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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.07.2021

NATO-Abzug aus AfghanistanWarum der Rückzug des Westens verantwortungslos ist

Ein Standpunkt von Emran Feroz

Soldatinnen und Soldaten einer afghanischen Spezialeinheit bei der Abschlussfeier ihrer dreimonatigen Ausbildung. (picture alliance / AA / Haroon Sabawoon)
Soldatinnen und Soldaten bei der Abschlussfeier ihrer dreimonatigen Ausbildung: Was kann die afghanische Armee den Taliban entgegensetzen? (picture alliance / AA / Haroon Sabawoon)

Nach 20 Jahren verlassen die westlichen Truppen Afghanistan fluchtartig: Ohne sich die Niederlage einzugestehen und ohne zu begreifen, dass man das Land jetzt nicht einfach sich selbst überlassen sollte und kann, kritisiert der Publizist Emran Feroz.

Der Krieg in Afghanistan ist vorbei – aus westlicher Sicht zumindest. In den nächsten Wochen sollen alle NATO-Truppen das Land verlassen. Manche Soldaten, etwa die australischen, die vor wenigen Wochen noch mit ihren Kriegsverbrechen in afghanischen Dörfern für Aufsehen sorgten, nehmen gleich ihre ganze Botschaft mit an Bord.

Währenddessen eskaliert die Lage im Land weiterhin. Seit Mai konnten die Taliban mehr als einhundert Distrikte erobern. Mittlerweile werden auch mehrere Grenzübergänge von den Extremisten kontrolliert. Den Westen kümmert das wenig. Man will nur noch raus. Nichts wie weg von einer Misere, für die man mitverantwortlich ist – und der man auch nicht entfliehen kann.

Keine einzige demokratische Institution aufgebaut

Die Afghanistan-Mission ist in jeglicher Hinsicht gescheitert. Man hat sich bereits vom ersten Tag an mit brutalen Warlords, Drogenbaronen und anderweitigen Menschenrechtsfeinden verbündet, um das Land zu "demokratisieren".

Doch de facto wurde keine einzige demokratische Institution erfolgreich aufgebaut. Stattdessen bedienten sich jene Kriegsfürsten und kleptokratischen Eliten an westlichen Hilfsgelder, und sie tun es bis heute, wie afghanische Investigativjournalisten regelmäßig berichten.

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Mit den Milliarden wurden weder Schulen noch Krankenhäuser errichtet. Stattdessen flossen sie in Luxusimmobilien oder Restaurants in Dubai und anderswo.

Ohne Plan einmarschiert – ohne Plan raus

Mit den Taliban wollte man kurz nach Beginn des Einsatzes keinen Frieden schließen. Stattdessen hat man sie fast 20 Jahre lang bekämpft, um sie dann doch an den Verhandlungstisch zu holen.

Wichtige Ziele des Antiterrorkrieges wurden nicht erreicht oder hatten, wie sich zeigte, gar nichts mit der aufwendigen Besatzung Afghanistans zu tun. Taliban-Gründer Mullah Mohammad Omar starb 2013 eines natürlichen Todes – nahe einer US-Militärbasis in der Provinz Zabul. Al-Qaida-Chef Osama bin Laden verweilte bis zu seiner Tötung durch amerikanische Navy SEALs in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad – weit entfernt von jenen afghanischen Dörfern, die regelmäßig von Drohnen überwacht und bombardiert wurden.

Es ist verständlich, dass man angesichts dieses Verlaufes nur noch raus will, aber es ist unverantwortlich. Die westlichen Truppen sind in Afghanistan ohne jeglichen Plan einmarschiert – und nun verlassen sie das Land auch ohne Plan.

Die Illustration einer brennenden Flagge Afghanistans. (imago images / YAY Images) (imago images / YAY Images)Zwischen den Fronten: Wie Kulturschaffende in Afghanistan angegriffen werden. [AUDIO]
Im Machtkampf zwischen Taliban und der afghanischen Regierung sind Kulturschaffende zu Sündenböcken und Opfern erklärt geworden. Es sei zu einfach, die Schuld dafür nur den Taliban zu geben, sagt Amnesty-International-Sprecher Tillmann Schmalzried. Beide Seiten hätten schon unliebsame Schriftstellerinnen oder Künstler angegriffen. So habe der Präsident Aschraf Ghani die Chefredakteurin der größten Tageszeitung vertrieben. Auf der anderen Seite hätten zuletzt die Islamisten den Comedian Khasha Zwan getötet.

Ganz raus kommt man nicht

Dass der Krieg am Hindukusch nicht militärisch zu lösen ist, sollte mittlerweile allen klar sein. Umso wichtiger sind allerdings innerafghanische Verhandlungen, die von beständigem internationalen Druck angetrieben werden müssen. Ganz raus kommt man ohnehin nicht, oder zumindest nur zu einem hohen Preis.

Niemand kann sich ein 30-Millionen-Einwohner-Land zwischen Iran und Pakistan wünschen, das den Warlords, Drogenbaronen und religiösen Eiferern gehört, die weltweite Verbindungen zu Ihresgleichen unterhalten. Deshalb wird Afghanistan weiterhin vom Westen abhängig sein – auch nach 20 Jahren und Milliarden von Hilfsgeldern noch.

Wenn manche nun trotzdem versuchen, mit all diesen Dingen Hals-über-Kopf abzuschließen, werden sie früher oder später von den gravierenden Fehlern dieses Krieges eingeholt werden. Wer Afghanistan ein weiteres Mal sich selbst überlässt, wird allerspätestens bei der nächsten Flüchtlingswelle merken, dass das ein Fehler war.

Porträtaufnahme von Emran Feroz , der an einer Säule lehnt. (picture alliance / Frank May)Emran Feroz (picture alliance / Frank May)Emran Feroz ist freier Journalist mit afghanischen Wurzeln und österreichischem Pass. Er berichtet regelmäßig über die politische Lage im Nahen Osten und Zentralasien. Feroz recherchierte unter anderem die dramatischen Folgen der amerikanischen Drohnenangriffe in Afghanistan und veröffentlichte dazu das Buch "Tod per Knopfdruck: Das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder: Wie Mord zum Alltag werden konnte".

 

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