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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.04.2016

Nazi für immer? Von der Schwierigkeit auszusteigen

Thies Marsen im Gespräch mit Johannes Nichelmann

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Die Polizei an einem Wahlstand der NPD in Weimar/Thüringen 2013 (imago stock & people)
Wer meint es wirklich ernst? Einige ex-Nazis kehren später in die Szene zurück. (imago stock & people)

Ob Nazi-Aussteiger es ernst meinen, zeigt sich erst nach mehreren Jahren. Der Journalist Thies Marsen erzählt von Rechtsradikalen, die zuerst das Honorar für ihr Buch über den Ausstieg einsacken und dann in die Szene zurückkehren - und er kritisiert die fragwürdigen pädagogischen Versuche der Verfassungsschützer.

Deutschlandradio Kultur: Die rechte Szene in Deutschland, die Neonazis, das sind längst keine Bomberjacken und Springerstiefel tragenden Glatzköpfe mehr.. So, wie sich das Bild von ihnen vielleicht noch in den 90’er Jahren geprägt hat. Doch ungefährlicher sind sie nicht. Immer wieder hören wir von Aussteigern aus der Szene. Die schreiben Bücher über ihren Weg in und aus der braunen Welt, geben Interviews und damit den Einblick in den Kosmos der Neonazis. Aber ab wann ist ein Aussteiger ausgestiegen und wie geht es mit diesen Menschen weiter, wenn alle Bücher verkauft und das letzte Interview gegeben wurde?

Eine Frage, die auch vor dem Hintergrund des NSU-Prozesses in München spannend ist. Thies Marsen ist Journalist und beobachtet die rechte Szene schon seit vielen Jahren, hatte auch mit einigen Aussteigern zu tun. Guten Abend, Herr Marsen. Wann ist ein Aussteiger ein Aussteiger?

Thies Marsen: Wenn man sich zum Beispiel den NSU-Prozess derzeit in München anschaut, da gibt es ja unter den Angeklagten auch zwei, die sich selbst als Aussteiger bezeichnen: Carsten S. und Holger G. Und da sieht man schon das Problem. Wirklich glaubwürdig ausgestiegen ist aber eigentlich nur Carsten S. Er hat sich schon vor bald 15 Jahren von der Szene gelöst, hat jetzt vor Gericht reinen Tisch gemacht und umfassend ausgesagt, hat andere belastet und auch sich selbst - weshalb er auch im Zeugenschutzprogramm ist. Holger G. war zwar auch im Zeugenschutzprogramm, ist aber wieder rausgeflogen, weil er sich mit alten Bekannten wieder getroffen hat, er hat sich im Prozess nur eingeschränkt geäußert, ist noch vor wenigen Jahren auf Neonazi-Konzerten gesehen worden - also da kann man Zweifel haben, ob man ihn tatsächlich als Aussteiger bezeichnen will.

Manche Aussteiger sind zurück am rechten Rand

Und es gibt auch Personen, wie Nick Greger, einer der zeitweise prominentesten Aussteiger in Deutschland. Der hatte Ende der 90er-Jahre eine Rohrbombe gebaut für einen Anschlag auf Antifaschisten. Wurde verhaftet, behauptete dann im Jahr 2000 das erste Mal vor Gericht, er sei ausgestiegen – um eine geringere Strafe zu bekommen. Ging nach der Haft dann nach Südafrika zu weißen Rassisten, für die er Waffen kaufen sollte. Stieg 2005 angeblich erneut aus der Szene aus – schrieb sogar ein Buch darüber. Doch inzwischen tummelt er sich wieder am rechten Rand, hat dem rechtsradikalen Publizisten Jürgen Elsässer mehrere Interviews gegeben, treibt sich bei Islamhassern herum.

Deutschlandradio Kultur: Kommt es häufiger zu Rückfällen oder steckt dahinter sogar eine Strategie?

Thies Marsen: Viele machen das nur, um bei einem Strafverfahren mit niedrigeren Strafen davonzukommen - das ist übrigens eine Taktik, die in der Szene teils offen propagiert wird: Sagt ruhig vor Gericht, ihr seid Aussteiger, so lange ihr keine Kameraden verratet, nehmen wir euch anschließend wieder mit offenen Armen auf - und leider muss man sagen, fallen da auch immer wieder Richter und Staatsanwälte drauf rein. Und manche machen den Ausstieg dann auch zum Geschäftsfeld, schreiben ein Buch, treten gegen Honorar in Talkshows auf. Ein Kollege hat das mal als Aussteiger-Industrie bezeichnet. Stattdessen müsste es um, wie sagt man im Juristendeutsch, "tätige Reue" gehen. Zum einen muss der Ausstieg so ablaufen, dass er wirklich endgültig ist, dass ich mir einen Rückweg verbaue und das heißt zum Beispiel, dass ich umfassend aussage, dass ich mich selbst und ehemalige Kameraden belaste. Dass ich über die Strukturen der Szene berichte und aufkläre. Oder auch dass ich mich aktiv gegen die Neonaziszene einsetze - bei Aussteiger-Initiativen, in Schulen und so weiter.

Kritik am Verfassungsschutz

Deutschlandradio Kultur: Jetzt gibt es auch den Verfassungsschutz, der ein eigenes Aussteigerprogramm hat, sogar mehrere Notfall-Telefonnummern bereitstellt für Leute, die raus wollen. Wie bewerten Sie die Rolle des Inlandsnachrichtendienstes – ist dessen Programm nützlich?

Thies Marsen: Ich denke nicht. Nach allem was wir wissen, sind diese Programme ziemlich erfolglos, werden kaum angenommen – und das hat auch einen guten Grund. Mir sind zwei Fälle bekannt, wo Leute, die aussteigen wollten, sich an den Verfassungsschutz gewandt haben, einmal in Nordrhein-Westfalen, einmal in Bayern. Die dann bekamen sie die Ansage: Bleiben Sie doch lieber in der Szene und liefern uns Informationen. Das zeigt das Grundproblem: Der Verfassungsschutz ist ein Geheimdienst, dessen aller erstes Interesse ist das Ausspionieren – und das beißt sich mit Aussteigerprogrammen. Deshalb hat der Verfassungsschutz in diesem Bereich meiner Meinung nach nichts zu suchen – genauso wenig wie in der politischen Bildungsarbeit – das ist Sache der Zivilgesellschaft.

Deutschlandradio Kultur: Der Journalist Thies Marsen im Zeitfragen-Gespräch auf Deutschlandradio Kultur über Aussteiger aus der rechten Szene, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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