt der Erde hatte.

Dabei stellen sie gerade zu Beginn des Buches die Personen in den Vordergrund, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Eiszeit erforscht haben. Die frühen Forscher hatten in erster Linie damit zu kämpfen, dass in der Bibel mit keinem Wort große Eismassen erwähnt werden und ihre Thesen über eine Millionen Jahre alte Eiszeit als Ketzerei gebrandmarkt wurden.

Mit zahlreichen wunderschönen Fotografien, vielen Grafiken und Abbildungen beschreiben die vier Autoren wie die Eiszeit entdeckt wurde, wie sie begann und welche Kapriolen das Klima während dieser zwei Millionen Jahre schlug. Der Hauptautor und Herausgeber Brian Fagan ist ein emeritierter Professor für Anthropologie. Mark Maslin lehrt Paläoklimatologie an der Universität London, der Amerikaner John F. Hoffecker arbeitet am Institut für arktische und alpine Forschung der Universität von Colorado in Boulder und Hannah O'Regan ist Paläontologin an der Universität von Liverpool. Alle vier forschen seit vielen Jahren zur Eiszeit und ihren Folgen und genau das merkt man dem Buch an. Die Texte sind mit großer Fachkenntnis und zugleich sehr kurzweilig und anschaulich geschrieben.

Die erste Hälfte des Buchs befasst sich mit der Eiszeit selbst. Dann aber gehen die Autoren auf die Entwicklungsgeschichte der frühen Menschen ein, die eng mit den klimatischen Bedingungen verknüpft ist. Der Leser erfährt, dass der gedrungene Körperbau des Neandertalers eine Anpassung an das harsche Klima in Europa war, aber die Ausbreitung der Neandertaler in die kältesten Winkel der Welt am Fehlen eines kleinen und simplen Werkzeugs scheiterte. Erst die Erfindung der Nähnadel ermöglichte es dem modernen Menschen, auch die unwirtlichsten Klimate zu besiedeln.

Hannah O'Regan beschreibt die gewaltigen Tiere, die während der Eiszeit alle Kontinente besiedelten - so erfährt man von Kamelen in Amerika, Wollnashörnern in Europa oder riesenhaften Beutellöwen in Australien.

Das Buch "Die Eiszeit" endet mit einem sehr düsteren und aufrüttelnden Ausblick auf die Zukunft. Anhand ihrer Schilderungen der vergangenen, sehr dynamischen Klimaveränderungen warnen die Autoren eindringlich davor, das größte Experiment der Menschheit, den anthropogenen Klimawandel, fortzusetzen.

Es ist ein sehr aktuelles und sehr eindringliches Buch, das mit spannenden Texten, wunderbaren Bildern und sehr informativen Grafiken ein umfassendes Bild des vergangenen und des momentanen Klimawandels bietet.

Brian Fagan: Die Eiszeit. Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel
Theiss Verlag,
240 Seiten. 29,90 Euro

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