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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.09.2011

Nazi-Revue zwischen Hysterie und Gemütlichkeit

Stephan Kimmig inszeniert in Hamburg "Der Fall der Götter"

Von Elske Brault

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"Der Fall der Götter" mit Lukas Holzhausen (links), Ute Hannig, Samuel Weiss (Sebastian Hoppe)
"Der Fall der Götter" mit Lukas Holzhausen (links), Ute Hannig, Samuel Weiss (Sebastian Hoppe)

Die Rolle der Familie Krupp im Nationalsozialismus schildert das Deutsche Schauspielhaus Hamburg mit dem Bühnen-Remake eines Visconti-Films. Doch jenseits der Verbindung von sexueller Neurose und Faschismus tut sich kein Abgrund auf.

Die Bühne ragt weit in den Zuschauerraum hinein, an ihrem Rand sind – genau wie zwischen den Sitzen der ersten Reihen im Publikum – kleine Jugendstil-Lampen verteilt, so dass man eher den Saal eines Kabaretts der 20er-Jahre zu betreten meint als den des Deutschen Schauspielhauses. Zwei Gogo-Girls in Hot-Pants und schwarzem Frack begrüßen uns mit Akkordeon und spitzen Schreien, kündigen an, man werde hier die Geschichte der Familie von Essenbeck zu sehen bekommen: "Aber nicht irgendeine deutsche Familie!" – "Nein nein, die deutsche Wirtschaftsdynastie aus dem Ruhrgebiet."

1969 hat der italienische Starregisseur Luchino Visconti die Geschichte der Familie Krupp gewürzt mit Sex und Mord, als "Die Verdammten" kam der Film mit dem Originaltitel "La Caduta degli Dei" in die deutschen Kinos. Bis heute beeindrucken die opulenten Bilder, beispielsweise des Massakers der SS an der SA 1934 in Bad Wiessee: Ein Berg nackter Leiber in Gold und Ocker-Tönen, aus denen rot das Blut fließt. Und Schauspieler Helmut Berger machte Furore als tuckiger Essenbeck-Jungerbe, der vorzugsweise kleinen Mädchen unter den Rock greift. Die Verbindung von perverser Erotik und Nazi-Horror vermochte die Kritiker jedoch schon damals nicht restlos zu überzeugen.

Von Regisseur Stephan Kimmig, dem Spezialisten für Familientragödien, erwartet man nun eine tiefere psychologische Durchdringung der Figuren. Doch erst einmal legt er sie zusammen: Markus John ist hier sowohl das Familienoberhaupt Joachim von Essenbeck als auch der Emporkömmling Friedrich Bruckmann, geschäftsführender Direktor der Essenbeckschen Stahlwerke, als auch der Enkel und spätere Alleinerbe Martin von Essenbeck. Das scheint erst mal Sinn zu machen, denn schließlich wird die Leitung der Stahlwerke in eben dieser Reihenfolge weitergegeben, und die drei Chefs erscheinen so als verschiedene Facetten einer Ich-Schwäche: Diese charakterlich schwachen Männer versuchen durch äußere Macht ihre narzisstischen Gelüste zu befriedigen.

Doch wenn Markus John die für Familienoberhaupt Joachim streng zurückgegelten Haare auseinander strubbelt und sich als nasse Pony-Strähnen übers Gesicht hängen lässt wie ein verrotzter Hippie, um so Enkel Martin zu markieren, dann erhellen diese Wechsel nichts, sie sind nur komisch und bewundernswert gut gespielt.

Die beiden Kabarett-Damen des Beginns (Julia Nachtmann und Katja Danowski) schlüpfen ebenfalls in alle möglichen Rollen, haben jedoch im Wesentlichen die Funktion, uns als Erzählerinnen durch diese Nazi-Revue zu führen. Schräge Lieder und Wohlfühlwitzchen wechseln da mit Vergewaltigungsszenen und hochtrabenden Reden an die Familie oder ans Volk: Eben eine Stimmung zwischen Hysterie und Schunkelgemütlichkeit, angeheizt von zwei Musikern im Bühnenhintergrund (Philipp Haagen und Michael Verhovec). Doch so wie man vergeblich hofft, auf Katja Hass‘ von einem gigantischen Stuhlturm dominierten Bühne würde sich die schwarze Bretterrückwand irgendwann heben und eine weitere, interessanter gestaltete Ebene freigeben, tut sich auch kein menschlicher Abgrund auf jenseits der schnell erfassbaren Verbindung von sexueller Neurose und Faschismus.

Natürlich beschließen Sophie von Essenbeck und ihr Generaldirektor-Geliebter Bruckmann den Mord an Familienoberhaupt Joachim im Bett (hier eine Stahlpritsche, die auch als Tisch herhält). Das überrascht nun nicht wirklich: Stephan Kimmig führt in einem munteren Bilderbogen das Treiben derer "da oben" vor, und wir unten im Parkett können uns das anschauen, ohne dass sich jemals die vom Soziologen Jan Philipp Reemtsma treffend gestellte Frage aufdrängen würde: "Wie hätte ich mich verhalten?"

Als purer Text war der Visconti-Film eben nicht besonders gut. Wenn er jetzt dennoch auf die Bühne darf, so deswegen, weil die koproduzierenden Ruhrfestspiele eine Ruhrpott-Familiensaga für 2012 wollten. Die haben sie nun bekommen, etwa so tiefschürfend wie ein Schimanski-"Tatort". Das Publikum klatschte begeistert und ging dann rasch nach Hause.

Informationen des Deutschen Schauspielhauses Hamburg

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