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Zeitfragen | Beitrag vom 05.11.2019

Naturgemäße WaldwirtschaftEin Rezept gegen die Folgen des Klimawandels

Von Charlotte von Bernstorff

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Trockene Kiefern in Brandenburg (picture alliance)
Typischer Brandenburger Kiefernwald: Entscheidend sei, dass in Zukunft mehr Mischwälder entstehen, sagt Förster Dietrich Mehl. (picture alliance)

Der Wald hierzulande ist in einem schlechten Zustand: Monokulturen mit nur Fichten oder Kiefern sind besonders anfällig. Um Bäume besser gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen, besinnen sich nun einige Förster auf eine natürliche Waldstruktur.

"Wenn man da mal hinschaut", sagt Dietrich Mehl. "Hier können wir jetzt mal so eine Borkenkäfer-Störungsfläche anschauen. Hier sind also jetzt Fichten abgestorben, weil es einen Borkenkäferbefall gegeben hat, der allerdings wiederum Folge dieser zwei aufeinander folgenden heißen Sommer ist, wo die Fichte hier eben sehr darunter gelitten hat, sehr wenig Widerstandskraft hatte - und dann leichtes Opfer für den Borkenkäfer war."

Dietrich Mehl steht vor einer abgestorbenen Fichte und entfernt die lockere Rinde des vertrockneten Baumes.

"Hier sieht man immer solche Gänge", erklärt er, "oder dann eben auch hier, die hinterlassen dann solche ganz speziellen Muster auf dem Holz. Man kann erkennen, dass die Fichte versucht sich auch zu wehren. Die versucht, Harz zu produzieren und dem Käfer sozusagen den Gang zu versperren."

Die Fichte leidet hierzulande am meisten unter dem Klimawandel, aber auch andere Baumarten haben schwer zu kämpfen. Das Bundesministerium spricht von 105 Millionen Festmetern Schadholz und 180.000 Hektar Wald, die in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland auf Grund der Trockenheit verloren gingen.

Monokulturen sind besonders anfällig

Das sind beunruhigende Zahlen. Und weil das ganze Holz den Markt überschwemmt, sind die Holzpreise im Keller. Dramatisch für Waldbesitzer.

Einen Grund für den schlechten Zustand des Waldes sieht der Förster Dietrich Mehl in den Monokulturen, also dem großflächigen Anbau einer einzigen Baumart, denn die sind für Schädlinge und Brände besonders anfällig. In den Waldflächen nahe Templin, die Mehl nach den Prinzipien der naturgemäßen Waldwirtschaft betreut, sieht man die heute kaum noch. Stattdessen eine mehrschichtige Waldstruktur aus Laub- und Nadelhölzern.

Förster Dietrich Mehl steht im Wald. (Charlotte von Bernstorff)Förster Dietrich Mehl betreut bei Templin Wald nach den Prinzipien der naturgemäßen Waldwirtschaft. (Charlotte von Bernstorff)

Und das habe sich bewährt, sagt er: "Wenn man da mal so reinschaut, kann man nicht erkennen, dass es der Kiefer irgendwie schlecht gehen würde, dort oben."

Aber andernort geht es der nicht so gut? "Andernorts gibt es große Probleme im Moment, auch mit der Kiefer", sagt der Förster.

Hier in der Schorfheide wachsen unter dem Schirm der alten Kiefernbestände inzwischen unterschiedlichste Baumarten: Jetzt im Herbst leuchten durch die kahlen Stämme gelbe Buchenblätter, rosafarbene Traubenkirschen, die roten sternförmigen Blätter des Ahorns und die weißgefleckte Rinde von Birken.

"Entscheidend ist, dass nicht alte Monokulturen durch neue Monokulturen ersetzt werden", sagt Dietrich Mehl. "Dass also tatsächlich Mischwälder entstehen, und zwar Mischwälder, die einen deutlichen Schwerpunkt also auch bei Laubbaumarten haben. Weil die Effekte, die so ein Laubwald hat, sind einfach sehr wichtig, bezüglich Wasserhaushalt – in Laubwäldern wird einfach viel mehr Grundwasser abgegeben, als das in Nadelforsten der Fall ist – aber auch die Beschattungssituation, also das Kühlen von Wäldern."

Mischwälder besser gegen Hitze gewappnet

Mischwälder sind also kühler und besser gegen Hitze gewappnet. Trotzdem setzen viele Waldbesitzer auf großflächige Fichten- oder Kiefernbestände, weil es angeblich wirtschaftlicher ist. Denn Nadelhölzer wachsen schneller, und bringen deshalb auch schneller Geld. Diese Form des Waldbaus folgt einem festen Zyklus: Erst wird eine Baumart flächenweise gepflanzt und später die gesamte Altersgruppe auf einen Schlag maschinell geerntet, wobei der Boden leidet und kahle Flächen entstehen.

Die naturgemäße Waldwirtschaft geht hingegen schonend mit dem Boden um und beurteilt jeden Baum einzeln – die schlechten werden gefällt und die guten dürfen weiterwachsen. Das bedeute mehr Aufwand, führe aber langfristig zu einem stabilen und gesunden Waldsystem, das dem Klimawandel besser standhalten könne, sagt Dietrich Mehl. Und die Naturgemäße Waldwirtschaft habe auch wirtschaftliche Vorteile.

"Also wenn man hier drunter schaut, insbesondere in diese Verjüngung hier, dann ist das alles ein Geschenk!" Dietrich Mehl deutet auf eine kleine Waldfläche mit jungen Laubbäumen. Es ist der natürliche Nachwuchs, der hier ganz von alleine wächst. Wenn man den nutze, könne man auf kostspielige Pflanzungen weitestgehend verzichten, sagt er.

Kostspielige Pflanzungen eingespart

"Andersrum hätte das 5000 Euro und mehr gekostet", erklärt der Förster, "wenn man das künstlich hätte begründen wollen, also ein ganz enormer ökonomischer Vorteil. Dann ist es so, dass wir die Bäume, die oben noch wachsen, versuchen bis zu einem Optimalzeitpunkt der Nutzung, wenn sie also ihr Wertoptimum haben, auch wachsen zu lassen."

Der naturgemäßen Waldwirtschaft steht jedoch noch ein weiterer Punkt im Weg: Das Wild. Es ist ein uralter Streit zwischen Jägern und Förstern. Die Jäger haben gerne viel Wild im Wald, aber das Wild beißt die jungen Triebe der nachwachsenden Laubbäume ab. In der Schorfheide hält Förster Mehl die Wilddichte konstant gering. So können die jungen Laubbäume hier ohne teure Umzäunung wachsen, erklärt er.

Wir besichtigen noch ein weiteres Waldstück. Dietrich Mehl geht voran und bleibt vor einer toten Buche stehen. Es ist ein wichtiger Faktor für die Artenvielfalt, totes Holz auch mal im Wald stehen zu lassen.

"Also das ist für mich immer ein sehr interessantes und wichtiges Waldbild", sagt er, "weil man auch hier sehen kann: Es sind mehrere alte Buchen da, die rein äußerlich keine gute Holzqualität aufweisen, die dafür aber ökologisch enorm wichtig sind, da kann man zum Beispiel Spechthöhlen erkennen. Hier links bei dieser Buche sieht man eine Fledermaushöhle und so weiter und so weiter, da wächst der Stachelbart aus dem Buchenstumpf da".

Was ist der Stachelbart?

"Das ist ein sehr seltener Pilz" ,erklärt Dietrich Mehl, "der ein sehr guter Zeiger in Hinblick auf Naturwald-Situationen zum Beispiel ist, das bedeutet also, hier sind die Dinge offensichtlich ganz gut im Gleichgewicht."

Naturgemäße Waldwirtschaft braucht Personal

Immerhin 800 Millionen Euro Hilfsgelder hat Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner bei dem von ihr einberufenen Waldgipfel im vergangenen September zur Verfügung gestellt, um dem Waldsterben zu begegnen und Waldbesitzer zu entlasten. Die Frage ist aber, wie die Gelder eingesetzt werden. Nutzt man sie für nachhaltige naturgemäße Waldwirtschaft oder werden einfach wieder neue Monokulturen angepflanzt? Dietrich Mehl schlägt vor, jetzt vor allem in Personal zu investieren. Denn Naturgemäße Waldwirtschaft erfordere Zuwendung und Zeit.

Dietrich Mehl macht sich Sorgen um den Wald. Aber er ist zuversichtlich, dass dieser dem Klimawandel standhalten kann, wenn wir jetzt schnell die richtigen Weichen für eine naturgemäße Waldwirtschaft stellen.

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