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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.07.2018

Naturschutz in NiedersachsenNABU und Greenpeace streiten um Seeadler

Von Dietrich Mohaupt

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Seeadler an der Ems: Der Greifvogel ist inzwischen auch wieder in Niedersachsen heimisch. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
Seeadler an der Ems: Der Greifvogel ist inzwischen auch wieder in Niedersachsen heimisch. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)

Die niedersächsische Öko-Harmonie ist dahin: Der Bau zweier Windräder bedrohe den Brutplatz eines Seeadlerpaares, sagen die Naturschützer des NABU. Greenpeace Energy hält mit einem Gutachten dagegen – und will das Projekt auf keinen Fall stoppen.

Ökostrom-Produzent kontra Naturschutzverband – die einen wollen mit Hilfe von Windkraftanlagen das Klima retten, die anderen wollen verhindern, dass die Windräder möglicherweise ein Seeadler-Brutpaar schreddern. Eigentlich haben beide Seiten volles Verständnis für die Ziele des jeweils anderen – Michael Friedrich, Sprecher von Greenpeace Energy, betont:

"Uns ist eben auch der Schutz des Seeadlers enorm wichtig, weil wir auch unsere Wurzeln in der Umweltbewegung haben."

Und Nick Büscher vom NABU Niedersachen stellt klar:

"Der NABU ist kein Naturschutzverband, der dafür bekannt ist, dass wir Windkraftgegner sind."

Gegenseitiges Verständnis – mit großen Einschränkungen

Soweit so gut, sollte man meinen – wenn da nicht beide Seiten noch jeweils ein richtig dickes, fettes "Aber" in der Hinterhand hätten. Bei Greenpeace Energy klingt das so: Seeadlerschutz ja, selbstverständlich – aber:

"Unsere Energie stecken wir weiterhin in Ideen und Projekt für den Klimaschutz ... und das ist auch der beste Naturschutz. Der Klimawandel ist schließlich bereits Realität und schädigt schon jetzt unsere Ökosysteme – es werden jetzt schon ganze Nahrungsketten zerrissen, was übrigens auch den Bruterfolg vieler Vogelarten schon jetzt bedroht. Und noch schlimmere Folgen des Klimawandels müssen wir unbedingt verhindern – gerne mit dem NABU zusammen."

Windräder ragen hinter einem Wald auf, über dem ein Seeadler fliegt. (picture alliance / blickwinkel / M. Lohmann)Windräder ragen hinter einem Wald auf, über dem ein Seeadler fliegt - aufgenommen in Norwegen. (picture alliance / blickwinkel / M. Lohmann)

Und für den NABU gelte natürlich, dass man Strom aus Windkraftanlagen als Teil des Kampfes gegen den Klimawandel akzeptiere, betont Nick Büscher:

"Aber in dem Fall ist dieses Projekt eben doch problematisch, da hier in der Nähe der Seeadler brütet im Waldrandbereich und Hohenrode als Haupt-Nahrungsgewässer nutzt aber insbesondere in den Wintermonaten die landwirtschaftlichen Flächen auch zur Nahrungssuche nutzt, wo unter anderem jetzt die Windkraftanlagen geplant sind – und damit haben wir tatsächlich Bauchschmerzen."

Geschützte Auenlandschaft in einer Weserschleife

Die Auenlandschaft Hohenrode liegt in einer Weserschleife in der Nähe von Rinteln – früher wurde hier Kies abgebaut, seit 2014 stehen die Seen unter Naturschutz. Nick Büscher lässt den Blick über große Schwärme von Gänsen und anderen Wasservögeln schweifen, die sich auf einzelnen Kiesinseln und den Wasserflächen dazwischen tummeln:

"Wenn man hier rüber schaut, dann sieht man die Schaumburg, man kann die hier erkennen auf der anderen Weserseite im Nordosten gelegen, und unterhalb der Schaumburg in dieser Sichtachse sind diese Windkraftanlagen geplant."

Viel zu dicht an dem Naturschutzgebiet und dem Brutplatz des Seeadlerpaares, meint der NABU-Experte. Das ganze Gebiet sei nun einmal deren Hauptnahrungsrevier:

"Das nächste fischreiche Gewässer, und auch Graugans reiche Gewässer muss man sagen, liegt hier in Hohenrode, aber in den Wintermonaten sind die Seeadler natürlich deutlich mobiler und nutzen eben auch die landwirtschaftlichen Flächen. Und alles, was über Nacht liegen geblieben ist, das klauben die dort auf – auch das Fallwild von der Bundesstraße, nahegelegen an den Standorten der geplanten Windkraftanlagen."

Gutachten zu realen Flugbewegungen

Diese Argumentation kennt natürlich auch Greenpeace Energy – deshalb habe man von einem externen Gutachterbüro ein genaues Bild von den realen Flugbewegungen der Seeadler im Umfeld der geplanten Anlagen erstellen lassen, erläutert Unternehmenssprecher Michael Friedrich.

"229 Stunden waren die Vogelbeobachter vor Ort und haben geschaut, wie die fliegen – das ist deutlich mehr als üblich und deutlich mehr als erforderlich. Das Ergebnis ist allerdings wirklich eindeutig – und das sagt nicht nur das Gutachten, zu dem Schluss sind auch die Behörden gekommen: Es besteht für den Seeadler kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko durch den Bau der Windkraftanlagen."

Und deshalb hat der Landkreis Schaumburg den Bau der 150 Meter hohen Anlagen auch genehmigt – man sei dazu verpflichtet, wenn alle Voraussetzungen geben seine, so ein Sprecher der Behörde. Damit setzte sich der Landkreis auch über die Bedenken der Stadt Rinteln hinweg – die deshalb Klage einreichte.

Im Zusammenhang damit läuft derzeit vor dem Verwaltungsgericht in Hannover ein Mediationsverfahren – zu dessen Stand sich keine der beteiligten Parteien äußern wollte.

Das Seeadlerpaar lässt sich nicht blicken

In der Auenlandschaft Hohenrode beobachtet Nick Büscher derweil weiter die Graugänse – und hält natürlich auch Ausschau nach dem Seeadlerpaar, das sich an diesem Tag aber nicht blicken lässt. Dem von Greenpeace Energy vorgelegten Gutachten traut er nicht über den Weg – vor allem die veränderten Flugrouten der Seeadler im Winter bereiten ihm Sorgen. Genau die habe Greenpeace Energy nicht ausreichend untersuchen lassen, eine Winterkartierung fehle in dem Gutachten völlig, kritisiert Nick Büscher.

Das wiederum will Michael Friedrich so nicht stehen lassen – man habe in Absprache mit den Behörden auf die Winterkartierung verzichtet, weil sie einfach sinnlos sei:

"Zwar verändern die Seeadler ihr Flugverhalten im Winter, aber in einer Weise, die das Risiko durch die Windkraftanlagen sogar noch vermindert. Die sind dann nämlich nicht standorttreu, sondern fliegen über große Entfernungen dann gerne zu offenen Wasserflächen – im Falle von Rinteln bis zum Steinhuder Meer, das ist so 50 bis 60 Kilometer entfernt."

Will Greenpeace das Windkraft-Projekt loswerden?

Auch im Winter also kein signifikantes Risiko für die Seeadler – beteuert Greenpeace Energy. Offenbar sei sich das Unternehmen seiner Sache aber gar nicht mehr so sicher – mutmaßt Nick Büscher vom NABU. Er habe aus mehreren, voneinander unabhängigen Quellen gehört, dass die noch nicht einmal gebauten Windkraftanlagen schon anderen Investoren zum Kauf angeboten worden sein sollen. Ein bisschen wirke das so, als wolle Greenpeace Energy sich still und heimlich aus der Verantwortung stehlen.

Ein Vorwurf, den Unternehmenssprecher Michael Friedrich vehement zurückweist.

"Also – zunächst mal wissen wir nicht, worauf die Behauptungen des NABU fußen ... und wir finden diese Gerüchteküche auch äußerst unseriös, und wir wundern uns einfach darüber, dass solche Behauptungen in die Welt gesetzt werden. Ganz offiziell: Das Projekt steht nicht zum Verkauf, und wir planen auch weiterhin diese Windkraftanlagen zu bauen!"

Die Fronten sind offenbar verhärtet im Streit "Ökostom-Produzent kontra Naturschutzverband" – vor allem für das Image beider Seiten sei das sicher nicht positiv, meint Nick Büscher, aber:

"Auch wenn sich hier zwei Umweltorganisationen streiten ... Es geht in dem Fall nicht anders. Hier hat das Interesse des Arten- und Naturschutzes für uns größeres Gewicht, als die Harmonie zwischen Greenpeace und NABU."

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