Seit 08:00 Uhr Nachrichten

Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 08:00 Uhr Nachrichten

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.11.2006

Nazismus und Islamismus: Goldhagens These

Von Michael Wolffsohn

Podcast abonnieren
Der Historiker Michael Wolffsohn (AP)
Der Historiker Michael Wolffsohn (AP)

Hitler, Kirche, Genozide, Juden und Islam. Alles Reizthemen, also alles Themen für Daniel Goldhagen. Er macht stets auf sich aufmerksam und stets mehr durch Radau als Wissen, obwohl er sich als Wissenschaftler verkauft, zumal er aus der Welt-Elite-Universität Harvard kommt.

Jetzt warnt er uns Europäer vor dem politischen Islam. Ja, die vom politischen, besser: politisierten Islam ausgehenden Gefahren kann man nicht ernst genug nehmen, sie sind sehr real. Aber man muss sie richtig begründen. Nicht wie Goldhagen. Er sagt: Nazismus ist die korrekte Bezeichnung und der einzige Bezugsrahmen für politischen Islam. Das ist, mit Verlaub, Unsinn.

Wie begründet Goldhagen seine wilde These? "Es sind insbesondere zwei Merkmale, die die beiden Phänomene vergleichbar machen. Eine totalitäre und aggressive Ideologie, mehr aber noch die genozidäre, massenmörderische Mentalität der beiden Protagonisten."

Was er unter "totalitär" versteht, verrät uns Goldhagen nicht. Wahrscheinlich meint er dies: Der Islam regele und reguliere den Alltag des Menschen von der Wiege bis zur Bahre, ins Paradies oder die Hölle. Diese Form der frommen oder scheinfrommen Regulierung kennzeichnet jedoch nicht nur den Islam, sondern fast jede Religion an sich. Religion besteht aus Regeln.

Die massenmörderische Mentalität ist den Islamisten gewiss nicht abzusprechen. Sie verüben massenweise blinden Terror, der durch nichts zu rechtfertigen oder zu verniedlichen ist. Doch so entsetzlich die islamistischen Massenmorde des 11. September 2001 und danach von Casablanca, Bali, Bombay, Madrid oder London – zwischen diesen Greuelmorden und Auschwitz liegen Welten, ganz abgesehen davon, dass die Terroropfer Staaten hinter sich haben, die sie entweder schützen oder rächen können. Kein Staat der Welt hat die Juden von Auschwitz und den anderen NS-Vernichtungshöllen der Nationalsozialisten geschützt oder gerächt.

Womit wir beim Thema der Einzigartigkeit des NS-Holocausts wären. Gerade Goldhagen hat die Einzigartigkeit des Holocaust früher immer wieder hervorgehoben. Nun passt ihm diese Einzigartigkeit nicht mehr ins Konzept, und er verzichtet auf sie. Vor Jahren hätte er dies als "Relativierung" des Holocaust verunglimpft, also als schändliches Delikt.

Goldhagen belehrt uns weiter: Die Erfahrung mit Hitler habe gezeigt, dass man auch Wahnsinnige beim Wort nehmen sollte und sicher seien könnte, dass sie alles daran setzen würden, um ihre Prophezeiungen und Wahnvorstellungen wahr werden zu lassen. "Das sollte besser verhindert werden."

Sicher, doch leider war Hitler kein Wahnsinniger, Osama bin Laden oder Irans Ahmadinedschad sind es auch nicht. Jener plante, Hitler also, diese planen alle Schritte höchst rational und schrecklich methodisch.

Was Goldhagens Unsinn bewirkt, ist klar: Er bringt uns keine notwendigen und richtigen Argumente gegen den politischen Islam, er provoziert noch mehr Muslime aus Empörung über Vereinfachungen des Islam als Religion zum Islamismus, zu Terror und Massenmord. Goldhagen analysiert nicht den Massenmord, er provoziert ihn.

Warnungen vor dem Islamismus sind angebracht. Doch nicht à la Goldhagen. Zu nennen wären durchaus ideologische Gemeinsamkeiten ohne Gleichsetzungen. Islamismus und Nazismus hassen "die" Juden, Amerika, Demokratie, Kapitalismus und Kommunismus. Islamisten und arabische Nationalisten haben im Holocaust den deutschen Nationalsozialisten geholfen und sie nach 1945 versteckt, gedeckt und gegen Israel auch militärisch eingesetzt. In den 1970er und 80er Jahren haben sie mit deutschen Rechts- und Linksterroristen gegen Juden und Israel zusammengearbeitet, und das tun sie jetzt wieder, wie der Bundesverfassungsschutz vor wenigen Tagen bestätigte.

Den goldenen Weg zur Überwindung des Islamismus weist Goldhagen nicht, wohl aber den Holzweg.

Michael Wolffsohn, Historiker, wurde 1947 in Tel Aviv als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten geboren. Er kam als Siebenjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft in Berlin, Tel Aviv und New York arbeitete er bis zu seiner Habilitation an der Universität in Saarbrücken. 1981 wurde er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule in München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "Keine Angst vor Deutschland!", "Die Deutschland-Akte - Tatsachen und Legenden in Ost und West" und "Meine Juden - Eure Juden".

Politisches Feuilleton

Islam und IntegrationMehr Frauen in die Muslim-Verbände!
Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. Islamische Verbände halten Friedensgebet vor der Mevlana-Moschee ab, vor der vor einem Monat ein Brandanschlag verübt wurde. Eine Aktion des Zentralrats der Muslime, der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), des Islamrates und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). (imago/Mike Schmidt)

Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz will künftig nur noch mit Migrantenverbänden verhandeln, die mindestens eine Frau im Führungsgremium haben. Sie erntete für ihren Vorstoß prompt Kritik. Die Publizistin Sineb El Masrar hingegen findet ihn gut.Mehr

KapitalismusWir brauchen gerechte Preise!
Frauen an Nähmaschinen. Eine schaut in die Kamera. (imago / ZUMA Press)

Der Markt hat immer Recht? Nein, meint Christoph Fleischmann. Denn das Prinzip Angebot und Nachfrage sorge nicht für Gerechtigkeit. Entsprechend dürfe man es nicht allein dem Markt überlassen, die Preise festzulegen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur