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Buchkritik | Beitrag vom 22.01.2019

Neal Stephenson & Nicole Galland: „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“Eine Behörde auf der Suche nach Magie

Von Irene Binal

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Cover des Buchs "Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O." von Neal Stephenson und Nicole Galland vor dem Hintergrund einer Kristallkugel (imago / Goldmann Verlag)
Cover des Buchs „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“ von Neal Stephenson und Nicole Galland vor dem Hintergrund einer Kristallkugel (imago / Goldmann Verlag)

Reizvolle Mixtur aus Fantasy-Abenteuer und Wissenschaftsthriller: In „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.“ von Neal Stephenson und Nicole Galland geht es um das anscheinende Verschwinden der Magie durch die Wissenschaft - und den Versuch, sie zurückzuholen.

Melisande Stokes ist Linguistin und in ihrem Job als Dozentin unzufrieden. Da trifft es sich gut, dass sie einem gewissen Tristan Lyons über den Weg läuft, der für eine, wie er selbst sagt "obskure Regierungseinrichtung" arbeitet und Mel für ein geheimes Projekt abwerben will. D.O.D.O. heißt die noch recht überschaubare Behörde, deren Mitarbeiter in alten Dokumenten nach Beweisen für die Existenz von Magie suchen. Und tatsächlich finden sich entsprechende Hinweise, allerding nur bis zum Jahr 1851, danach ist die Magie plötzlich verschwunden. Offenbar besteht ein Zusammenhang mit dem Vormarsch der Wissenschaft. Tristan und Mel sind elektrisiert: Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, die Magie zurückzuholen?

Das allein wäre schon genug Stoff für einen spannenden Fantasy-Roman – aber das Buch von Neal Stephenson und seiner Co-Autorin Nicole Galland bietet weit mehr, vermischt Fantastik mit Wissenschaft und Magie mit Erkenntnissen der Quantentheorie. Basierend auf dem Gedankenspiel des Physikers Erwin Schrödinger, wonach eine Katze in einer Kiste gleichzeitig tot und lebendig sein kann, so lange niemand nachsieht, baut ein ehemaliger Physikprofessor eine Vorrichtung, in deren Innerem Magie ausgeübt werden kann. Auch eine Hexe ist bald gefunden, für die es ein Leichtes ist, Menschen in verschiedene Zeitstränge der Vergangenheit zu schicken. Aber diese Reisen sind gefährlich, nicht nur, weil die Auswirkungen auf die Zukunft unklar sind, sondern vor allem, weil allzu große Veränderungen eine Katastrophe auslösen können, die sich auf alle Zeitstränge auswirkt.

Verschlungen, klug und fesselnd

Ihre komplizierten physikalischen Exkurse betten Stephenson und Gallard geschickt in eine äußerst vielschichtige Handlung ein, die an Spannung nichts zu wünschen übrig lässt. Während Tristan und Mel in Konstantinopel oder im elisabethanischen London auf Schwertkämpfer, hexende Kurtisanen und Christopher Marlowe treffen und sich fragen, welche Rolle die Kaufmannsfamilie Fugger bei all dem spielt, wird D.O.D.O., das "Department of Diachronic Operations", größer und unübersichtlicher: Man erlässt bizarre Sprach- und Kleiderordnungen, verfolgt eine fast paranoide Geheimhaltungspolitik, und dann mischt sich auch noch das US-Militär ein. In Berichten und Briefen, Memos und Notizen entspinnt sich eine Geschichte, die mal abenteuerlich ist und mal satirisch, eine ungewöhnliche und äußerst reizvolle Mixtur aus Mantel-und-Degen-Historie, märchenhaftem Fantasy-Abenteuer, Wissenschaftsthriller und spöttischem Zeitbild.

Geschichtenerzähler, heißt es an einer Stelle, übten eine Art niederschwellige Magie aus, da sie Ereignisse aus alternativen Versionen der Realität wahrnehmen könnten. Und irgendwie erscheinen Neal Stephenson und Nicole Galland tatsächlich ein bisschen wie Magier, die mühelos unterschiedliche Genres und Handlungsstränge verknüpfen und daraus einen verschlungenen, klugen und ganz und gar fesselnden Roman gestrickt haben – einen Roman, der beweist, wie ungeheuer kurzweilig 864 Seiten sein können.

Neal Stephenson, Nicole Galland: "Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O."
Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
Goldmann Verlag, München 2018
864 Seiten, 30 Euro

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